VG-Wort Pixel

David Cameron Ein Spin-Doktor für den Tory-Chef


Bisher kommt Tory-Chef David Cameron eher fad daher. Bisher. Denn nun wurde Andrew Coulson als Spin-Doktor angeheuert. Er soll dem Wahlkampf des Politikers Schwung verleihen. Tatsächlich tragen seine Kampagnen bereits erste Früchte.
Von Frank Heinz Diebel, London

Böse Zungen behaupten, dass der blassgesichtige David Cameron, Parteivorsitzender der britischen Konservativen, nur ein müder Abklatsch von Tony Blair sei. In der Tat macht der Tory-Chef viele Anleihen bei dem Ex-Premier. Auch Camerons jüngster Schachzug erinnert an New-Labour-Strategien: Er hat einen Spin-Doktor eingestellt, der ihm helfen soll, seinen Wahlkampf zu "boulevardisieren". Der Grund: Der Oppositionsführer will sich endlich auch die Wählerstimme des kleinen Mannes sichern, die ihm als Absolventen der noblen Privatschule Eton und der Elite-Uni Oxford gerne verloren geht.

Andrew Coulson, der neue "Director of Communications" des konservativen Partei-Chefs, ist ehemaliger Chefredakteur der "News of the World" und will den faden Cameron bunter, schriller und konservativer machen. Das kann Coulson gut, denn die "News of the World" ist eine der dreistesten Boulevardzeitungen des Königreichs. Täglich überrascht das Blatt seine Leserschaft mit einem bunten Cocktail von Geschichten unterhalb der Gürtellinie des guten Geschmacks.

So veröffentlichte das Blatt vor einigen Jahren als Akt der Selbstjustiz Privatadressen von Pädophilen. "Pädos" im ganzen Land wurden daraufhin von aufgebrachten Menschengruppen gejagt. Im August 2000 wurde das Wort "Pädo" in leuchtend roter Farbe an das Haus einer Kinderärztin in Newport gesprüht. Ein wütender Nachbar wusste offensichtlich den Begriff Kinderärztin - im Englischen "paediatrician" - nicht vom Begriff "paedophile" zu unterscheiden.

Ohne Spin-Doktor geht nichts

Der Spin-Doktor oder Medienmanager nimmt in der britischen Politik inzwischen eine zentrale Rolle ein. Eine Wahl ohne die tatkräftige Unterstützung eines Spin-Doktors zu gewinnen, ist in Großbritannien praktisch unmöglich. Seine Kunst besteht darin, einem Thema einen solchen "Spin" oder Drall zu geben, dass es in den Medien höchste Aufmerksamkeit und Zustimmung erzeugt. Wer als Politiker trotz riesiger Informationsflut eine Botschaft vermitteln will, der braucht effektives Medienmanagement.

Einer der bekanntesten Spin-Doktoren Großbritanniens und ein Meister seines Fachs ist Tony Blairs früherer Berater Alistair Campbell, der vor kurzem seine kontrovers diskutierten Tagebücher unter dem Titel "The Blair Years" veröffentlichte. Seine Pressearbeit bestand unter anderem darin, dass er Journalisten deren Artikel ihm nicht gefielen, persönlich attackierte. Campbells Einfluss auf Blair soll so groß gewesen sein, dass er zwischenzeitlich als Nummer zwei in Downing Street galt.

Auf Hochtouren mit Andrew Coulson

Camerons neuer Medienmanager Coulson soll die Tory-Aktivitäten für die nächsten Parlamentswahlen, die voraussichtlich im Herbst 2008 stattfinden werden, auf Hochtouren bringen. Das will der Journalist mit der trendigen schwarz umrandeten Brille durch eine Rückkehr zu Themen wie Kriminalität und Europa und eine zunehmende "Boulevardisierung" der Kampagne erreichen. Die Leser der konservativen Tageszeitungen "Sun", "Daily Mail", "Daily Express" und "Daily Telegraph" sollen wieder zu Tory-Wählern werden - genau die Zielgruppe, die Ex-Premier Tony Blair den Konservativen mit seiner New-Labour-Bewegung vor zehn Jahren abspenstig gemacht hat.

