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Angriffe auf US-Forschung: Nicht nur eine leidige Hurrikan-Debatte: Wie die US-Wissenschaft unter Trump leidet – und sich wehrt

Die absurde Debatte um die Route von Hurrikan "Dorian" zeigt, wie sehr die US-Wissenschaft durch die Trump-Regierung unter Druck steht. Forscher bezeichnen die Situation als "beispiellos", nehmen sie aber nicht hin.

Hurrikan "Dorian": Streit um bemalte Wetterkarte: Twitter-User zeigen, wie Trump alle Probleme mit einem Stift lösen kann

Es sind dunkle Tage für die NOAA. Die hoch angesehene Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA sieht sich derzeit einem hohen Druck ausgesetzt, das zu tun, was ihrem Sinn und Zweck zutiefst widerspricht: die Unwahrheit über das Wetter zu sagen. Genötigt wurde die NOAA durch das Weiße Haus. US-Präsident Donald Trump hat sich in die Ansicht verbissen, dass Hurrikan "Dorian" drauf und dran war, den Bundesstaat Alabama zu gefährden, wozu es nachweislich nicht kam. Seit geraumer Zeit hält die Debatte an, führte dazu, dass Trump mit einem Textmarker eine Wetterkarte verfälschen ließ und Top-Beamte der Regierung schließlich Druck auf die NOAA ausübten: Auf keinen Fall dürfe die Behörde dem Präsidenten widersprechen. Inzwischen haben die Demokraten eine Untersuchung der Vorfälle gefordert.

Zu Zeiten früherer US-Präsidenten - und zwar sowohl aus dem demokratischen wie dem republikanischen Lager - wäre das Ganze, wenn überhaupt, Sache eines Halbsatzes gewesen. Schließlich gibt es bei tropischen Wirbelstürmen, die sich nördlich von Südamerika im Atlantik bilden, häufig die Möglichkeit, dass sie eine Route in den Golf von Mexiko nehmen - und dann auch ein Thema für Alabama werden. "Dorian" aber nahm den Weg entlang der US-Ostküste nach Norden in kältere Gefilde.

Die Menschen in den Hurrikan-Zonen sind auf verlässliche Daten und Vorhersagen angewiesen, um sich wappnen zu können und die Schäden so gering wie möglich zu halten. Ebenso ist es wichtig, nicht unnötig Panik zu erzeugen. Doch neben der wissenschaftlichen Reputation hat Donald Trump mit seiner "Dorian"-Alabama-Manie auch den Ruf der NOAA als verlässliche Vorhersage-Institution ramponiert - allem Anschein nach nur, um Recht zu behalten und einmal mehr den Medien angebliche "Fake News" vorwerfen zu können.

NOAA-Grafik - Route von Hurrikan Dorian

Die tatsächliche Route von Hurrikan "Dorian"

"Eindeutiger Machtmissbrauch" durch Donald Trump

"Es handelt sich um einen eindeutigen Machtmissbrauch, bei dem Wissenschaftler angewiesen werden, ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit auf die Launen des Präsidenten und nicht auf Beweise zu stützen", macht Jacob Carter in einer Kolumne für die Polit-Webseite "The Hill" deutlich, dass die Hurrikan-Posse in Wahrheit ein ernster Vorfall ist - und zudem nur die Spitze des Eisbergs. Carter ist Forscher beim Zentrum für Wissenschaft und Demokratie bei der Vereinigung besorgter US-Wissenschaftler (UCSUSA). Die Organisation, die Verstöße der US-Regierung gegen die wissenschaftliche Integrität dokumentiert, macht keinen Hehl daraus, dass es noch mit jeder Regierung im Weißen Haus Probleme gegeben hat - auch unter Trumps Vorgängern George W. Bush und Barack Obama. Doch so schlimm wie zur Zeit sei es noch nie gewesen.

