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Nach dem Curevac-Desaster Von wegen Debakel – warum Europas Impfstoffstrategie doch nicht so verkehrt war

Nach dem Curevac-Desaster: Von wegen Debakel – warum Europas Impfstoffstrategie doch nicht so verkehrt war
Sehen Sie im Video: CureVac-Impfstoff floppt – vorläufige Wirksamkeit nur bei 47 Prozent.




Herber Rückschlag für CureVac: Der Covid-19-Impfstoff der Tübinger Biotechfirma ist nach vorläufigen Daten in der entscheidenden Zulassungsstudie gefloppt. Die Wirksamkeit lag demnach nur bei 47 Prozent. CureVac will die Studie aber bis zu ihrer finalen Auswertung mit weiteren Corona-Fällen fortsetzen, wobei sich die endgültige Wirksamkeit noch verändern könnte. Unterstützung bei der Entwicklung erhielt CureVac auch vom Leverkusener Bayer-Konzern. An der Frankfurter Börse stürzte die CureVac-Aktie um rund 50 Prozent ab. Die Aussichten für eine Zulassung des Impfstoffs sind mit der gegenwärtigen Wirksamkeit mau: Die Weltgesundheitsorganisation WHO erwartet eine Wirksamkeit von mindestens 70 Prozent, die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte im vergangenen Jahr einen Mindestwert von 50 Prozent festgelegt. CureVac hatte eigentlich geplant, nach den Daten "schnellstmöglichst" eine Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde Ema zu beantragen. Die Europäische Union hatte sich von dem Impfstoff bereits rund 400 Millionen Dosen gesichert. Die Entwicklung zog sich aber unerwartet in die Länge, weshalb auch das Bundes-Gesundheitsministerium das Vakzin vorerst nicht mehr für die laufende Impfkampagne einplante.
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Zu zögerlich. Zu wenig. Zu billig. Die EU musste sich nach der Impfstoffbestellung viel Kritik anhören. Nach dem Curevac-Desaster zeigt sich: So ganz falsch haben die Gesundheitsexperten der EU damals nicht gelegen.

Wer sich als Neuling an die Börse wagt, bekommt früher oder später folgenden Rat zu hören: "Nicht alle Eier in einen Korb legen." Gemeint ist damit, dass der frischgebackene Anleger das Risiko streuen und nicht sein komplettes Kapital in die Aktien eines Unternehmens bzw. einer Branche stecken soll. Der vernünftige Gedanke dahinter: Gerät die Firma bzw. die Branche in Turbulenzen, droht ansonsten im schlimmsten Fall der Totalverlust.

Vor genau diesem Problem stand die Europäische Union (EU), als es im vergangenen Sommer darum ging, welchen Corona-Impfstoff sie bestellen sollte. Zur Erinnerung: Die erste Welle der Pandemie war gerade abgeebbt. Schnell war klar: Nur durch eine Impfung würde sich das Virus in Schach halten lassen. Immerhin, das war die gute Nachricht: Es standen mehrere vielversprechende Kandidaten zur Verfügung, unter anderem Biontech, Astrazeneca und eben auch Curevac, das jetzt gravierende Probleme mit der Wirksamkeit seines Vakzins einräumen musste. 

Das Problem: Bei keinem Kandidaten ließ sich zu dem Zeitpunkt seriös abschätzen, ob das von den Firmen verfolgte Konzept auch zum Erfolg führen würde. Deshalb wählte man in Brüssel einen Portfolioansatz zur Risikostreuung. Oder eben: Man legte seine Eier in viele verschiedene Körbe und schloss Verträge mit diversen Pharma-Unternehmen.

Eine Strategie, für die die EU im Herbst viel Prügel kassierte, als sich abzeichnete, dass die Impfkampagnen etwa in Großbritannien und den USA deutlich schneller Fahrt aufnahmen als in der Union. Ein Teil der Kritik war sicher berechtig. Zu viel Bürokratie und eine übertriebene Knickerigkeit bei den Preisverhandlungen bremsten anfangs die europäische Impfstoffbestellung und ließen die Europäer als ziemliche Vakzin-Schnarchnasen dastehen. Tenor: zu wenig bestellt. Zu spät. Zu billig.

Nach dem heutigen Curevac-Desaster muss man allerdings konstatieren: So ganz verkehrt hat die EU damals nicht gehandelt. Man stelle sich nur vor: Brüssel hätte sich entschlossen, den Impfstoff des Tübinger Unternehmens zu favorisieren, der damals durchaus als Top-Kandidat galt. Dann hätte man heute womöglich vor den Scherben der europäischen Impfkampagne gestanden.

Dabei können einem die Forscher aus Baden-Württemberg beinahe leid tun. "Schade, das Team aus Tübingen hätte Erfolg verdient gehabt", twitterte jedenfalls ZDF-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

In der Tat war Curevac anfangs ganz vorn in der Impfstoffentwicklung dabei. Doch dann kam es zu einem verhängnisvollen Zaudern. Während Curevac sich noch bemühte, bei der Auswahl des Impfstoffs den perfekten Kandidaten zu finden, begannen Konkurrenten wie Biontech und Moderna längst mit ihren klinischen Studien. Diesem Rückstand liefen die Tübinger stets hinterher, sammelten auch dann noch Daten, als die Impfstoffe der Konkurrenz längst in den Oberarmen von Menschen auf der ganzen Welt landeten.

Anfangs hatte es noch optimistisch geheißen, das Unternehmen erwarte, abhängig von den Studiendaten, die Zulassung seines Impfstoffes für das zweite Quartal. Dann wurde bekannt, dass sich das Verfahren weiter verzögern würde, ehe schließlich heute die Bombe platzte, dass der Impfstoff in einer Zwischenanalyse eine Wirksamkeit von lediglich 47 Prozent erreicht. In den USA brach der Börsenkurs der Curevac-Aktie im nachbörslichen Geschäft zeitweise um mehr als 50 Prozent ein.

Die EU hat sich von Curevac 405 Millionen Impfdosen gesichert. Laut Gesundheitsministerium wird das Mittel in Deutschland erst in die Planung für die Impfkampagne aufgenommen, wenn die Zulassung durch die Europäische Gesundheitsbehörde erfolgt ist.

Neben Curevac befindet sich derzeit noch ein weiterer EU-Impfstoffkandidat in einem fortgeschrittenen Teststadium: das Vakzin des französisch-britischen-Arzneimittelherstellers Sanofi-Glaxosmithkline. Es handelt sich um eine proteinbasierte Variante und beruht damit auf einem klassischen Impfstoffprinzip. Von Sanofi-GSK hat die EU 300 Millionen Dosen geordert.

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