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Gaza-Konflikt: Warum dieser Krieg so schwer zu stoppen ist

Nur zwei Stunden hat die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas gehalten. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Denn für beide Parteien ist in der Auseinandersetzung mehr zu holen als im Kompromiss.

Von Mareike Enghusen

Gaza am Freitagmorgen: Nach zwei Stunden war der Waffenstillstand gebrochen, als die Hamas wieder Israel beschoss

Gaza am Freitagmorgen: Nach zwei Stunden war der Waffenstillstand gebrochen, als die Hamas wieder Israel beschoss

Die Nachricht klang wie eine Erlösung: Endlich schweigen die Waffen. Drei Tage lang wollten Israel und die Hamas verhandeln, anstatt zu kämpfen. Um acht Uhr Ortszeit Freitagmorgen trat die Waffenruhe in Kraft. Sie hielt genau zwei Stunden - dann raste eine neue Rakete aus Gaza gen Israel. Israelische Soldaten feuerten zurück. Neun Menschen starben.

Die ganze Welt schaut auf diesen Krieg. Die Uno, Ägypten, Katar, die Türkei, die USA, sie alle bieten sich als Vermittler an - bisher vergeblich. Warum sind die Kämpfe dieses Mal so schwer zu stoppen? Die Antwort ist so bitter wie simpel: Jede politische Entscheidung, auch die über Krieg und Frieden, ist das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Und die fällt derzeit gegen den Frieden aus.

"Auf beiden Seiten", heißt es oft, wenn von Nahost die Rede ist. Natürlich ist das eine Vereinfachung: In beiden Gesellschaften, der palästinensischen wie der israelischen, ringen verschiedene Kräfte miteinander. Die Entscheidung über Krieg und Frieden aber fällen eben nicht die Zivilisten, die in Gaza um ihr Leben rennen, nicht die Zivilisten, die sich in Israel in Bunkern verstecken, auch nicht die Soldaten, die sich nicht aussuchen zu kämpfen und zu sterben. Die Entscheidung über Krieg und Frieden fällen die Machthaber. Ihre Motive treiben den Kampf an.

Die Hamas kämpft um Freunde, Ansehen, Geld und Macht

Da ist zum einen die Hamas. Natürlich kann sie Israels High-Tech-Armee militärisch nicht besiegen. Aber sie hat etwas anderes zu gewinnen in diesem Krieg: Freunde, Ansehen, Geld und Macht.

In den vergangenen Jahren hat die Hamas zwei potente Unterstützer verloren: die Islamisten in Ägypten und die iranische Regierung. In Ägypten stürzten die Generäle die Muslimbrüder, die Mutterorganisation der Hamas, sie schlossen die Grenze und zerstörten die Schmugglertunnel zwischen Gaza und dem Sinai. Das Band zum Iran zerriss im syrischen Bürgerkrieg: Die Hamas stellte sich gegen Irans Bündnispartner, den syrischen Präsidenten Assad. Zur Strafe stoppte Iran den Geldfluss. Erst jetzt, da Gaza unter Beschuss steht, nähern sich beide Parteien wieder an.

Der Krieg schenkt der Hamas zudem die Gelegenheit, einen uralten Herrschertrick anzuwenden: Probleme im Inneren mit einem außenpolitischen Konflikt auszublenden. Und Gazas Probleme sind so offensichtlich, dass der kleine Streifen Erde quasi Synonym geworden ist für menschliches Leid: der Mangel an alltäglichen Gütern, die krasse Arbeitslosigkeit, die verschlossenen Grenzen. Zudem schnürt die Hamas ihr islamistisches Regelwerk immer enger und nimmt den Menschen so noch mehr Luft zum Atmen. Der Dauer-Frust der Bevölkerung nagt an ihrer Legitimität. Kurz vor dem Krieg unterstützte laut Umfragen nur noch ein Drittel der Bewohner Gazas die Hamas.

