Guantanamo-Dolmetscher Erik Saar "Es gab keine klaren Grenzen mehr"


Erik Saar war Militärdolmetscher auf Guantanamo und wurde Zeuge sadistischer Verhörmethoden. stern-Korrespondentin Katja Gloger traf Saar - zu seinem ersten Interview mit deutschen Medien.

Ein Bericht über einen angeblichen Vorfall im US-Gefängnis Guantanamo hatte in der vergangenen Woche vor allem in Afghanistan zu blutigen Protesten geführt, bei denen 17 Menschen starben und über 100 verletzt wurden. Das Magazin Newsweek hatte berichtet, US-Soldaten in Guantanamo hätten den Koran in einer Toilette heruntergespült. Weltweit demonstrierten Muslims, und Geistliche in Afghanistan drohten gar, einen Heiligen Krieg gegen die USA auszurufen.

Am Wochenende stellte sich heraus: Die Meldung des US-Magazins war falsch. Im Pentagon und im Weißen Haus gibt man sich nun wütend und empört. Doch der Skandal um den falschen Bericht kann nicht verdecken: im US-Militärgefängnis Guantanamo wurden die Rechte Hunderter Gefangener jahrelang systematisch verletzt. Verhörmethoden waren darauf angelegt, Gefangene zu demütigen und massiv einzuschüchtern. Dabei wurden auch sexuelle Erniedrigungen eingesetzt.

Der Unteroffizier Erik Saar diente 2003 als Militärdolmetscher in Guantanamo. Während seiner Dienstzeit wurde er Zeuge schockierender, zum Teil sadistischer Verhörmethoden, die Menschenrechtler als Folter bezeichnen. Ihm wurde auch ein Zwischenfall mit dem Koran bekannt. Über seine Erfahrungen schrieb Erik Saar das Buch "Hinter dem Stacheldraht". stern-Korrespondentin Katja Gloger traf Erik Saar in Washington - zu seinem ersten Interview mit deutschen Medien.

Herr Saar, wie kamen Sie nach Guantanamo?

Ich spreche arabisch, hatte mich freiwillig gemeldet. Ich wusste, dass ich mit so genannten "feindlichen Kämpfern" zu tun haben würde. Und ich hatte auch gehört, dass die Genfer Konvention für diese Menschen nicht gelten würde...

... jene internationale Vereinbarung über die humane Behandlung von Kriegsgefangenen, die auch die USA unterzeichnet haben.

Mir war auch klar, dass wir Verhörmethoden anwenden würden, die außerhalb dessen standen, was wir bislang angewandt hatten. Das hatten unsere obersten Befehlshaber ja so entschieden. Aber ich war zunächst überzeugt, dass ich so dazu beitragen könnte, den Krieg gegen den Terror zu gewinnen.

Wann begannen Sie zu zweifeln?

Nach zwei Monaten, als ich Zugang zu geheimen Informationen erhielt und als Dolmetscher an Verhören teilnahm. Denn bei weitem nicht jeder Gefangene hier hatte gegen uns gekämpft. Da gab es Häftlinge, die waren offenbar nur in Guantanamo, weil die USA 5000 Dollar Kopfgeld für Männer mit angeblicher Verbindung zu al Kaida gezahlt hatten. Die meisten Gefangenen befinden sich in einem schwarzen Loch. Sie haben so gut wie keine Rechte.

Immer noch werden dort rund 550 Menschen gefangen gehalten. Ein US-Militär, der Ihr Buch über den Alltag in Guantanamo las, fühlte sich gar an Dantes Inferno erinnert.

Ich möchte sehr vorsichtig sein. Der Alltag war desorganisiert und undiszipliniert.

In der sonst so strengen US-Armee herrschte keine Disziplin?

Ja, eigentlich merkwürdig. In der Armee gelten ja normalerweise ganz klare Regeln. Befehle werden befolgt. Basta. Aber genau das galt in Guantanamo nicht. Eines Tages, es war im Frühjahr 2003, kam sogar ein Captain aus Washington. Er hielt einen Vortrag, erklärte uns, warum die Genfer Konvention nicht gelte. Wir waren sehr verunsichert. Wie weit könnte man nun gehen? Welche Methoden könnte man etwa bei Verhören anwenden? Wir wussten immer weniger, was richtig war und was falsch. Die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenen wurden immer mehr verwischt. Dies geschah absichtlich. Ich glaube, unsere Befehlshaber wollten genau das erreichen: dass es keine klaren Grenzen mehr gab.

Ausgerechnet dort, wo man Hunderte vermuteter Terroristen gefangen hält?

