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Abschiedspläne Großbritanniens: Von Grönland, Ignoranz und Johnson, Boris: der Brexit von A bis Z

Am Dienstag wird im britischen Parlament über den Brexit-Deal mit der EU abgestimmt - und mit großer Wahrscheinlichkeit dagegen. Was danach passiert? Keiner weiß es. Von Neuwahlen, über Misstrauensvotum bis zu einem zweiten Referendum ist alles möglich. Als kleine Orientierungshilfe ein nicht immer ernster Leitfaden durch das Dickicht des Abschied-Irrsinns.

Die britische Premierministerin hat die Abstimmung über den Brexit vertagt – Demonstranten nehmen das Gezerre mit einer Skulptur aufs Korn

Was genau ist das hier? Demonstranten nehmen das Brexit-Gezerre mit einer Skulptur aufs Korn

DPA

A wie anti-europäisch:

Grundton des insularen Lebens schon lange vor dem Brexit. Großbritanniens EU-Beitritt war ja nie Liebeserklärung, sondern getrieben von Kosten und Nutzen. Der "Daily Express" notierte in den 80er Jahren: "Der letzte wirklich erfolgreiche britische Ausflug nach Europa war am 6. Juni 1944." D-Day, klar. Andere Ausflüge auf den Kontinent endeten oft mit Niederlagen im Elfmeterschießen.

B wie Backstop:

Ist nur als Notfallversicherung gedacht, aber der große Knackpunkt. Im Vertrag mit der EU wird Nordirland wegen der Außengrenze zur Republik anders behandelt als der Rest Britanniens. Dagegen wehren sich die Abgeordneten der nordirischen -> DUP, dagegen wehren sich aber auch jene, denen Nordirland eigentlich völlig schnuppe ist. Allen voran -> Johnson, Boris. Der bereiste während des Wahlkampfs die Grenzregion und verblüffte seine Gesprächspartner damals mit raumgreifender -> Ignoranz. Boris wusste nicht mal, dass dort schlimmstenfalls wieder eine Grenze mit Schlagbäumen entstehen könnte. Er wurde dann Außenminister.

Abstimmung über Brexit-Vertrag im Januar: Labour-Chef Jeremy Corbyn kündigt Misstrauensantrag gegen May an

C wie Cameron, David:

Ehemaliger Premier, der den ganzen Wahnsinn verursacht hat. Wollte mit dem Referendum ursprünglich die Euroskeptiker in seiner Partei befrieden - und spaltete stattdessen das ganze Land. Sitzt nun in seiner Gartenhütte, schreibt seine Memoiren. Und wartet mit der Veröffentlichung so lange, bis das Drama vorüber ist. Womöglich also bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.

D wie Democratic Unionist Party:

Obskure nordirische Partei, auf deren Stimmen -> May, Theresa angewiesen ist. Für die DUP ist dies der "Moment of Fame", den sie auskostet - ehe sie alsbald wieder in berechtigte Vergessenheit gerät. Man muss wissen, dass die DUP weniger als 30 Prozent der heimischen Wählerschaft repräsentiert - und daheim zusehends unpopulärer wird. Die Nordiren stimmten mehrheitlich gegen den Brexit, werden aber in Westminster von zehn europafeindlichen Abgeordneten vertreten. Eine von vielen Absurditäten.

E wie EU:

Viele Briten wissen immer noch schockierend wenig über die EU. Meist gegoogelte Frage zum EU-Austritt auf der Insel: "Was bedeutet Brexit?" Nach einer Untersuchung des King's College glauben nach wie vor 42 Prozent an die legendäre Lüge auf Boris Johnsons Wahlkampfbus, wonach Großbritannien pro Woche 350 Millionen Pfund nach Brüssel überweist. Das Angenehme ist: Die raumgreifende EU-Ahnungslosigkeit fällt hier kaum jemandem auf. Außer EU-Bürgern natürlich.

F wie Freiheit:

Frei, endlich frei! Endlich völlig losgelöst von der -> EU. Irgendwann bestimmt wieder "Rule Britannia". So in etwa stellen sich die -> Hardliner Großbritanniens Zukunft vor.

G wie Grönland:

Größte Insel der Welt und Vorbild für die kleine Insel. 1985 verließen die Grönländer die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, den Vorläufer der EU. So weit ist es nun mit dem einstigen Empire: Von Grönland lernen heißt siegen lernen.