Carter hält den "Missbrauch der Wissenschaft" unter Trump für "beispiellos". "Jeder kann sehen, wie lächerlich es ist, wenn die Kritzeleien des Präsidenten auf einer Wetterkarte mit einem Filzstift zur offiziellen Position der Regierung werden", schreibt er, um gleich darauf zu betonen: "aber die gleiche Dynamik wirkt sich auf subtilere Weise auf Bundesbehörden aus, die direkt aus dem Weißen Haus oder von Beauftragten Weisungen erhalten." Seit Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps hat die Vereinigung besorgter Wissenschaftler nach eigenen Angaben 120 Übergriffe auf die Wissenschaft dokumentiert - das sei mehr als unter jeder anderen Regierung.

Daten verschwunden, Forscher zum Schweigen gebracht

Wirklich überraschen kann das nicht. Donald Trump hat es mit der Wahrheit seit jeher nicht so genau genommen und prägte von Anfang an den Begriff "alternative Fakten". Unvergessen, wie die Sprecher des neuen Präsidenten die Amtseinführung des heute 73-Jährigen im Januar 2017 als bestbesuchte Amtseinführung aller Zeiten verkaufen wollten und die Fotos, die das Gegenteil belegten, manipulieren ließen. Als eine der ersten Maßnahmen der Trump-Regierung wurde die Umweltbehörde EPA praktisch mundtot gemacht, indem verfügt wurde, dass jede Veröffentlichung zunächst "politischem Personal" vorzulegen sei. Die Befürchtungen, die mit dieser Maßnahme verbunden waren, haben sich längst bestätigt: Trump will vom Klimawandel nichts wissen; auf keinen Fall sollen Umweltfragen die Wirtschaft belasten oder ausbremsen.

Laut Carter und der UCSUSA verschwinden Forschungsdaten, werden unliebsame Wissenschaftler zum Schweigen gebracht und die wissenschaftliche Integrität namhafter Einrichtungen untergraben - die NOAA ist da nur ein Beispiel. Darüber hinaus schadeten Maßnahmen wie der Muslim-Bann der Personalfindung; es habe sich ein Arbeitsklima der Verunsicherung breit gemacht. "Was tun Sie, wenn Sie eine Anordnung erhalten, ihrem Chef nicht zu widersprechen, und Ihnen mit Kündigung gedroht wird?", fragt Jacob Carter. "Sprechen Sie es aus, dass Ihr Chef falsch liegt, und zwar falsch in einer Art und Weise, die schwerwiegende Folgen für das Leben anderer Menschen haben kann." Oder denke man eher daran, weiterhin die Familie zu versorgen und den eigenen Job nicht zu riskieren?

NOAA-Ehemalige springen für Kollegen in die Bresche

Die Wissenschaftler in den USA versuchen sich gegen die Trump-Regierung auf ihre Weise zu wehren: Sie sammeln und dokumentieren Wissen über die Übergriffe aus der Politik. Und sie erheben Einspruch gegen die Attacken. Bezeichnend dabei: Der Protest gegen die Verfälschung der Hurrikan-Route wird von Ehemaligen der Behörde getragen: "Als ehemalige NOAA-Führer fordern wir eine umfassende Untersuchung aller potenzieller Verstöße gegen die Grundsätze der wissenschaftlichen Integrität der NOAA im Zusammenhang mit der Kommunikation rund um den Hurrikan 'Dorian'. Die jüngsten Maßnahmen, NWS-Wissenschaftler zu zensieren, was die öffentliche Sicherheit gefährdet, stehen im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Prinzipien der NOAA, verletzen das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit des Nationalen Wetterdienstes (NWS)", heißt es in einer erst kürzlich veröffentlichten schriftlichen Beschwerde. Worte und Forderungen, die aktuelle Bedienstete der NOAA allem Anschein nach nicht mehr zu äußern wagen.

Quellen: Union of Concerned Scientists, "The Hill", "NOAA National Hurricane Center"