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Chef des Ifo-Instituts "Ich glaube schon, dass die Drohungen den freien Welthandel noch retten können"

Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut: "Es muss alles getan werden, um eine weitere Eskalation zu verhindern".
Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut: "Es muss alles getan werden, um eine weitere Eskalation zu verhindern".
© Nicholas Kamm/Ifo Institut/Gabriel Felbermayr / AFP
Trump wird teuer für die Verbraucher – vor allem in den USA. Warum und welche Hoffnung es noch gibt, erklärt Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut in München im Interview mit dem stern.

Herr Felbermayr, Sie haben die Auswirkungen potenzieller US-Zölle auf die deutsche Automobilwirtschaft berechnet und kommen auf Kosten von rund fünf Milliarden Euro. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario denn?

Grundsätzlich darf man Donald Trump nicht unterschätzen: Was er ankündigt, macht er auch manchmal wahr. Aber eben nur manchmal. Unter Umständen lässt sich mit einer robusten Drohgebärde von Seiten Europas noch das Schlimmste verhindern.

Sie meinen, indem die EU Gegenzölle androht oder verhängt, die dann US-Unternehmen treffen?

Genau. Letztlich würde das dem spieltheoretischen Modell vom Gleichgewicht des Schreckens aus dem Kalten Krieg folgen: Man bedroht sich, aber der Ernstfall tritt nie ein, weil man sich sonst gegenseitig vernichtet.


Bloß, dass ein Handelskonflikt glücklicherweise weniger tödlich als ein Atomkrieg ist. Funktionieren da Drohungen genauso gut?

Natürlich wären die Schäden eines Handelskrieges geringer, aber Donald Trump ist schon mehrfach eingeknickt, wenn ihm nicht mehr zugejubelt wurde. Zuletzt bei der Trennung der Immigrantenkinder von ihren Eltern. Ich glaube schon, dass die Drohungen den freien Welthandel noch retten können.

Sie meinen, die Zölle lassen sich noch verhindern?

Verhindern vermutlich nicht, aber solche Zölle lassen sich ja auch schnell wieder aufheben. Ich fürchte, man muss Trump und seinen Handelsberater Peter Navarro als Gesprächspartner abschreiben. Ich habe wenig Hoffnung, deren seit 20 Jahren festgefahrene Meinungen zum Thema zu verändern. Aber es regt sich doch auch in den USA Widerstand: Gegen Trumps Begründung der Zölle mit einer Gefahr für die nationale Sicherheit liegt bereits eine Beschwerde beim obersten Gericht der Vereinigten Staaten vor. Und auch der konservative Senator Bob Corker aus Tennessee, bekanntlich Heimat großer Whiskeyproduzenten, die bereits von Gegenzöllen betroffen sind, hat eine Eingabe gemacht.

Die ersten Gegenmaßnahmen der Europäischen Union sind also wirksam?

Ja, denn die EU hat mit ihren Zöllen auf Harley-Davidsons, Jeans und Whiskey Konsumprodukte ins Visier genommen, während die USA Vorprodukte treffen. Die EU-Zölle sind viel intelligenter, denn die Konsumgüter sind für Käufer leichter austauschbar. Deswegen bleiben die Zölle größtenteils an den amerikanischen Produzenten hängen. Kurz gesagt: Werden diese Produkte teurer, bricht der Verkauf ein. Bei Vorprodukten wie Stahl oder Aluminium sind die Lieferketten komplizierter, ein Ersatz der Güter ist schwieriger. Deswegen wird ein größerer Teil der Zölle durch die Kunden via einer Preiserhöhung getragen. Auch hier zahlen letztlich die US-Konsumenten mehr. 

Haben wir also überhaupt kein Problem mit den Strafzöllen?

Doch, natürlich. Denn ein Teil bleibt immer auch bei den Herstellern. Es muss alles getan werden, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Denn sollten bald auch deutsche Autoimporte belastet werden, ließe sich der Zoll sicher nicht mehr so einfach überwälzen. Ein VW Golf ist ersetzbar. Selbst bei einem Luxusgefährt wie dem Porsche 911 hängt die Nachfrage vom Preis ab.

Wie stehen denn die Chancen, dass man den Konflikt entschärfen kann?

Mittelfristig nicht schlecht, denn egal wie irrational Donald Trump handelt, steht er doch irgendwann wieder zur Wahl. Und der Präsident ist ja nicht die gesamte US-Politik. Aber kurzfristig ist alles auf Krawall gebürstet. Es wird vermutlich vor der Entspannung eine Phase der Eskalation geben. Erst, wenn man die Folgen spürt, kommt Bewegung rein.

Und wie lässt sich der Konflikt dauerhaft lösen?

Am Ende braucht man mehr Freihandel, also so etwas wie ein vollständiges TTIP-Abkommen. Auch in bisher in der EU stark geschützten Branchen wie der Landwirtschaft, in der die USA sehr wettbewerbsfähig sind, wird Europa dann Zugeständnisse machen müssen. 

Ist Trumps Vorgehen dann nicht letztlich ganz im Sinne der Fans des Freihandels?

So weit würde ich nicht gehen: Aktuell wird viel Porzellan zerschlagen, dass sich nicht wieder zusammenfügen lässt. Das Vertrauen ist zerstört, es ist salonfähig geworden, Tabus zu brechen. Das alles hat das Welthandelssystem nachhaltig geschädigt. 

Wie der Handelskrieg unseren Wohlstand gefährdet - im neuen stern

  


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