H wie Hardliner:

Siehe auch -> Johnson, Boris, -> Rees-Mogg, Jacob, deren wesentliche Brexit-Kompetenz besteht aus …

I wie Ignoranz:

Neulich im -> Parlament: Der Labour-Abgeordnete Mike Kane fragt, warum er einem Deal zustimmen soll, der britischen Arbeitern künftig das Recht nimmt, in der EU zu arbeiten? Tja, das nennt sich Brexit, Sir. Und genau dafür haben 52 Prozent Ihrer Landsleute gestimmt. Kanes brachiale Dämlichkeit wurde allerdings noch getoppt von seiner konservativen Kollegin Nadine Dorries, die sich darüber beschwerte, dass bald keine Briten mehr im Europaparlament sitzen. Auch schön: Kurz vor seinem Rücktritt als Brexit-Minister wunderte sich Dominic Raab über die vielen Lkw in Dover. Ihm war bis dahin noch nicht aufgegangen, wie viele Waren dort vom Kontinent auf der Insel anlanden. Hut ab. Im Verbreiten von Peinlichkeiten allerdings ist niemand so begnadet wie …

J wie Johnson, Boris:

Früher Korrespondent in Brüssel, später Bürgermeister von London, dann Abgeordneter und oberster Outist, hernach Außenminister, nach seinem Rückzug von diesem Posten wieder oberster Outist. Will aber eigentlich nur Premierminister werden. Obschon er einst (und hoffentlich korrekt) voraussagte, seine Chancen auf den Job seien so groß, "wie Elvis Presley auf dem Mars zu finden oder als Olive wiedergeboren zu werden".

K wie Kosten:

Der EU-Austritt kostet die Briten zunächst einmal 39 Milliarden Pfund. So geht's bereits los. Denn der Brexit macht die Briten auf jeden Fall ärmer: Unter allen möglichen Szenarien schrumpft die Wirtschaft in den nächsten 15 Jahren um 4 Prozent (realistisch) und bis zu 10,7 Prozent - für den Fall, dass die Briten ohne Abkommen aus der EU krachen, was nach dem Chaos der vergangenen Wochen nicht ß ausgeschlossen ist.

L wie Labour Party:

Die große, alte Arbeiterpartei, die aber auch keinen richtigen Plan für den Brexit hat. Die Basis wünscht sich ein -> Zweites Referendum, Parteiboss Jeremy Corbyn neue -> Wahlen. In der Hoffnung, vom desolaten Zustand der Konservativen zu profitieren. Corbyn übersieht allerdings, dass er auf dem Weg in die Downing Street selbst ein großes Hindernis ist. Ohne den Zausel stünde seine Partei nach Einschätzungen von Experten 15 Prozent besser da.

M wie May, Theresa:

Premierministerin, die erst das Mantra "Brexit means Brexit" ausgab, es um "No deal is better than a bad deal" erweiterte, dann mit einem "So lala"-Deal aus Brüssel heimkehrte und den nun durchs -> Parlament peitschen will. Versprach ursprünglich eine Abstimmung am 11. Dezember, merkte dann aber, dass sie verlieren würde, sagte wieder ab und verschob das Ganze auf den 15. Januar. Hoffte (vergebens), dass die die Parlamentarier über den Jahreswechsel irgendwie zur Besinnung kommen würden und darauf, dass die nichts mehr fürchten als…

N wie No Deal:

Albtraum für EU wie Briten. Alles auf null. Staus von Dover bis London, mögliches Chaos im Flugverkehr, Engpässe bei Nahrung und Medizin, Pfund im Sturzflug, Inflation im Höhenflug, Hauspreise runter um 30 Prozent. Schlimmste Rezession seit fast hundert Jahren. Sagt die Bank of England für den Worst Case voraus. Will natürlich niemand. Kann aber passieren.

O wie Oma Brenda aus Bristol:

Die Rentnerin fasste vor eineinhalb Jahren das Lebensgefühl der Briten sehr präzise zusammen, als May Neuwahlen ausrief. Darauf von einem TV-Team auf der Straße angesprochen, entfuhr Brenda: "Oh, nicht schon wieder! Ich kann nicht mehr."

P wie Parlament:

650 Abgeordnete sitzen im Unterhaus, davon 317 Konservative, 257 von Labour, 35 Schotten, 10 Nordiren, 11 Liberale, 4 Waliser, eine Grüne und ein Unabhängiger. Die Regierung benötigt die einfache Mehrheit, um den Deal durchzubekommen. Das ist die leichte Version. Die komplizierte geht so: Diese Abgeordneten sind jenseits der Parteigrenzen zersplittert in solche, denen der Brexit nicht hart und schnell genug sein kann; in solche, denen der Brexit nicht weich genug sein kann; in solche, die gar keinen Deal wollen -> No Deal; in solche, die May nur weg haben wollen -> Hardliner; in solche, die gern neue -> Wahlen hätten. Und in solche, die ein -> zweites Referendum fordern. Aus dieser Gemengelage eine Mehrheit zu filtern, wäre selbst für Genies zu viel. Der im Frühjahr verstorbene Stephen Hawking erklärte May bei einer Preisverleihung: "Ich kann eine ganze Menge. Aber dieser Brexit überfordert mich." Nach Stand der Dinge, so viel Klarheit gibt es immerhin, wird die Regierung im ersten Anlauf krachend scheitern. Die Frage ist nicht ob, sondern wie klar. May hat dann wenige Tage, um nachzubessern. Muss dann wieder vors Parlament. Und wieder grüßt das Murmeltier. 

