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Irak-Krieg: Das Ende einer Diktatur

Nach dem Fall von Bagdad herrscht Ruhe in der Stadt. Der Verbleib des Diktators Saddam Hussein ist unklar. Iraks UN-Botschafter el Douri räumte die militärische Niederlage ein: "Das Spiel ist aus".

Nach dem Fall von Bagdad herrschte in der irakischen Hauptstadt am frühen Donnerstagmorgen weit gehend Ruhe. Auf den Straßen der Fünf-Millionen-Metropole sei es insgesamt sehr ruhig, berichtete ein Korrespondent vor Ort dem US- Nachrichtensender CNN. Die Bürger hätten sich in ihre Häuser und Wohnungen zurückgezogen. Aus dem Nordirak wurden schwere Kämpfe und die heftigsten Luftangriffe seit Kriegsbeginn gemeldet. Der Verbleib von Saddam Hussein (65), der rund ein Vierteljahrhundert im Irak herrschte, war weiter unklar.

Der irakische Vertreter bei den Vereinten Nationen in New York, Mohammed el Douri sagte am Mittwochabend in New York: "Das Spiel ist aus. Ich hoffe, der Frieden wird sich durchsetzen." Er hoffe, dass das irakische Volk glücklich werde. Er habe keine Beziehung zu Saddam Hussein und keinen Kontakt zu der Führungsriege.

Das irakische Regime hat sich aufgelöst

Nach drei Wochen Krieg hatte sich das irakische Regime am Mittwoch aufgelöst. US-Panzer rollten am 21. Kriegstag ohne nennenswerte irakische Gegenwehr ins Zentrum der Hauptstadt. Amerikanische Soldaten nahmen im Westen Bagdads die Zentrale der Republikanischen Garde ein. Wie auch in Basra im Süden kam es in Bagdad zu Plünderungen von Regierungsgebäuden. Vor dem Journalisten-Hotel "Palestine" im Herzen Bagdads stürzte eine Menge mit Unterstützung von US-Marines eine gewaltige Statue Saddams vom Sockel. Die Bilder von jubelnden Irakern gingen um die Welt.

Noch Kämpfe im Nordosten Bagdads

Nach dem Fall von Bagdad konzentrieren sich die alliierten Truppen auf Widerstandsnester in der irakischen Hauptstadt und den Kampf gegen verbliebene irakische Einheiten im Norden des Landes. US-Truppen stießen in Teilen Bagdads auf sporadischen Widerstand kleinerer Gruppen von Fedajin-Kämpfern, berichtete in der Nacht zum Donnerstag der US-Nachrichtensender CNN unter Berufung auf das Pentagon in Washington. Aus dem Nordirak wurden schwere Kämpfe und die heftigsten Luftangriffe seit Kriegsbeginn gemeldet. Über der Stadt Kirkuk waren nach Angaben des britischen Rundfunksenders BBC amerikanische Kampfflugzeuge im Einsatz. Auch aus Tikrit, der Heimatstadt von Saddam Hussein, wurden Luftangriffe gemeldet.

Tikrit im Visier

Nach der Einnahme von Bagdad haben sich die Luftangriffe der verbündeten Streitkräfte in Irak auf Tikrit konzentriert, die Heimatstadt von Staatschef Saddam Hussein. Auch Sondereinsatzkräfte seien im Einsatz, die den Einmarsch von Bodentruppen vorbereiten sollten, erklärten US-Militärvertreter. Brigadegeneral Vincent Brooks sagte am Mittwoch im Oberkommando Mitte in Katar, auf Tikrit bewegten sich von Norden und Süden irakische Truppen zu.

In Tikrit sollen sich Kämpfer der Republikanischen Garde, der Baath-Partei Saddam Husseins, paramilitärische Kämpfer sowie reguläre Einheiten der Armee zur Verteidigung der Stadt bereithalten. Amerikanische Truppen sicherten die Straßen in die Stadt aus Richtung Bagdad, um Mitglieder der irakischen Führung an der Flucht zu hindern. Ob dabei Regierungsmitglieder gefasst wurden, wollten US-Vertreter nicht sagen. In der Umgebung der rund 150 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Stadt flog die US-Luftwaffe Angriffe auf Einheiten der Adnan-Division der Republikanischen Garde.

USA bereiten Treffen irakischer Exilpolitiker vor

Die USA bereiten ein Treffen irakischer Exilpolitiker und lokaler Führer als ersten Schritt zu einer irakischen Übergangsregierung vor. Ort und Datum stünden noch nicht fest, hieß es in Washington. US- Vizepräsident Richard Cheney hatte das Treffen zunächst für diesen Samstag in der südirakischen Stadt Nasirija 300 Kilometer südöstlich von Bagdad angekündigt, sich später aber korrigiert. "Das wird das erste einer Serie regionaler Treffen sein", sagte US- Außenamtssprecher Richard Boucher.

Rumsfeld: Der Krieg ist noch nicht vorbei

In Washington betonte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dass der Krieg noch nicht vorbei sei. Vor allem müssten Saddam und dessen Söhne gefunden werden. Im Nordirak waren Mosul und Kirkuk weiter umkämpft. Militärexperten rechnen vor allem in Tikrit, der Heimatstadt Saddams, noch mit größerer irakischer Gegenwehr.

Rumsfeld: Hussein habe einen "rechtmäßigen Platz" neben Hitler, Stalin eingenommen

Der Zusammenbruch des irakischen Regimes in der Hauptstadt Bagdad wurde international überwiegend mit Erleichterung aufgenommen. Das Weiße Haus in Washington begrüßte die Jubelszenen in Bagdad als "historischen Augenblick", warnte aber zugleich vor Überschwang. Rumsfeld sagte, angesichts der Jubelszenen in der irakischen Hauptstadt fühle er sich an den Fall der Berliner Mauer erinnert. Saddam Hussein habe nun einen "rechtmäßigen Platz" neben Hitler, Stalin und anderen Diktatoren eingenommen.

Blair erfreut über die Entwicklung in Bagdad

Der britische Premierminister Tony Blair äußerte sich "erfreut" über die Entwicklung in Bagdad. Bundeskanzler Gerhard Schröder begrüßte den Vormarsch der Truppen der USA und Großbritanniens in Bagdad uneingeschränkt. Der baldige Sieg werde erhofft und sei natürlich auch erwünscht, betonte der Kanzler. Aus Paris und Moskau lagen keine offiziellen Reaktionen vor.

Die ägyptische Regierung warnte vor "ausländischer Einmischung" bei der Bildung einer neuen Führung im Irak. Es sei wichtig, dass die Iraker ihre Führer und ihre Regierung selbst wählten ohne Einmischung von außen, sagte Außenminister Ahmed Maher in Kairo.

Keine Verbesserung der katastrophalen Lage in den Krankenhäusern

Trotz der Einnahme weiter Teile Bagdads zeichnete sich keine Verbesserung der katastrophalen Lage in den Krankenhäusern ab. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach in Genf von völlig überlastetem Personal und schlechter Versorgung. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) stellte wegen der angespannten Sicherheitslage in der Haupstadt die Arbeit vorübergehend ein.

Ein Sprecherin des IKRK bestätigte den Tod eines seit Dienstagabend in Bagdad vermissten Delegierten der Organisation. Der Kanadier war schwer verletzt worden, als ein Hilfskonvoi des IKRK beschossen wurde. Bei dem Feuerwechsel seien zwölf weitere Menschen getötet worden, sagte die Sprecherin. Es sei nicht direkt auf die beiden Fahrzeuge des IKRK gezielt worden.