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Alabama: Die unendliche (und vielleicht skandalöse) Geschichte um Trumps Hurrikan-Warnung

Erst der Fehler bei einer Hurrikan-Warnung, dann eine bizarr bemalte Wetterkarte und nun das: In dem würdelosen Schauspiel um Donald Trumps "Dorian"-Vorhersage für Alabama soll sein zuständiger Minister den Wetterexperten mit Kündigung gedroht haben.

Hurrikan "Dorian": Streit um bemalte Wetterkarte: Twitter-User zeigen, wie Trump alle Probleme mit einem Stift lösen kann

Aus einer verunfallten Hurrikan-Prognose, die gefolgt wurde von einer skurrilen Wetterkarte, könnte sich ein Politikum, vielleicht sogar ein handfester Skandal entwickeln. Neuester Stand dieser bizarren wie mittlerweile unübersichtlichen Posse: US-Handelsminister Wilbur Ross, in seiner Funktion auch Chef der "Nationalen Ozean und Atmosphären-Behörde" (NOAA) also des wichtigsten Wetterinstituts des Landes, soll Wissenschaftlern mit Entlassung gedroht haben, wenn sie nicht ihren Widerspruch gegen eine halbwahre Sturmwarnung des US-Präsidenten zurückziehen sollten. Das schreibt die "New York Times".

Sollte sich der Bericht bestätigen, wäre das ein ungeheuerlicher Vorgang. Um das ganze Ausmaß zu verstehen, die Geschichte von vorne:

Ende August warnte das US-Hurrikan-Warnzentrum NHC vor dem Wirbelsturm "Dorian", der zu dem Zeitpunkt Kurs auf die Südostküste der USA genommen hatte. Die genaue Richtung war noch unklar, aber Florida würde auf dem Weg liegen, wie Donald Trump mitteilte. "Es sieht jetzt so aus, dass er nach South Carolina und North Carolina ziehen wird. Georgia und Alabama werden auch betroffen sein", schrieb er auf Twitter.

Damit begann die ganze Angelegenheit, denn die gefährdeten Gebiete begannen den Notstand auszurufen. Außer Alabama.

Video: Wettervorhersage mit Trump

Hurrikan-Experten vs. Donald Trump

Denn keine Stunde nach Trumps Tweet korrigierte ihn das NHC: Alabama werde nicht betroffen sein, kein Grund zur Sorge. Später wurde bekannt, dass der Bundesstaat harmlose Ausläufer von "Dorian" zu spüren bekommen könnte. Eventuell, die Chance lag bei fünf Prozent. Ungeachtet dieses Hinweises beharrte der US-Präsident darauf, dass der Hurrikan auch Alabama treffen könne und twitterte, die Bewohner sollten auf sich aufpassen.

Wie so oft bei dieser Art von Trumpscher Rechthaberei begannen Medien und Social-Media-Nutzer, den Präsidenten zu verspotten – doch anstatt die Sache der Vergessenheit anheim zugeben, legte der Gescholtene nach.

Auf Twitter und vor Journalisten dann bezeichnete er die Berichte über seine angebliche Falschaussage als künstlich aufgeregt und unwahr. Bei einem Hurrikan-Briefing in seinem Büro im Weißen Haus präsentierte er am Mittwoch eine offizielle Karte des Hurrikan-Verlaufs - irgendjemand hatte offenbar mit einem schwarzen Filzstift das Gebiet der möglichen Sturm-Ausbreitung vergrößert, damit auch noch Alabama berührt wurde.

Weil danach Gerüchte die Runde machten, Trump habe die Karte selbst ausgebessert, fragten Reporter noch einmal nach, wie es zu der veränderten Karte gekommen sei. "Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht", sagte der Präsident und blieb bei seiner Aussage: Eine frühe Hurrikan-Prognose hätte mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit gezeigt, dass Alabama auch betroffen sein würde. So sei es dann aber nicht gekommen, räumte Trump ein. "Alabama hätte schwer getroffen werden sollen", behauptete er.

Als wenn dieses Schauspiel nicht schon würdelos genug gewesen wäre, nahm es danach noch weitere Wendungen: Um zu beweisen, dass er Recht gehabt habe, lud Trump einen Reporter des ihm wohlgesinnten TV-Senders "Fox News" ein. Der hatte danach in einer Mail an seine Redaktion geschrieben, der Präsident wollte nur anerkannt haben, "dass er nicht falsch lag, als er sagte, dass Alabama zu einem bestimmten Zeitpunkt bedroht gewesen sei - selbst als sich die Situation bis zu dem Zeitpunkt, als er den Tweet veröffentlichte, geändert hatte". Daneben soll sich das Staatsoberhaupt auch bei dem Journalisten über die kritische Alabama-Prognosen-Berichterstattung bei "Fox News" beschwert haben.

Hat die NOAA ihren Leuten einen Maulkorb verpasst?

Doch auch damit nicht genug. Einige Tage später berichtete die "Washington Post", dass bei der obersten Wetterbehörde NOAA am 1. September eine Direktive kursiert sei, die den Mitarbeitern - vereinfacht gesagt – nahegelegt haben soll, dem Präsidenten nicht öffentlich zu widersprechen. Ein anonymer Wissenschaftler sagte dem Blatt: "Es ist das erste Mal, dass ich Druck von oben gespürt habe, die echten Vorhersagen zu verschweigen."

Wie es zu dieser angeblichen Ansage kommen konnte, will nun der amtierende Chef-Forscher der NOAA untersuchen. In einer E-Mail verteidigte er die ursprüngliche Vorhersage (die Alabama nicht in Gefahr sah) und verurteilte den "nicht korrekten Widerspruch" als "politische" Reaktion. "Nach meinem Verständnis ist das eine Einmischung, die nicht auf Wissenschaft beruht, sondern auf externen Faktoren, inklusive Ruf und Auftreten, vereinfacht gesagt: die politisch sind.

Und nun also der Bericht über mutmaßliche Kündigungsdrohungen durch Wilbury Ross, dem De-facto-Chef der Wetterbehörde. Konkret: Der "New York Times" zufolge soll Ross am Montag NOAA-Chef Neil Jacobs aufgefordert haben, sich um den Widerspruch des Wetterservice "zu kümmern", was der aber abgelehnt habe. Daraufhin soll Ross mit dem Rauswurf wichtiger Mitarbeiter gedroht haben - darunter auch von Beschäftigten der Unterabteilung vom Nationalen Wetterservice in Birmingham, die die Vorhersage erstellt und letztlich Donald Trump widersprochen hatten. Ein Sprecher von Ross' Handelsministerium wies die Darstellung der "New York Times" zurück.

Ob die Angelegenheit damit nun wirklich erledigt ist?

Quellen: "New York Times", "Vanity Fair", CNN, DPA, AFP, "Washington Post", Donald Trump auf Twitter