Q wie Queen:

Die Königin hält sich offiziell aus allem raus. Wenige Wochen nach dem Referendum trug sie mal einen blauen Hut mit gelben Blümchen drauf, was EU-Freunde unverblümt als versteckte Botschaft deuteten. Unfug natürlich.

R wie Rees-Mogg, Jacob:

Sprecher und Gesicht der European Research Group (ERG) mit Hang zu parfümiertem Englisch. Was sich wie ein akademischer Kreis zur Erforschung europäischer Eigenarten anhört, ist nichts anderes als ein Trupp von ein paar Dutzend expliziten -> Antieuropäern. Diese Herren initiierten nach wochenlangem Gezerre das partei-interne Misstrauensvotum gegen May, dass sie mit 200 zu 117 Stimmen gewann. Seine größte Leistung bislang: Er stellte einen Rekord für das längste je im Parlament benutzte Wort auf, "Floccinaucinihilipilification", was so viel wie Geringschätzung bedeutet. Den Rekord ist er mittlerweile auch schon wieder los.

S wie Sterling:

Stolz der Briten, ihr einst wunderbares Pfund Sterling. Das allerdings seit zwei Jahren schwächelt und im Falle eines -> No Deal… Aber das hatten wir ja schon.

T wie Tohuwabohu, englisch auch Tohobohu:

Allgemeiner Zustand des Landes, exemplarisch zu besichtigen im -> Parlament. Kurz vor Weihnachten soll dort Jeremy Corbyn die Premierministerin "stupid woman" genannt haben. Behaupteten Lippenleser. Corbyn stritt ab und sagte, er habe "stupid people" gesagt. So was beschäftigt die Briten, nicht mal 80 Tage vor dem EU-Abschied. Poor Britannia.

U wie Unicorn, Einhorn:

Recht gebräuchliche Metapher für all die Märchen, die den Menschen vor dem Referendum vor zweieinhalb Jahren aufgetischt wurden. Aber auch für den Glauben, nach dem Brexit werde alles toll, toll, toll. Bekannteste Jäger des Einhorns sind -> Boris Johnson und -> Jacob Rees-Mogg.

V wie Vereinigtes Königreich:

Aber wie lange noch? Die störrischen und europafreundlichen Schotten betrachten das Spektakel im Süden der Insel mit einer Mischung aus Schadenfreude und Entsetzen. Sie bringen sich schon mal vorsichtig in Stellung für ein -> Zweites Referendum – über Schottlands Unabhängigkeit. Das ist allerdings noch Schnee von morgen.

W wie Wahlen:

Ein weiteres Szenario, auf das vor allem -> Johnson, Boris und Jeremy Corbyn hoffen. Sehr zum Groll von -> Oma Brenda.

X wie Xenophobie: 

Ausländerfeindlichkeit, die deutlich zunahm. Das Referendum war der Dosenöffner für die Büchse der Pandora. Es wird mittlerweile fast alles ausgesprochen, was früher undenkbar war.  Vor Westminster lärmen rechte Spinner, beschimpfen Abgeordnete als Nazis und sind selbst welche. Dazu kommt Hysterie. Anfang Januar setzten etwas mehr als hundert Flüchtlinge in Schlauchbooten über den Kanal. Innenminister Sajid Javid brach eigens seinen Urlaub ab.Als bedeuteten hundert arme Seelen in Gummibooten eine Staatskrise. Javid, das nur am Rande, stammt von pakistanischen Einwanderern ab. 

Y wie YouGov:

Bekanntestes Meinungsforschungsinstitut in Großbritannien. Die meisten Umfragen sehen das Land nach wie vor etwa zur Hälfte gespalten in Leave und Remain, das ist tagesformabhängig. Dennoch werden die Stimmen lauter für ein …

Z wie Zweites Referendum:

Befeuert von der überparteilichen Graswurzel-Bewegung "People’s Vote". Gewinnt fraglos an Momentum. Dafür spricht, dass das Volk das regeln könnte, was die Volksvertreter offenkundig nicht gebacken kriegen. Dagegen spricht, dass eine Wiederholung das Drama bis mindestens Mai verlängern würde. Und sich Leave-Wähler nicht zu Unrecht verraten fühlen könnten von einer Elite, die die Gültigkeit von Volksentscheiden über den Haufen wirft und so lange abstimmen lässt, bis ihr das Ergebnis passt. Ob eine neue Abstimmung anders als die erste ausfallen würde, ist im Übrigen fraglich. Denn der Grundton ist und bleibt eben doch -> A wie anti-europäisch. 

* Dies ist eine aktualisierte Fassung des Glossars, das in Heft 51 des stern erschien.


Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.