Jetzt, da der Kampf die Welt in Freunde und Feinde teilt, kann die Hamas ihre Unterstützer aufpeitschen, die nationale Einheit beschwören und ihre Gegner niederdrücken. Online kursieren Meldungen, laut denen die Hamas seit Beginn der Kämpfe Dutzende Palästinenser exekutiert hat, unter dem Vorwand, sie hätten mit Israel kooperiert. Die Meldungen sind schwer zu überprüfen, aber plausibel: Schon in ruhigen Zeiten geht die Hamas brutal gegen Andersdenkende vor. In Kriegszeiten ist es noch leichter, solche Hinrichtungen zu rechtfertigen.

Warum also sollte die Hamas jetzt unbequeme Kompromisse mit den Israelis schließen? Den ersten Vorschlag zum Waffenstillstand, den ägyptische Vermittler vorlegten, schlug sie aus. Die fast 1500 toten Palästinenser stilisiert sie zu Märtyrern. Erst vor ein paar Tagen verkündete ein Hamas-Kommandeur, seine Kämpfer "sehnen sich nach dem Tod".

Die Mehrheit der Israelis unterstützt den Einsatz

Und Israel? Auch dort stehen die Zeichen weiter auf Krieg. 61 israelische Soldaten sind bereits gefallen, weit mehr als in den Einsätzen vergangener Jahre. Die israelische Gesellschaft reagiert empfindlich auf den Tod ihrer Soldaten. Mit jedem Gefallenen steigt der Druck auf die Regierung, Erfolge zu liefern.

Und die zeigt sich dazu fest entschlossen. Israels Premier Benjamin Netanjahu hat sich ein höheres Ziel gesetzt als bei vergangenen Gaza-Operationen: Die Armee soll nicht nur die Hamas schwächen, sondern deren Tunnelnetz zerstören, durch das die Hamas Waffen schmuggelt und Kämpfer nach Israel schickt. "Wir sind fest entschlossen, diese Mission zu beenden - mit oder ohne einen Waffenstillstand", sagte Netanjahu am Donnerstag. "Ich werde keinem Vorschlag [zum Waffenstillstand, Anm. d. Red.] zustimmen, der es der israelischen Armee nicht ermöglicht, diese wichtige Aufgabe zu erledigen - für die Sicherheit Israels."

Damit spricht er wohl für einen Großteil der Israelis. Sie sind die Raketen der Hamas leid, die sie jeden Tag in die Bunker jagen. Laut Umfragen lehnt die große Mehrheit jüdischer Israelis einen sofortigen Waffenstillstand ab. Die Welt mag ihn kritisieren, beschimpfen und drängen - seine eigene Bevölkerung steht hinter dem Premier. Für einen Politiker, dessen Macht an Wahlen hängt, wiegt das schwerer als Druck von außen.

Und die Rechte, die Netanjahu für sein anfängliches Zögern noch attackierte, fühlt sich im Aufwind. Die Gaza-Operation hat in Israel den Ton der politischen Debatte, der immer schon robust war, noch verschärft. Manche Rechte nutzen die Gelegenheit, ihre linken Widersacher als Verräter zu brandmarken. Als in Tel Aviv vor einer Woche Tausende gegen den Einsatz demonstrierten - darunter ein paar linke Parlamentarier -, brüllten Gegendemonstranten: "Tod den Linken!" Netanjahus eigener Wirtschaftsminister, Naftali Bennett, kritisiert den Premier dafür, dass er "nur" die Tunnel zerstören will, und fordert die völlige Entmachtung der Hamas. Seine Wähler ermuntern, seine politischen Partner drängen Netanjahu zum Weiterkämpfen. Machtpolitisch gesehen wäre es dumm, aufzuhören.

Auf beiden Seiten wollen die Entscheider als Sieger vor die Fernsehkameras treten. Das lässt wenig Raum für Kompromisse. So bitter es klingt - die Aussicht auf ein schnelles, stabiles Abkommen ist denkbar schlecht.