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Getöteter Al-Kaida-Führer Prime Time für Verschwörungsfreunde


Warum wurde Osama bin Laden erst jetzt gefunden? Warum gibt es kein Foto von seiner Leiche? Warum wurde er schon bestattet? Vor allem im Netz drängeln sich Spekulanten und Spökenkieker
Von Niels Kruse

Der Tod Osama bin Ladens wirft viele Fragen auf, mehr als es Antworten gibt: Wieso hat ein Land wie die USA mehr als zehn Jahre gebraucht, den al-Kaida-Führer ausfindig zu machen? Wieso wurde er ausgerechnet jetzt erschossen, wenige Monate vor dem 10. Jahrestag der 9/11-Anschläge und dem Beginn des US-Präsidentschaftswahlkampfs? Wieso konnte er keine zwei Stunden Autofahrt von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad offenbar unbehelligt leben - noch dazu in einem Touristenort? Wieso wurde er erschossen und nicht verhaftet? Wieso wurde er so schnell nach seinem Tod bestattet und das auf offener See? Wieso gibt es keine Fotos oder Videos, die seinen Tod beweisen?

Alles Fragen, zu denen sich die amerikanische Regierung bislang mehr oder weniger bedeckt hält - was den Verschwörungstheoretikern natürlich prompt neue Nahrung gibt. Vor allem die Sache mit dem Foto des toten Terrorchefs machte einige besonders kritische Geister stutzig. Zurecht, wie sich später herausstellte: Denn das Bild, nur wenige Stunden nach dem Tod vom pakistanischen Sender "Express TV" veröffentlicht, zeigte eine Leiche, blutüberstömt und mit stark verletztem Auge, erwies sich aber als Fälschung. Und nicht einmal als eine sonderlich aktuelle. Schon im Frühjahr 2009 tauchte das Bild, eine Photoshopkombination einer alten Aufnahme bin Ladens und einer Leiche im Netz auf. Im Laufe des Tages meldete sich dann das US-Verteidigungsministerium zu Wort und bestätigte die Fälschung. Auch stern.de hatte das Bild unter Vorbehalt seiner Echtheit veröffentlicht, mittlerweile aber wieder von der Seite genommen.

Dass die Fotofälschung ja nachweislich gar nicht auf das Konto der US-Regierung ging, war vor allem den vielen tausend Spökenkiekern im Netz egal. Sie benutzten den Foto-Fake als Beweis für ihre These, dass mit dem Angriff der Navy Seals in Pakistan irgendwas nicht stimmen könnte.

Tatsächlich ist die Obama-Administration in einer Zwickmühle. Ob und wann die echten Bilder des toten Terrorfürsten ans Tageslicht kommen, ist noch unklar. John Brennan, einer von Barack Obamas Sicherheitsberatern, will nicht ausschließen, dass die Regierung Beweisfotos und -videos veröffentlichen wird. Ziel müsse es sein, einerseits die "Würde Osama bin Ladens - wenn er eine hatte - zu wahren", weil die USA sonst Probleme an anderen Orten der Welt bekommen könnten, andererseits müsse genügend Beweismaterial veröffentlicht werden, "damit die Leute Vertrauen haben, dass es Osama bin Laden war", der getötet wurde, sagte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses, der Republikaner Mike Rogers zu den Gründen, die die Regierung von einer Veröffentlichung bislang abhalten.

Das Testament ist vom 14. Dezember 2001

Wenn er ohnehin nicht schon lange tot ist, wie viele mutmaßen. Seitdem bin Laden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 irgendwo zwischen Pakistan und Afghanistan abgetaucht war, schossen immer wieder Gerüchte ins Kraut, dass der Saudi schon längst gestorben sei. Der 16. Dezember 2001 war eines der am meisten kolportierten Todesdaten. Ist es Zufall, dass nun eine Kuwaiter Zeitung das Testament bin Ladens veröffentlicht hat? Datiert auf den 14. Dezember 2001?