Einige der Wärter hatten früher in US-Gefängnissen gearbeitet. Mit den Insassen dort dürfe man härter umgehen als mit denen in Guantanamo, beschwerten sie sich. Und im Laufe der Zeit wurde alles immer brutaler. Da gab es zum Beispiel ein Team für Notfälle, etwa wenn Gefangene Befehle verweigert hatten. Einmal machte dieses sogenannte IRF-Team eine Übung. Ein Soldat spielte den Gefangenen, er trug Gefangenen-Kleidung. Doch die vom IRF-Team dachten, es handle sich um einen echten Gefangenen. Sie schlugen seinen Kopf mehrmals so hart auf den Boden, dass er zur Behandlung ausgeflogen werden musste. Er hatte wohl eine Gehirn-Verletzung.

Wie reagierten die Gefangenen?

Die spuckten ihre Wärter an, füllten ihre Becher mit Wasser, manchmal mit Urin und schütteten sie durch den Maschendraht ihrer Zellen auf die Wärter. Einige warfen mit Fäkalien. In den Blocks herrschte eine schreckliche Atmosphäre. Doch viele Männer gewannen durch ihre Gefangenschaft eher an Stärke. Sie verschrieben sich immer mehr dem Heiligen Krieg. Sie wollten Märtyrer werden. Sie unterstützten sich gegenseitig, den Verhören zu widerstehen. Die andere Gruppe unter den Gefangenen wurde immer hoffnungsloser, immer depressiver. Viele von ihnen wussten ja gar nicht, warum sie eigentlich in Guantanamo waren. Einige waren seit Monaten nicht mehr zum Verhör gebracht worden. Offenbar konnten sie keinerlei Informationen liefern. Dabei hing ihr Schicksal von diesen Verhören ab. Sie hatten ja keinen Rechtsanwalt, keine Gerichtsverfahren. Sie waren auf die Verhöre angewiesen – und auf die, die sie führten.

Kam es zu Selbstmordversuchen?

Ja, ziemlich oft. Mindestens einmal in der Woche. Zum Glück ist noch niemand gestorben. Offiziell gibt es natürlich andere Zahlen. Da ist von "selbstverletzendem Verhalten" die Rede. Mit Selbstmord habe das nichts zu tun, heißt es. Doch das geschah allein 2003 350 Mal - darunter 120 "Gesten des Aufhängens".

Im August 2003 kam es innerhalb weniger Tage zu einem Massen-Selbstmordversuch von 23 Gefangenen. Es heißt, ein Soldat habe den Koran auf den Boden geworfen und sei darauf herumgetrampelt.

Richtig ist: Die Gefangenen beschwerten sich immer wieder über das Verhalten der Wärter. Und oft ging es dabei um den Koran. Bei Zellen-Inspektionen wurde nämlich immer auch der Koran durchgeblättert. Die Gefangenen beschwerten sich, dass die ungläubigen US-Soldaten den Koran anfassten. Daraufhin versuchte man, immer einen Moslem mit in die Zellen zu schicken. Meist waren es die Zivilisten aus meiner Dolmetscher-Gruppe. Aber es klappte eben nicht immer. Oft sprachen die Gefangenen während ihrer Verhöre von Nichts anderem als davon, dass ein Ungläubiger den Koran berührt habe.

Haben Sie Kenntnis davon, dass ein Koran in der Toilette heruntergespült würde? Dieser angebliche Vorfall führte zu weltweiten Protesten und 17 Toten.

Nein. Davon habe ich nie gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies passiert ist. Ich bin sicher: wäre dies passiert, hätte jeder, aber auch jeder Gefangene davon gewusst. Und dieser Vorfall wäre bei allen Verhören und Beschwerden immer das wichtigste Thema gewesen. Allerdings berichtete mir ein Dolmetscher aus meinem Team, dass er Augenzeuge eines Zwischenfalles mit dem Koran wurde.

Was geschah?

Es war im Frühjahr 2003. Einem der Wärter war wohl ein Koran zu Boden gefallen – jedoch vollkommen unabsichtlich. Daraufhin geriet die Lage außer Kontrolle. In einem Block sind ungefähr 40 Zellen. Die Gefangenen schrien, die US-Soldaten würden den Koran missachten. Die Männer füllten ihre Becher mit Wasser und schütteten sie auf die Wärter. Zu diesem Zeitpunkt standen auch die Luken offen, durch die das Mittagessen gereicht wurde. Die Gefangenen stopften ihre Matratzen hindurch und warfen sie auf den Flur des Zellenblocks. Es wurde so schlimm, dass ihnen das Wasser abgedreht wurde. Und dazwischen stand der Dolmetscher und entschuldigte sich.

Welche Methoden wurden bei Verhören angewandt?

