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Eurokrise Der Grexit killt auch uns


Kurz vor dem Besuch des griechischen Ministerpräsidenten tönt es wieder: Raus aus dem Euro! Aber, was wäre dann? Die Deutschen säßen plötzlich auf einer gigantischen Rechnung.
Ein Kommentar von Andreas Hoffmann

Jetzt kommt Ministerpräsident Antonis Samaras aus Athen und will noch mehr Geld. Diese Griechen! Kriegen nichts auf die Kette und halten weiter die Hand auf. Das wird ein Fass ohne Boden. Dieser Ökonom mit dem komischen Bart und dieser Hüpfer von der CSU, (wie heißt der gleich? Söder?), die haben völlig Recht. Griechen - raus aus dem Euro. Ein Exempel muss statuiert werden.

Nur: Hilft das eigentlich?

Bislang haben wir ja kaum Geld an die Griechen gezahlt. Sicher, Milliarden über Milliarden an Krediten flossen in den Süden, aber das Geld ist geborgt. Es soll zurückgezahlt werden. Und die Milliarden an Bürgschaften sollen nur im Ernstfall fließen. Ein Austritt aus dem Euro aber wäre der Ernstfall. Die Bürgschaften würden fällig, und die Kredite wären futsch. Treten die Griechen aus, können sie nichts mehr zurückzahlen. Die Hilfskredite laufen in Euro und nicht in der neuen Drachme, die dann in Athen gelten dürfte. Die Drachme wird aber viel weniger wert sein als der Euro.

Die Rechnung: bis zu 100 Milliarden Euro

70 bis 100 Milliarden Euro würde die Deutschen ein Austritt aus dem Euro kosten, sagen die Experten. Hängt davon ab, wie man rechnet. 70 bis 100 Milliarden Euro. Keine Bürgschaften oder Kredite, sondern echtes Geld. 70 bis 100 Milliarden, die wir als Kredite aufnehmen müssen. Fast ein Drittel des Bundeshaushalts. Mamma Mia.

Aber dann müssten die Griechen nicht mehr durchgefüttert werden. Das ist so wie bei einer Firma sagen manche Auskenner; geht die Pleite, muss sie auch die Folgen tragen. Blöd ist nur, dass ein Land keine Firma ist. Ein Unternehmen schließt man, wickelt die Außenstände ab und schickt die Mitarbeiter heim. Aber wo schickt man die Bewohner eines Pleitelandes hin? Die Griechen leben weiter in der Ägäis, man kann sie nicht auf den Mond beamen.

Somalia am Mittelmeer

Außer den Europäern und dem Internationalen Währungsfonds überweist keiner den Griechen derzeit etwas. Und drehen wir den Hahn zu, können sie erst recht nichts mehr bezahlen. Keine Gehälter an Polizisten, Soldaten, Ärzte, Lehrer oder Beamte, keine Renten für die Ruheständler, und auch was sonst so nötig ist, wird unbezahlbar: Öl, Benzin, Medikamente.

Das könnte ziemlich schlimm werden. Vielleicht bricht die öffentliche Ordnung zusammen, vielleicht brechen Hungersnöte aus, oder die Menschen fliehen in den Norden. Und was machen wir dann? Zuschauen, wie ein neues Somalia am Mittelmeer wächst?

Natürlich nicht. Wir werden die Geldbörse zücken. Weitere Milliarden werden fließen, nachdem uns der Austritt 70 bis 100 Milliarden Euro gekostet hat. Toll.

Exportartikel: Feta und Olivenöl

Und: Wie soll Griechenland in dem Chaos nach dem Austritt eigentlich auf die Füße kommen? Einige Experten behaupten: Hätte das Land seine eigene Währung, könnte es eben diese abwerten und mit billigen Exporten die Wirtschaft ankurbeln. Leider klappt eine solcher Abwertungsaufschwung eher theoretisch als praktisch. In den sechziger und siebziger Jahren versuchten die Franzosen mit billigen Francs die Exporte der Deutschen zu bekämpfen. Doch das klappte nicht. In den Jahren 2007 und 2008 wollten die Briten mit einer Abwertung des Pfund die Exporte ankurbeln und scheiterten ebenfalls.

