Fall Litwinenko "Ich habe ihn gewarnt"


Ein mysteriöser Fall wird immer verwirrender: Der Kontaktmann des getöteten Ex-Spions Litwinenko beschuldigt russische "Geheimorganisationen" für die Vergiftung verantwortlich zu sein. Er habe Litwinenko gewarnt, sagt Mario Scaramella in einem Interview. Zugleich zweifelt der Italiener die bisherige Vergiftungstheorie an.

Der italienische Kontaktmann des vergifteten russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko hat für dessen Tod "Geheimorganisationen" aus Russland verantwortlich gemacht. Bei einem Treffen mit Litwinenko Anfang November habe er diesem E-Mails von einem Informanten gezeigt, der beide vor einer Gefahr für ihr Leben gewarnt und sie zur Vorsicht aufgerufen habe, sagte Mario Scaramella dem US-Fernsehsender CNN in einem Interview. Auf die Frage, wer hinter diesen Drohungen gesteckt habe, sagte der Experte für russische Geheimdienste: "Leute mit Verbindungen zu Geheimorganisationen, die nicht direkt der Kontrolle des russischen Establishments unterstehen, aber aus Russland kommen; im allgemeinen pensionierte Geheimdienstler."

Scaramella: Keine Symptome

Litwinenko war am 23. November an den Folgen einer Vergiftung durch die radioaktive Substanz Polonium gestorben. In Scaramellas Ausscheidungen wurden inzwischen ebenfalls Spuren des Gifts nachgewiesen. Er sei aber wohlauf, sagte der Italiener, der in einem Londoner Krankenhaus unter Beobachtung steht und das Interview vom Krankenbett aus gab. Zwar sei ihm gesagt worden, dass er rund ein Zwanzigstel der bei Litwinenko tödlichen Dosis des hochgiftigen Stoffes im Körper habe, sagte der Italiener. Die Ärzte hätten aber keine Vergiftungserscheinungen oder sonstige Symptome bei ihm festgestellt.

Scaramella bezweifelte, dass Litwinenko und er wie weithin vermutet bei dem Treffen am 1. November in einem Londoner Sushi-Restaurant vergiftet worden seien. "Ich glaube nicht, dass es dort passiert ist." Ihm sei in dem Restaurant nichts Verdächtiges aufgefallen. Er selbst habe dort nur ein Glas Wasser zu sich genommen. "Ich habe nichts gegessen, denn es war nicht Essenszeit, und außerdem mag ich diesen rohen Fisch nicht."

Russen erschweren Ermittlungen

Unterdessen hat eine Gruppe britischer Fahnder in Moskau Ermittlungen in dem Fall um den Tod des russischen Ex-Agenten Litwinenko aufgenommen. Sie versuchen seit Dienstag auch in Moskau, die Hintergründe des Gifttodes Litwinenkows zu klären. Allerdings werden ihnen dabei von den russischen Behörden enge Grenzen gesetzt. Generalstaatsanwalt Juri Tschaika schloss eine Befragung der Führung des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB aus. Die Beamten von Scotland Yard dürften Zeugen nicht eigenständig vernehmen.

Der wichtigste Zeuge, Andrej Lugowoj, sagte der Agentur Itar-Tass, er sei bereit, alle Fragen von Scotland Yard zu beantworten. Der Unternehmer und frühere Geheimdienstler und seine Familie waren am Morgen überraschend ins Krankenhaus gebracht worden.

In seinem Londoner Hotelzimmer und in den Maschinen von British Airways, mit denen Lugowoj von Moskau nach London geflogen war, hatten britische Ermittler Spuren von Polonium 210 gefunden. Lugowoj hatte Litwinenko auch am 1. November getroffen, an dem Tag, an dem Litwinenko vermutlich mit der hoch radioaktiven Substanz vergiftet worden war. Die Briten wollen in Moskau mehrere Russen befragen, die in London mit Litwinenko zusammengetroffen waren.

Eine mögliche Auslieferung Verdächtiger an Großbritannien verbiete die russische Gesetzgebung, sagte Tschaika. Er schloss zudem aus, dass das Polonium 210 aus Russland stammen könnte. In den von ausländischer Seite genannten Atomanlagen werde diese Substanz nicht hergestellt. Die britischen Ermittler sollten stattdessen im eigenen Land suchen, sagte Tschaika. Vize-Justizminister Wladimir Kolesnikow regte an, Russland solle im Fall Litwinenko eigene Ermittlungen beginnen. Man dürfe nicht vergessen, dass Litwinenko auch russischer Staatsbürger war.

Ex-Regierungschef tatsächlich vergiftet

In Moskau bestätigten Ärzte den Verdacht einer Vergiftung des früheren russischen Regierungschefs Jegor Gaidar. Es sei aber völlig unklar, welche Substanz die Erkrankung verursacht habe, sagte Gaidars Sprecher Waleri Natarow. Gaidars Tochter Maria hatte zuvor den Verdacht geäußert, der regierungskritische Wirtschaftsexperte sei einer "politischen Vergiftung" zum Opfer gefallen. Einen konkreten Beweis für einen Giftanschlag konnten die russischen Ärzte bislang nicht finden. Gaidar durfte das Krankenhaus verlassen.

Reuters/DPA/AP AP DPA Reuters

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