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Geheimdienste: Tief verstrickt

Im BND-Untersuchungsausschuss gerät der Auslandsgeheimdienst in Erklärungsnot - und das CIA-Entführungsopfer Khaled el-Masri könnte sich als Al-Qaeda-Sympathisant entpuppen.

Eigentlich gehört es nicht zu seinem Job. Aber Deutschlands Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau sorgte sich im Frühjahr 2005 ganz besonders um das Wohl der CIA: Es ging um dem Fall Khaled el-Masri. CIA-Agenten hatten den deutschen Staatsbürger in Mazedonien im Dezember 2003 kidnappen lassen und ihn nach Afghanistan in ein Foltergefängnis verschleppt. Erst gut fünf Monate später kam er wieder frei.

Der Fall wurde publik, die CIA stand am Pranger. Am 4. April 2005 riet Geheimdienstkoordinator Uhrlau dem Europachef der CIA zu einer gesichtswahrenden "Lösung" des Entführungsskandals. Die CIA könne doch "Schadensersatz" zahlen - womöglich "unter Legende" und "ohne förmliche Anerkennung". So steht es in einem geheimen Regierungsbericht.

Warum diese Hilfestellung? Dokumente, die dem stern vorliegen, nähren den Verdacht, dass die deutschen Behörden mehr mit der Entführung zu tun hatten, als bisher bekannt - zum Beispiel der Bundesnachrichtendienst (BND), als dessen Präsident Uhrlau heute amtiert.

Bereits am 5. Juli 2004 warnte ein Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) hausintern per E-Mail: Nach der ersten Vernehmung des Entführungsopfers "kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass der BND in irgendeiner Weise an der Verschleppung des el-Masri beteiligt sein könnte". Beim BKA entschied man, den BND erst mal "noch nicht um Erkenntnismitteilung" zu bitten.

El-Masri hatte ausgesagt, im Foltergefängnis in Afghanistan von einem Deutschen namens "Sam" verhört worden zu sein. Dessen Identität ist bis heute unbekannt. Sicher aber ist: Der BND spielte bei der Suche nach "Sam" mit gezinkten Karten. Das beweist ein Schreiben des Dienstes an BKA und Kanzleramt vom 24. Januar 2006: "VS-Vertraulich" zitiert der Verfasser dort "Angaben einer nachrichtendienstlichen Verbindung", wonach "Sam" ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Generalkonsulats in Hamburg sein könnte, der im Jahr 2000 "ca. 50 Jahre alt" war und "muttersprachlich deutsch mit Hamburger Akzent sprach". Die Personenbeschreibung passt auf den damaligen Hamburger US-Konsul und CIA-Residenten Thomas V. - auch wenn el-Masri später Thomas V. auf einem ihm vorgelegten Bild nicht wiedererkannte.

Obwohl der BND selbst den Verdacht auf den CIA-Mann gelenkt hatte, reagierte BND-Chef Uhrlau empört, als der stern im April publik machte, dass die Münchner Staatsanwaltschaft Thomas V. ins Visier genommen hatte. Jetzt wollte der BND den Hinweis nicht mehr von einer eigenen Quelle erhalten haben, sondern vom Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz.

Hatte man beim BND Sorge, die CIA zu verärgern? Schließlich steht längst fest, dass der BND tief in die Affäre verstrickt ist. Zumindest ein Mann beim BND wusste lange vor el-Masris Entlassung von dessen Verhaftung. BND-Mann Harald Cordes gab sogar zu, dass er schon im Januar 2004, unmittelbar nach der Festnahme des Deutschen, davon gehört hatte - angeblich in der Kantine des maze-donischen Innenministeriums. Seit Uhrlau dieses Kantinengespräch einräumen musste, gilt eine neue Verteidigungslinie: Cordes habe etwas gewusst - aber es keinem weitergemeldet.

Diese Version gilt in anderen deutschen Sicherheitsbehörden als wenig glaubhaft. Neue Zweifel nähren vertrauliche Unterlagen, die dem stern vorliegen. Danach beobachteten deutsche Fahnder el-Masri schon seit Sommer 2002 intensiv - vor seinem Kidnapping. Laut Landeskriminalamt Baden-Württemberg galt er als "Kontaktperson zu allen Gefährdern" aus dem Raum Ulm.

Im Oktober 2003, drei Monate vor der Entführung, behaupteten Polizeiinformanten, el-Masri habe "Hetzpredigten radikaler Imame" auf Kassetten "mitgeführt" und Reden von Al-Qaeda-Chef Osama bin Laden "aus dem Internet heruntergeladen". El-Masri gelte als "Befürworter des militärischen Dschihad".

Ihm seien die LKA-Vorwürfe "nicht bekannt", sagte el-Masris Anwalt Manfred Gnjidic dem stern. Wenn das LKA den Mann schon so intensiv beobachtet habe - warum habe dann keiner etwas unternommen, nachdem er Anfang 2004 verschwunden war?

Oliver Schröm, Hans-Martin Tillack Mitarbeit: Uli Rauss / print