Die Militärs bevorzugten harte Methoden. Es gab die Herangehensweise des "Fear-up". Dabei wurde dem Gefangenen massiv Furcht eingeflösst. Die andere Herangehensweise nannte man "Sex-up". Dabei setzten weibliche Verhör-Experten Sexualität als Druckmittel ein. Man glaubte, so könne man innere Verbindung zwischen einem gläubigen Moslem und Gott lösen. Der Gläubige werde sich unrein fühlen, schwach werden und dann die erwünschten Informationen liefern.

Wer gab dazu die Anordnung?

Ich weiß nicht, ob es einen Befehl gab oder eine Anordnung. Ich habe nie ein Dokument gesehen. Ich habe gehört, dass es entsprechende Informationen gab. Auch ein bestimmtes Buch über die arabische Mentalität soll empfohlen worden sein. Und irgendjemand hat sich solche Dinge wohl ausgedacht und nach unten durchgegeben. Jedenfalls handelte es sich nicht um Einzelfälle. Es schien durchaus normal zu sein, und niemand machte ein Geheimnis daraus. In einem der Büros der Verhör-Experten hing ein Minikleid, ganz offen, monatelang. Genau gegenüber vom Büro eines vorgesetzten Oberst.

Was erlebten Sie?

Einmal wurde ich spät abends zum Dolmetschen gerufen. Eine Frau führte das Verhör. Sie war Unteroffizier, wie ich. Sie sagte, sie hätte schon Ärger von oben, weil der Häftling nichts sagen würde. Sie müsse etwas Neues ausprobieren. Ihn so erniedrigen, dass er sich unrein fühle und nicht mehr beten könne. Sie zog ihr Hemd aus, hatte ein hautenges T-Shirt darunter. Dann rieb sie ihre Brust am Rücken des Gefangenen. "Magst Du diese großen amerikanischen Brüste?", fragte sie. Sie hatte ihre Finger mit roter Tinte von einem Textmarker beschmiert. Die rieb sie dem Gefangenen übers Gesicht und sagte ihm, es handle sich um Menstruationsblut. Er werde sich dieses Blut nicht abwaschen können, denn sie würde ihm das Wasser abdrehen, sagte sie.

Wie reagierte der Gefangene?

Er hatte schon zwei Stunden gewartet, bevor das Verhör begann. Er war an Händen und Füßen gefesselt und dazu an den Boden gekettet. Er schrie, er spuckte uns an und riss sich von einer Fußfessel los. Er brüllte, und dann weinte er wie ein Baby. Ich konnte immer nur die Worte "du amerikanische Hure" verstehen. Er hätte uns getötet, wenn er gekonnt hätte.

Was unternahmen Ihre Vorgesetzten?

Ich bin sicher, sie wussten davon. In der Armee macht keiner, was er will. Die Verhör-Expertin konnte nicht selbst entscheiden, was sie wollte. Sie weinte, als das Verhör vorbei war, sie war völlig fertig. Aber sie glaubte, sie tue das Richtige. Man kann sie noch nicht einmal verurteilen. Die meisten von ihnen hatten nur vier Monate Ausbildung erhalten.

Was passierte, wenn Besuch kam, etwa aus dem Pentagon?

Dann wurden Verhöre nachgestellt. Man nahm Gefangene, die kooperiert hatten und wiederholte Verhöre mit ihnen. Dies zeigte man auch Journalisten, die das Gefängnis besuchten. Übrigens gab es keine Video-Aufzeichnungen der Verhöre. General Miller meinte, das könne rechtliche Probleme machen. General Miller war bis 2004 der Oberbefehlshaber von Guantanamo. Er leitet jetzt die US-Militär-Gefängnisse im Irak. Er besuchte ja auch das Gebäude, in dem das Minikleid monatelang herumhing. Kann gut sein, dass er es gesehen hat. Aber einige Techniken wurden ja auch vom Pentagon vorgegeben, von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld – zumindest für einige Gefangene.

Offiziell heißt es, Guantanamo sei ein "effektives Modell". Dort sei nicht zu Misshandlungen gekommen.

Es ist eine Lüge, eine Lüge wie viele, die man dem amerikanischen Volk auftischte. Guantanamo ist ein moralischer und strategischer Fehlschlag für uns. So verteidigen wir Gerechtigkeit und Demokratie nicht. Die Folgen sind verheerend. Wie sollen wir die Herzen der Muslime in der Welt gewinnen, wie es immer heißt, wenn wir Menschen ohne Anklage einfach gefangen halten oder ihre Religion in den Dreck ziehen? Guantanamo Bay wird zum Fanal in der arabischen Welt. Und immer mehr Menschen werden uns hassen. Das macht mir richtig Angst.

Katja Gloger

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