Wahrscheinlich wird diese "Exportstrategie" inmitten des Austrittschaos schon am Anfang scheitern. Die griechischen Firmen kriegen doch kein Geld mehr, wenn der Staat pleite ist. Die Banken können nichts geben, weil die auch pleite sind. Und die Ausländer geben sowieso nichts. Und was sollen die Firmen verstärkt exportieren? Feta-Käse und Olivenöl? Die Griechen können nicht mit Daimler-Limousinen, Werkzeugmaschinen oder Chemieprodukten glänzen wie die Deutschen.

5 Prozent des BIP gespart

Dafür aber würde so ein Austritt für Ruhe sorgen, sagen die Befürworter. Die Welt würde sehen: Die Europäer meinen es ernst, und die Griechen müssten sich endlich anstrengen.

Ach ja?

Die Griechen haben sich bereits angestrengt. Sie haben in den Jahren 2009 und 2010 etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts gespart. In Deutschland wäre das Sparpaket von 125 Milliarden pro Jahr gewesen. Das hat sich keine Regierung getraut, nicht mal Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010. Und Renten hat in Deutschland noch kein Kanzler von Adenauer bis Merkel gekürzt – anders als in Griechenland.

Treuhand war auch kein Ruhmesblatt

Gut, die Griechen können immer noch nicht ordentlich Steuern eintreiben, besonders bei den Reichen. Aber wie ist das eigentlich in Deutschland? Die Vermögensteuer wird hierzulande auch nicht angewendet. Natürlich ist richtig, dass die Griechen kaum Staatsbetriebe verscherbelt haben. Aber wie war das nach der Wende mit dem Verkauf der DDR-Staatsbetriebe? Es gab viel Murks, Betrügereien und am Ende 260 Milliarden Mark Schulden bei der Treuhandanstalt. Doll waren die Deutschen da nicht. Was wird wohl der Rest der Welt von uns Europäern nach einem Griechenland-Austritt denken? Werden sie das Exempel wirklich bejubeln? Oder nicht eher grübeln: Die Europäer können nicht mal dem kleinen Griechenland helfen. Wie wird das erst bei den anderen Wackelstaaten sein.

Finanzkrise vernebelt Hirne

Es sind sowieso keine gute Zeiten für die Weltwirtschaft. In Europa schwächeln die Länder, aber auch in den USA, China und Indien sieht es nicht gut aus. Die deutschen Exporte gehen in diesem Jahr langsam zurück, weil unsere Kunden vorsichtiger geworden sind. Sie warten ab, was mit den Griechen geschieht. Schmeißen wir sie raus, werden sie über den nächsten Austrittskandidaten spekulieren: Portugal? Irland? Spanien? Italien? Und dann? Sie werden noch mehr Geld aus dem Euro-Raum abziehen und die Krise verschärfen. Rette sich, wer kann. Es ist verrückt mit einem Austritt aus dem Euro. Kostet die Deutschen irrsinnig viele Milliarden, hilft weder Griechenland noch Europa, löst kein Problem, sondern schafft viele neue. Und doch fordern ihn viele deutschnationale Ökonomen und Politiker. Über einen Aufschub bei der Griechenlandrettung oder einige zusätzliche Milliarden für die Hellenen nachzudenken, gilt dagegen als Teufelszeug. Fünf Jahre Finanzkrise hat vielen das Hirn vernebelt.

Sicherungsseile kappen

Wie hat es dieser CSU-Politiker mit der schwarzen Hornbrille gesagt? Die Eurokrise sei wie eine Bergtour. Manchmal müsse man das Rettungsseil kappen, um von einem Mit-Bergsteiger nicht in den Abgrund gerissen zu werden. Mit einem Rausschmiss Griechenlands schneiden wir unser eigenes Rettungsseil durch.


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