Der ehemalige Spin-Doktor des früheren Parteivorsitzenden William Hague, Nick Wood, hält Coulson für einen neuen Stern am Himmel der politischen Berater: "Wenn Coulson Cameron eines geraten hat, dann denke ich, war es folgendes: Ohne die begeisterte Unterstützung der Mail, des Telegraph und des Express und einen schönen Rückenwind von der Sun und der Times, ist die Wahl verloren - und zwar haushoch."

Aus Rhys Jones rhetorisches Kapital geschlagen

Es war unter anderem Coulsons Idee, aus dem Mord an dem elfjährigen Rhys Jones rhetorisch Kapital zu schlagen: David Cameron war sich ursprünglich nicht sicher, ob er mit diesem Thema auf einen fahrenden Zug aufspringen würde. In letzter Minute setzte sich sein Berater jedoch durch. Der Tory-Chef verkündete in einer Rede vor Angehörigen der Royal Air Force im englischen Brize Norton, dass der Tod des Jungen Indiz für eine "zerbrochene Gesellschaft" sei.

Anschließend gab Cameron auf Geheiß seines Spin-Doktors eine Reihe von Radio-Interviews. Coulson will seinen Boss stärker als bisher ins Rampenlicht rücken. Und das unter anderem mit Themen für die "working class", die Arbeiterklasse, denn der Berater ist das gesellschaftliche Gegenstück seines Chefs. Coulson ist Arbeiterklasse, Anti-Establishment, ein Self-Made-Man. Cameron hingegen ist das typische Produkt einer elitären britischen Privaterziehung: arrogant, versnobt und weltfremd. Mithilfe seines neuen Spin-Doktors will der Tory-Leader jetzt die Schichten der Gesellschaft erreichen, die ihm bislang verschlossen blieben.

"Mehr Liebe für die Hoodies"

Bis dato hatte sich Cameron in erster Linie auf eine Modernisierung des Tory-Images konzentriert und war dafür schon ungewöhnliche Wege gegangen. Er forderte mehr Verantwortung gegenüber der Umwelt, entwickelte Ideen zur Rettung des staatlichen Gesundheitswesens (NHS) und appellierte an die Bevölkerung, jugendlichen Kriminellen - auch "hoodies" genannt - mehr "Liebe zu zeigen". "Hoodies" ist ein Slangwort für Gangster, die zum Schutz vor Kameras eine Kapuze überstreifen (hood: engl. für Kapuze). Daraus ist eine weit verbreitete Mode unter britischen Teenagern geworden. In der Bevölkerung sorgte das für so viel Unruhe, dass 2005 ein Shopping-Center in Kent ein Kapuzenverbot erließ. Camerons "Liebesappell" verspottete die britische Presse scherzhaft als "Hug a Hoodie"-Kampagne.

Der Tory-Chef steigerte so zwar seine Popularität in der Bevölkerung, aber er vergrätzte auch Stammwähler und Parteigenossen. Immerhin hatte er sich weit von dem traditionellen konservativen Themenspektrum Wirtschaft, Europa und Kriminalität entfernt. Also musste jemand her, der Cameron wieder auf den "rechten" Weg bringen konnte. Neben rhetorischen Kniffen und Interview-Terminen entwickelt Coulson auch konkrete Projekte zur Rettung Großbritanniens: Vor einigen Tagen verkündete Cameron, dass er Jugendliche zu sozialen Diensten oder militärischem Training heranziehen wolle - gegen Bezahlung. Das soll die "zerbrochene Gesellschaft heilen". In den Medien wurde das Vorhaben als Wiedereinführung des Wehrdienstes angekündigt.

Kampagne trägt erste Früchte

Die jüngsten Umfragewerte zeigen, dass die "Boulevardisierung" von Camerons Kampagne bereits erste Früchte trägt: Laut einer Populus-Befragung in der "Times" ist Gordon Browns Vorsprung auf ein Prozent zusammengeschmolzen. Seit der letzten Umfrage vor fünf Wochen hat Labour mit 37 Prozent zwei Punkte verloren und die Torys haben mit 36 Prozent drei Punkte zugelegt. Coulson hat die Zeichen der Zeit erkannt. Man darf gespannt sein, was sich David Camerons neuer Spin-Doktor als Nächstes einfallen lässt. Vielleicht "arrest a hoodie" statt "hug a hoodie"?


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker