Friedensaktivist Aviv Geffen Israels gehasster Superstar


Frieden wollen viele im Nahen Osten. Aber nur wenige setzen sich so radikal dafür ein wie Aviv Geffen. Der Spross einer israelischen Politiker- und Künstlerfamilie ist in seiner Heimat ein Superstar. Doch vielen geht sein Willen zur Aussöhnung zu weit - sie drohen ihm mit den Tode.
Ein Porträt von Niels Kruse

Aviv Geffen zündet sich eine Zigarette an. Marlboro. So rot wie die Schachtel ist auch sein Anzug. Und auch so schmal. Das Hemd weiß, die schwarzen Haare zum Scheitel gekämmt, die rechts langsam wieder heruntersacken. An seinem Hals baumelt ein silbernes Peace-Zeichen. "Die Typen, die mich tot sehen wollen, sind auch Juden, aber kranke Leute. Ich sage nur: "Fuck them!"

Allein an diesem Tag hat Geffen wieder vier Morddrohungen erhalten. Nichts Ungewöhnliches für den 35-Jährigen, zu Hause in Tel Aviv geht er nur mit Bodyguards vor die Tür. Seine Konzerte sind streng bewacht, und manchmal steht er mit schusssicherer Weste auf der Bühne. Neulich wollte ihn jemand niederstechen. "Ich dachte erst, der sei ein Fan. Er kam auf mich zu, umarmte mich mit einem Messer in der Hand und sagte: 'Ich nehme Dich mit in den Tod'." Erzählt's und macht sich dabei im Sessel breit, wie es nur Rockstars tun.

Superstar mit zweieinhalb Millionen verkauften Platten

Geffen ist nicht nur ein Rockstar, er ist Israels Superstar. Zweieinhalb Millionen Platten hat er bislang verkauft. Das ist ziemlich viel für so ein kleines Land. Für nicht wenige aber ist er eine einzige Provokation: Auf der Bühne sieht Geffen aus wie eine Kreuzung aus Marilyn Manson und David Bowie. Es sind aber vor allem seine Texte, die selbst gemäßigte Israelis auf die Palme bringen. Sie handeln vom Frieden. Aber er wütet gegen die Regierung, das Militär und überhaupt gegen das ganze Dilemma, in dem die Region steckt. "Mütter schickt eure Kinder nicht mehr in den Krieg", singt er auf seinem neuen Album. Ein Affront. Die Armee sorgt für die Existenz des Landes und wird von den meisten Menschen wie ein Nationalheiligtum verehrt.

Aviv, sein Name bedeutet Frühling, ist friedensbewegt, aber kein verklärter Hippie. "Ich bin Pazifist, habe aber nichts dagegen, die Hamas anzugreifen. Nicht lange, vielleicht ein, zwei Tage. Sicher aber nicht zwei, drei Wochen." So lange dauert der aktuelle Krieg im Gaza-Streifen nun. Und Geffen ist sauer: "Unsere Regierung muss den Krieg endlich beenden. Unsere Bomben töten Unschuldige und kommen als Bumerang wieder zurück: Per Sprengstoffgürtel nach Jerusalem, Tel Aviv, Sderot." Damit er nicht falsch verstanden wird, fügt er hinzu: "Die Hamas ist eine Terrororganisation und so schlimm wie al Kaida. Die Palästinenser haben sie gewählt, also sollen die Palästinenser auch sehen, wie sie sie wieder loswerden." Nur loswerden sollten sie sie.

Den Hass der eigenen Leute erlebt

Diese ganze Wut, den Hass, die der Konflikt seit jeher produziert, hat er selbst erlebt. Von den eigenen Leuten - an jenem 4. November 1995, ein Tag, der nicht nur für ihn selbst sondern auch für sein Land und den Friedensprozess entscheidend war wie kaum ein anderer. Im Zentrum Tel Avivs fand eine riesige Friedenskundgebung mit Hunderttausenden von Teilnehmern statt. Das ganze Land war euphorisch, weil eine Lösung des Dauerkonflikts greifbar nahe schien. Auch dank vieler Zugeständnisse an die Palästinenser durch den damaligen israelischen Regierungschef Jitzchak Rabin. Der persönlich hatte Aviv Geffen, den Linken und Militärdienstverweigerer, gebeten, ein Konzert zu geben. Das war mehr als eine Einladung, das war ein Symbol. "Nach dem Konzert trafen wir uns und haben uns in die Arme genommen. Nur wenige Augenblicke später kam jemand auf ihn zu, zog eine Pistole und erschoss ihn. Vier Meter stand ich entfernt. Ich war der letzte Mensch, den Rabin umarmt hatte." Der jüdische Rechtsextremist Jigal Amir wollte keine Aussöhnung und hatte mit einem Fingerzucken die Hoffnung einer ganzen Region zerstört.

