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Athen und die deutsche Doppelmoral: Berlin müsste versuchen, die Griechen zu verstehen

Könnte Berlin gegenüber Athen versöhnlicher sein? Vergangenes Jahr, als eine konservative Regierung im Amt war, fiel Merkel und Schäuble das leichter. Ein Plädoyer gegen die deutsche Doppelmoral.

von Raphael Geiger

Finden keine gemeinsame Wellenlänge: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (l.), Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis

Finden keine gemeinsame Wellenlänge: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (l.), Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis

Wäre eine andere Sprache möglich zwischen Berlin und Athen, gab es nicht mal versöhnliche Worte, ist das vielleicht gar nicht so lange her? Ein paar Zitate aus einen anderen Zeit:

"Wir arbeiten Seite an Seite", sagte Wolfgang Schäuble im Juli 2013, er war gerade zu Besuch in Athen. Dort regierte der konservative Premierminister Andonis Samaras. Schäuble fand, Griechenland sei "auf einem guten Weg", und er hatte sogar Verständnis, dass die Griechen gegen den Sparkurs auf die Straße gingen: "Ich kann gut verstehen, dass viele so empfinden."

Einen Monat später sagte Bundeskanzlerin Merkel: "Man muss Griechenland mal ein Stück Zeit geben, dass sich die Dinge entwickeln können." Als Merkel im April 2014 Athen besuchte, sagte sie: "Die Chancen überwiegen. Ich bin sicher, dass wird auch in Griechenland so sein, trotz der schweren Wegstrecke."

Kein Wort mehr vom angeblichen Aufschwung

Was hat sich seitdem geändert, warum erschien die Lage vor wenigen Monaten viel besser als heute? Die Antwort darauf ist: Die Tsipras-Regierung hat die Erzählung des angeblichen Aufschwungs beendet, sie schildert stattdessen die düstere Realität.

Und sie ist links. Schon vor der Wahl im Januar drohte Berlin den Griechen für den Fall, dass sie Tsipras wählen sollten. Man halte einen Euro-Austritt Griechenlands inzwischen für verkraftbar, hieß es. Übersetzt: Wählt ihr Tsipras, könnt ihr unsere Hilfe vergessen.

Zu der Zeit wollte man noch gern hören, die Krise sei überwunden, ganz langsam beginne ein Aufschwung. Da war die Hoffnung, man könnte sich langsam verabschieden vom nervenden Thema Eurokrise. Es gab Zahlen dazu: ein ganz kleines Wirtschaftswachstum, ein Primärüberschuss - der Staat konnte seine Ausgaben decken, wenn man Schuldzinsen nicht mitrechnet.

Die gleichen Probleme - gestern wie heute

Yanis Varoufakis gab damals schon Interviews, noch nicht als Finanzminister, noch als Ökonom. Er rechnete vor, dass der Überschuss nur zustande kam, weil die griechische Regierung Kredite in die Pensionskasse überwies. Die Pensionskasse meldete daraufhin Überschüsse, die den Haushalt besser aussehen ließen. Die Regierung machte aus Schulden einen Gewinn. Tricks, könnte man sagen. Europa lobte.

In Wahrheit waren die Zahlen 2014 so ernüchternd wie heute. Das Land hat ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung verloren. Jeder Vierte ist arbeitslos und bekommt nach zwölf Monaten keine Hilfe mehr, steht vor dem Nichts. Die Probleme dieser Menschen existierten 2014, sie existieren heute.

Ruhige Straßen in Athen - im Interesse aller Europäer

Die Euro-Länder werfen der griechischen Regierung vor, den Sparkurs zu missachten. Aber was hat sie angekündigt? Lebensmittelmarken für Hungernde; Strom für Leute, denen der Strom abgestellt wurde; Mietzuschuss für Menschen, die sonst ihre Wohnung verlieren würden. Es sind Maßnahmen, die den Sparkurs nicht gefährden, dafür kosten sie zu wenig. Maßnahmen aber, die Menschen ihre Würde zurückgeben. Die den sozialen Frieden schützen. Dass die griechische Straße ruhig bleibt, ist im Interesse aller Europäer.

Daneben machen Tsipras und Varoufakis ja Kompromisse, sie beugen sich in Brüssel, lassen sogar die verhassten Kreditgeber wieder nach Athen. Eine Mehrheit der Griechen will das auch so, nur eine Minderheit wünscht sich mehr Konfrontation.

Über die abgewählte Regierung sprachen deutsche Politiker gemäßigter. Man lobte, versprach Zeit. Die neue Regierung wird dafür kritisiert, sie habe nach zwei Monaten das Steuerproblem noch nicht gelöst. Was ihre Vorgänger über Jahre hinweg nicht schafften.

Berlin müsste versuchen, Athen zu verstehen

Ja, es wäre eine andere Sprache möglich zwischen Berlin und Athen, aber Berlin müsste versuchen, die Griechen zu verstehen.

Verstehen, dass die Griechen jene Politiker abgewählt haben, die das Land reformieren sollten, nachdem sie es selbst in den Abgrund führten – wie der Finanzminister, der am Höhepunkt der Krise eine halbe Million Euro Privatvermögen ins Ausland überwies, während er für die Sparpolitik warb.

Verstehen, dass die aktuelle Regierung für die Krise am wenigsten kann. Dass es die Erste ist, die es ernst meint mit dem Kampf gegen Korruption und Steuerflucht. Dass man mit ihm endlich einen Verhandlungspartner hat, der sein Volk hinter sich weiß.

Verstehen, dass humanitäre Maßnahmen wichtig sind. Für die Menschen, die Hilfe brauchen, und damit die Griechen Reformen akzeptieren. Damit es in Griechenland friedlich bleibt.

Und verstehen, dass man nicht jeden Konflikt mit Tsipras und Varoufakis öffentlich machen muss. Dass man am Verhandlungstisch hart sein kann, wenn man in der Öffentlichkeit versöhnlich ist. Das fiel Schäuble und Merkel leichter, als in Griechenland eine konservative Regierung im Amt war. Damals hinterzog der Finanzminister Steuern, aber er trug dabei eine Krawatte.