Auch von offiziellen Stellen wurden entsprechende Gerüchte gespeist. Mal war es der französische Auslandsgeheimdienst, der die Ansicht vertrat, bin Laden sei gestorben, mal der pakistanische Präsident Asif Ali Zadari, der 2009 in einem TV-Interview vermutete, der Weltfeind Nummer eins sei nicht mehr am Leben.

"Bösewicht bin Laden am Leben erhalten"

Für Verschwörungstheoretiker konnten diese Hinweise nur eines bedeuten: Die meisten Video- und Audioaufnahmen aus den wazirischen Bergen sind Fälschungen, denn "die USA erhalten einen Toten fortwährend am 'Leben', um einen Bösewicht zu haben, der benötigt wird, um den nie endenden 'Krieg gegen den Terrorismus' begründen zu können", heißt es im ominösen Blog "Alles Schall und Rauch" .

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Eine Nacht-und-Nebel-Aktion, eine verschwundene Leiche und der fehlende Fotobeweise des Todes Osama bin Ladens

Tot oder lebendig - Osama wird immer gebraucht

Ob nun tot oder lebendig - für die großen Skeptiker erfüllt der 54-jährige Topterrorist so oder so eine Funktion: Jetzt, als Verblichener eben die, die angeschlagene US-Regierung zu retten. In anderthalb Jahren steht der US-Präsident wieder zur Wahl. Und auch sein Image als Weichei. Doch besonders bei konservativen Kreisen kommt das erfolgreiche Durchgreifen gegen al Kaida und deren Spitzenvertretern gut an. Zudem lenke der Tod des Terrorfürsten hervorragend von den militärischen Misserfolgen in Afghanistan und dem Irak ab und natürlich von sämtlichen anderen Problemen, die die USA derzeit heimsuchen - allen voran die Arbeitslosigkeit und die schlechte wirtschaftliche Lage.

Aber es bleiben weiterhin Fragen offen, auf die die US-Regierung nur unbefriedigende Antworten gefunden hat: Zum Beispiel warum bin Laden so schnell nach seinem Tod beigesetzt wurde und das auch noch auf hoher See? Im Islam ist es üblich, dass Verstorbene innerhalb von 24 Stunden beigesetzt werden. Also habe er "im Einklang mit muslimischen Praktiken" kurz nach seinem Tod seine letzte Ruhestätte gefunden, heißt es beim US-Verteidigungsministerium. Der Tote, so die offizielle Erklärung weiter, sei im Arabischen Meer versenkt und nicht begraben worden, um die Entstehung eines Wallfahrtsorts an seinem Grab zu verhindern. Allerdings sind Seebestattungen im Islam nicht vorgesehen. Natürlich regierte die Umma, die islamische Gemeinschaft, prompt: "Bei einem Muslim, egal welchen Berufs, sogar bei einem Kriminellen, müssen die Riten respektiert werden", sagte der Vorsitzende einer der höchsten islamischen Gremien Indonesiens. "Die Leiche muss in ein weißes Tuch gehüllt werden, bevor sie in der Erde bestattet wird, nicht im Meer".

Die verschwundene Leiche des Weltfeindes Nummer eins, der fehlende Fotobeweise des Todes Osama bin Ladens und die bislang völlig ungeklärte Rolle Pakistans in Sachen internationaler Terrorismus - man muss den USA nicht einmal Böses unterstellen, um Zweifel an der offiziellen Darstellung zu haben. Das Vorgehen der US-Regierung wird jedenfalls noch eine Weile die Verschwörungstheoretiker dieser Welt beschäftigen. Und das die aus jeder Ungereimtheit Rückschlüsse auf das ganz große Fass ziehen, zeigt etwa der abenteuerliche Zusammenhang, den Blogger Uwe Schmitt jetzt auf "Globaler-News"> "Globaler News" zog: "Seltsamerweise übrigens wurde der Tod von bin Laden am gleichen Tag 66 Jahre nach der Ankündigung vom Tod Hitlers verkündet. Ob dies auch wiederum nur Zufall ist? Schließlich wurde in der US-Kriegspropaganda bin Laden oft mit Hitler verglichen."


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