Geheimkommando Jagd auf Saddam Hussein


Die Elitetruppe "Delta Force" soll im Irak noch während eines Kriegs das Schicksal des Diktators besiegeln: tot oder lebendig.

Präsident George W. Bush spricht von Saddam Hussein schon in der Vergangenheitsform. Er hat ein politisches, aber auch ein persönliches Interesse am Ende Saddams, denn dessen Agenten taten 1993 in Kuwait Unverzeihliches: "Er hat versucht, meinen Dad zu töten." Erfolg oder Scheitern seiner erwarteten Intervention im Irak wird das Weiße Haus daran messen, ob es gelingt, den Diktator ein für alle Mal zu beseitigen.

Der Top-Job ging an die Besten

unter Amerikas Schattenkriegern: das "1st Special Forces Operational Detachment-Delta", kurz "Delta Force", eine Kommandoeinheit von etwa 360 Elitekämpfern aller US-Teilstreitkräfte. Die Truppe ist so geheim, dass das Pentagon bis vor kurzem nicht einmal ihre Existenz zugab. Und ebenso wenig würde es zugeben, dass Kommandogruppen der Delta Force, vier oder acht Mann stark, bereits in Bagdad auf der Lauer liegen. Andere warten offenbar in der westlichen Wüste mit Little-Bird-Minihubschraubern auf ihren Einsatz. Einige Delta-Männer sprechen fließend Arabisch, jeder von ihnen muss ein Ziel auf einen halben Kilometer Entfernung todsicher treffen können. Ihr Einsatz beginnt, wenn die ersten US-Luftangriffe Bagdads Regierungsviertel in eine Flammenhölle verwandeln.

Ursprünglich für Geiselbefreiungen nach dem Vorbild von Aktionen des britischen Special Air Service (SAS) konzipiert, hat Delta nicht erst seit dem 11. September die Jagd auf Terroristen und Tyrannen tausendfach geübt. Ihr Erfolg im Irak, sagen Fachleute, hängt vor allem vom "Sensor-Schütze-Verhältnis" ab. Der "Sensor" kann ein Foto- oder Abhörsatellit, ein Aufklärungsflugzeug oder ein Spitzel vor Ort sein. Entscheidend ist, dass es gelingt, den jeweiligen Aufenthaltsort des Zielobjekts Saddam rechtzeitig an die Kommandos, an den nächst verfügbaren "Schützen" mit Zielfernrohr, durchzugeben. "Es wird nicht leicht", sagt der ehemalige Marines-General Joseph Hoar, "bei all den Präsidentenpalästen und Doppelgängern, bei einem Kerl, der jede Nacht woanders schläft und der nur seiner eigenen Familie vertraut."

Im Golf-Krieg 1991 haben Special Forces

, wie einer ihrer Offiziere zugab, den "Enthauptungsschlag" versucht, zusätzlich wurden 260 Luftangriffe auf vermutete Saddam-Verstecke eingewiesen - alles vergebens. Der Offizier: "Saddam ist ein Meister der Täuschung." Diesmal sind angeblich von 57 Palastanlagen des Diktators acht in die engere Wahl genommen worden, davon drei in Bagdad und eine in Saddams Heimatstadt Tikrit. Auf sie konzentrieren sich die Delta-Kommandos. Wenn sie Glück haben, bringen Verräter aus Saddams Reihen sie auf eine heiße Spur. "Man kann nie ausschließen", so der kanadische Militärexperte James Moore, "dass Saddam zur falschen Zeit am falschen Ort ist." Etwa wenn in Bagdad nach massiven Bombenangriffen Chaos herrscht und der stets von Leibwächterhorden umgebene Präsident aus seinem Bunker zu entkommen versucht.

Für Saddam Hussein ist Bush offenbar auch bereit, eine Präsidenten-Order von 1976 aufzuheben, die politische Attentate verbietet. Jüngst vertraute der Präsident dem befreundeten Senator Peter Fitzgerald an, er würde Saddam töten lassen, "wenn wir ihn klar ins Schussfeld bekommen". Die meisten anderen Figuren in Saddams Horrorkabinett interessieren die US-Special-Forces nicht. Delta Force soll garantieren, dass Saddam nicht entkommt wie der Terroristen-Chef Osama bin Laden, was Amerikas Sieg in Afghanistan trübte.

Einmal hat Delta Force

, im Verein mit den Marine-Kommandos von Seal (Sea, Air, Land), bisher einen renegaten Staatschef erwischt: 1989 bei der Invasion Panamas, angeordnet von Bushs Vater, überfielen sie sieben vermutete Aufenthaltsorte von Präsident Manuel Noriega, schossen sein Fluchtflugzeug kaputt und trieben ihn in die Vatikan-Botschaft, wo er schließlich aufgab. Noriega blieb am Leben und sitzt noch heute als Drogen-Gangster in Miami im Zuchthaus.

In nur 360 Sekunden befreiten Delta-Kämpfer den als Noriega-Gegner inhaftierten Amerikaner Kurt Muse aus dem Modelo-Gefängnis in Panama City. Muse hörte mitten in der Nacht Explosionen. Überall ging das Licht aus. Dann brach jemand durch seine Zellentür, der ihm vorkam "wie Darth Vader", der Finsterling aus den ersten "Star Wars"-Filmen. Es war ein Delta-Force-Soldat ganz in Schwarz, mit kugelsicherem Helm und Flak-Jacket, in der Hand eine deutsche Heckler&Koch-Maschinenpistole vom Typ HK21 und eine Taschenlampe. "Muse! You okay?", schrie er. Muse rief nur: "Yo!" Dann war alles vorbei. Das Gesicht seines Befreiers bekam er nie zu sehen.

Mario R. Dederichs print

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