"Dass ein Jude im Namen Gottes einen anderen Juden erschießt, weil der anders denkt, das hat mich wirklich schockiert", sagt Geffen. Er schrieb damals ein Lied, das "To cry for you" heißt, und an Rabin erinnern soll. Es ist in Israel mittlerweile die traurige Hymne dieses verhängnisvollen Abends. Seit diesem Tag fordert er in seinen Songs noch deutlicher den Rückzug aller jüdischen Siedler und Soldaten aus den besetzten Gebieten. Und selbst Jerusalem soll geteilt werden: in einen jüdischen Westen und einen palästinensischen Osten. Für viele Israelis ein unvorstellbarer Zustand.

Der Onkel, der Held des Sechstagekriegs

Wie er auch für seinen Onkel gewesen wäre. Der hatte als General einst Jerusalem befreit, wie es die Israelis sehen. Oder besetzt, wie die Palästinenser sagen. 1967 war das, im Sechstagekrieg. Der Onkel hieß Mosche Dajan, war zu dem Zeitpunkt Verteidigungsminister des Landes und damit verantwortlich für den Feldzug. In Israel gilt er bis heute als "Held des Sechstagekrieges". Später wurde er Außenminister und war am Friedensabkommen mit Ägypten beteiligt. Dajan ist nicht der einzige Politiker in der Familie von Aviv Geffen. Ein entfernter Verwandter war der Staatspräsident Ezer Weizman. Es gab auch eine Vize-Bürgermeisterin, die sich einmal mit dem damaligen Staatsfeind und PLO-Chef Jassir Arafat in Tunis getroffen hat. Avivs Vater ist ein bekannter Journalist und Dichter. Dann ist da noch ein Regisseur und Schauspieler sowie ein Bildhauer. "Meine Familie ist ein wenig wie die Kennedys", sagt Geffen lächelnd, "nur der Rahmen ist etwas bescheidener".

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Mann in vier Jahren Minister werden will. Bildungsminister! Bildungsminister? "Ja, alles Gute fängt mit Bildung an", sagt er. Halb belustigt, halb ernst holt der 35-Jährige aus: "Wissen Sie, ich bin nicht irgendjemand. Ich erreiche Hunderttausende von Menschen. Ich glaube nicht an Smart-Bombs, ich glaube an Smart-Brains. An junge, kluge Menschen, die das gleiche wollen wie ich: Den Palästinensern geben, was ihnen gehört und endlich Frieden schließen."

Die aktuelle Regierungspartei Kadima, ein Mitte-rechts Lager, soll bereits bei ihm angeklopft haben. Doch Geffen hat abgewunken: zu konservativ, zu viele Generäle, sagt er. Nur eine von ihnen hat es ihm angetan: Außenministerin Zipi Livni. "Eine tolle Frau. Ich bewundere sie. Sie hat sich in unserer Macho-Gesellschaft durchgesetzt." Mit ihr zusammen möchte er das "neue Israel" gestalten. Das neue Israel - das sind all die Menschen, die seine Platten kaufen. Die zu seinen Konzerten gehen. Und das Richtige wollen. Und was genau will er? Einen Gipfel in Jerusalem soll Israelis und Palästinenser unter Vermittlung von Amerikanern, Russen und Chinesen an einen Tisch und zu einer Lösung bringen. Zu einfach? Vielleicht, aber der Mann meint es ernst.

Die Ein-Mann-Friedensbewegung

So ernst wie die Aussöhnung mit den Palästinensern, die er Brüder nennt. Aviv Geffen ist eine Ein-Mann-Friedensbewegung. Und gleichzeitig der personifizierte Nahost-Konflikt: Hier ausgegrenzt, dort gefeiert, ständig in Furcht um Leib und Leben. Aber Geffen ist bereit, einen Schnitt zu machen und nach vorne zu schauen.


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