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ZDF und "Washington Post" berichten: Schweizer Firma verkaufte Staaten abhörsichere Technik – und gehörte heimlich BND und CIA

Staaten in aller Welt verließen sich bei der Verschlüsselung ihrer Kommunikation jahrzehntelang auf ein Unternehmen. Dass dieses zeitweise vom BND und der CIA kontrolliert wurde, wussten sie nicht. Recherchen legen Details über eine geheime Operation offen.

Der BND soll 1993 nach mehr als 20 Jahren bei der Firma ausgestiegen sein

Der BND soll 1993 nach mehr als 20 Jahren bei der Firma ausgestiegen sein

DPA

Der Bundesnachrichtendienst und der US-Auslandsgeheimdienst CIA haben nach Medienberichten mittels einer Verschlüsselungsfirma über Jahrzehnte hinweg mehr als 100 Staaten ausgespäht. Das bestätigten von führenden BND- und CIA-Mitarbeitern verfasste Akten, die das ZDF, die "Washington Post" und das Schweizer Fernsehen auswerteten und über die die Medien am Dienstag berichteten. Im Zuge der Recherchen hat der Schweizer Bundesrat bereits eine Untersuchung veranlasst.

Den Berichten zufolge verließen sich Regierungen in aller Welt bei der Verschlüsselung ihrer Kommunikation auf die Schweizer Firma Crypto AG - im Unwissen darüber, dass diese seit 1970 in Besitz der CIA und des BND gewesen sei und die Geheimdienste in der Lage waren, die Verschlüsselung zu knacken. 

Der frühere Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer (CDU) bestätigte dem ZDF die Geheimdienstoperation mit dem Namen "Operation Rubikon". Der BND habe die Zusammenarbeit mit der CIA demnach aber 1993 beendet. "Der Bundesnachrichtendienst nimmt zu Angelegenheiten, welche die operative Arbeit betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung", erklärte der BND am Dienstag auf Anfrage. 

CIA und BND verdienten Millionen mit der Firma

Der "Washington Post" zufolge weisen die ausgewerteten Unterlagen darauf hin, dass mehr als 120 Länder zwischen den 1950er und den 2000er Jahren Verschlüsselungstechnik der Firma verwendeten. Als die CIA und der BND in Besitz der Firma gewesen seien, hätten sie Millionen daran verdient. Das ZDF zitiert die ausgewerteten Papiere mit den Worten: "Die jährliche Gewinnausschüttung (...) wurde dem BND-Haushalt zugeschlagen, (...) Haushaltsausschuss und Rechnungshof hatten darüber keine Kontrolle." 

Unheimliche Fotoausstellung: So nah waren Sie dem BND noch nie

Die Medien werteten demnach bisher unveröffentlichte CIA- und BND-Dokumente über die von 1970 bis 1993 laufende "Operation Rubikon" aus. "Diplomatische und militärische Verkehre vieler wichtiger Länder der Dritten Welt, aber auch europäischer Staaten (...) konnten (...) flächendeckend mitgelesen werden", heißt es demnach in den Unterlagen. Die "Operation Rubikon" werde als "eine der erfolgreichsten nachrichtendienstlichen Unternehmungen der Nachkriegszeit" bezeichnet.

Die Schweizer Firma Crypto AG war den Medienberichten zufolge seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Beginn dieses Jahrhunderts einer der größten Anbieter für abhörsichere Kommunikation und verkaufte diese weltweit. Zu den Kunden zählten rund 120 Länder, darunter der Iran, südamerikanische Regierungen sowie Indien und Pakistan. BND und CIA waren demnach ab 1970 jeweils zur Hälfte Eigentümer der Firma. Die Kunden hätten nicht gewusst, dass BND und CIA die Technik manipulieren ließen

Die größten Abnehmer für die manipulierte Technik waren demnach Saudi-Arabien und der Iran. Jahrzehntelang seien deutsche und US-Stellen über die geheime Regierungskommunikation des Iran informiert gewesen, auch während der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran 1979.  

Die Dokumente belegten außerdem erstmals, dass BND und CIA frühzeitig über den Sturz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende 1973 und schwere Menschenrechtsverletzungen durch die argentinische Militär-Junta informiert gewesen seien, wo Tausende Regimegegner verschwanden und zum Beispiel aus Hubschraubern lebendig ins Meer geworfen worden waren. Von Deutschland und den USA weitergeleitete entschlüsselte Funksprüche der argentinischen Marine hätten außerdem 1982 entscheidend zum Sieg Großbritanniens im Falklandkrieg beigetragen.

"Der Geheimdienst-Coup des Jahrhundert"

"Es war der Geheimdienst-Coup des Jahrhunderts", heißt es demnach in den CIA-Dokumenten. "Ausländische Regierungen zahlten gutes Geld an die USA und Westdeutschland dafür, dass ihre geheimste Kommunikation von mindestens zwei (und möglicherweise bis zu fünf oder sechs) Ländern mitgelesen werden konnte."     Den Medienberichten zufolge nutzten zahlreiche Länder die Crypto-Produkte. Allerdings hätten die wichtigsten Gegenspieler des Westens - Russland und China - nie darauf zurückgegriffen.     Dass diese Geheimdienst-Aktion stattfand, war lange vermutet worden - in vor Jahrzehnten aufgetauchten Dokumenten gab es immer wieder Anspielungen. Bewiesen werden konnte es bislang aber nie.

"Die zur Diskussion stehenden Ereignisse nahmen um 1945 ihren Anfang und sind heute schwierig zu rekonstruieren und zu interpretieren", teilte das Schweizer Verteidigungsministerium der Deutschen Presse-Agentur in Wien mit. Der Schweizer Bundesrat habe daher am 15. Januar Niklaus Oberholzer, bis Ende 2019 Bundesrichter, damit beauftragt, die Faktenlage zu klären. Oberholzer soll bis Ende des laufenden Jahres Bericht erstatten. Laut Verteidigungsministerium wurde der Bundesrat im "Nachgang der Medienrecherchen" am 5. November 2019 über den Fall informiert. 

Der "Spiegel" nannte die Crypto AG in einem Artikel 1996 die "allererste Adresse bei den Heimlichkeitswerkzeugen". Darin berichtete das Magazin auch über "verworrene" Besitzverhältnisse und dass deutsche und amerikanische Geheimdienste im Verdacht stünden, "bis Ende der achtziger Jahre Cryptos Schutzgeräte so manipuliert zu haben, daß [sic!] ihre Codes im Handumdrehen zu knacken waren".

Die Crypto AG sei 2018 in zwei Firmen aufgespalten worden, berichtete das ZDF. Den neuen Geschäftsleitungen lägen über die Zeit davor keine Erkenntnisse vor, hieß es.

fin / DPA / AFP