Irak-Krise Ein Mekka nihilistischer Glaubenskämpfer


Nicht nur die US-Truppen sind das Ziel des terroristischen Untergrundes im Irak, zunehmend geraten Iraker selbst in die Schusslinie. Es sind vor allem einheimische Polizisten, die zu Opfern des blutigen Bombenterrors werden.

Vor fünf Jahren traf Waad Abdelhussein eine seinerzeit kluge Entscheidung: Um dem gefürchteten Dienst in der irakischen Armee unter Saddam zu entgehen, wurde er Polizist - ein miserabel bezahlter, schlecht angesehener, aber wenigstens ruhiger Job. Nun liegt Waad Abdelhussein wundenübersät und bandagiert im Yarmuk-Krankenhaus und kann nur mühsam sprechen.

Aber er hat noch Glück gehabt im Vergleich zu seinen in Stücke gerissenen Kollegen sowie zu jenen in den Nachbarbetten, die nur ein Röcheln von sich geben. "Die Terroristen wollen uns alle ausrotten", konstatiert er und hebt den Kopf: "Aber warum?"

Ein Krieg gegen Iraks Polizisten

Über dem Angriff auf das Rotkreuz-Hauptquartier in Bagdad und dem Abzug der letzten Hilfsorganisationen aus Bagdad ging in der Weltöffentlichkeit fast unter, dass noch ein anderer Krieg die Iraker in Angst und Entsetzen treibt. Kein Krieg mehr bloß gegen die Amerikaner, sondern gegen Iraks Polizisten. Allein am Montag vergangener Woche rasten Selbstmordattentäter außer ins Rotkreuz-Gebäude in vier Polizeireviere, töteten allein dort fast 40 Menschen. Am Tag darauf sprengte sich ein Attentäter vor einer Polizeiwache in Falludscha, am Samstag griffen andere dieselbe Wache an, Wochen zuvor gab es acht Tote beim Selbstmordattentat aufs Polizeihauptquartier von Bagdads Armenviertel Sadr City.

"Widerstand? Pfff, was soll das für ein Widerstand sein? Hier sterben doch nur Iraker." Khader Karim Abbas ist der Polizeichef von Hay al-Alam, einem ruhigen Wohnviertel von Bagdad. Bis vor einer Woche war er stolz auf sein kleines Stückchen des neuen Irak, auf den Hof voller beschlagnahmter Diebesautos, auf seine renovierte Polizeiwache mit der weißen Mauer und dem blauen Zaun darüber, auf den Respekt der Nachbarn. Jetzt sitzt er in seinem halbzertrümmerten Büro, schaut durchs geborstene Fenster ins Inferno: die Mauer, der Zaun, die Fassade, das halbe Dach, alles verschwunden.

Von zwei Dutzend Autos sind nur eingeäscherte Blechknäuel geblieben, nachdem am Montagmorgen vergangener Woche Attentäter in einem weißen Pickup erst den Wachhabenden am Tor erschossen, Gas gaben, vor den Eingang rasten und dann ihre TNT-Ladung von ungefähr einer Tonne zündeten. Zehn Polizisten starben, vermutlich fünf Passanten, von mehreren haben die Bergungstrupps bis heute keine Spur gefunden. Während Abbas redet, schwebt draußen ein Sarg vorbei, geschnallt auf ein Autodach. Ein Schuhkarton hätte gereicht, denn alles, was sie nach mehrtägiger Suche vom Polizisten Mohammed geborgen haben, ist eine Hand. Wenn es denn seine ist, aber Mohammeds Vater beschwört, sie zu erkennen. Nachbarn helfen ihm beim Wegzerren von Trümmern, kondolieren den Überlebenden.

Die Polizei war für die Armen

Gerade waren die Polizisten dabei, geachtet, ja gemocht zu werden im Irak. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Unter Saddam verdiente ein Polizist umgerechnet drei, vier Dollar und ein Vielfaches in Form von Schmiergeldern. "Wenn eine Frau ganz tief gesunken ist, wird sie zur Hure", zitierte vor Saddams Fall ein irakischer Geschäftsmann in Bagdad Bernhard Shaw: "Ein Mann, tief gesunken, wird Polizist!" Mitgliedschaft in Armee und Geheimdienst verschafften Respekt, Furcht oder beides. Polizei war für die Armen. Doch nach Krieg und der Auflösung aller Ordnung waren es allein die Polizisten, die der epidemisch wuchernden Kriminalität entgegentraten, die wieder Uniformen trugen - und zwar ohne Baseballkappen, wie es US-Berater vorgeschlagen hatten - und auf die man wenigstens ein bisschen stolz sein konnte.

Nun zahlen sie einen mörderischen Preis dafür. Hay al-Alams Polizeichef Abbas hatte Glück, er war im hinteren Gebäudeteil, als die Hölle losbrach. "Wir waren doch dabei, Recht und Sicherheit zu schaffen! Wir waren stolz darauf..." Plötzlich merkt er, dass er die ganze Zeit in der Vergangenheit gesprochen hat, hält inne und schaut einen langen Moment wortlos aus dem Fenster, als kämpfe er mit den Tränen.

Haben Sie Angst? "Angst? Nein. Wenn die Polizei fällt, fällt das Land!", und er bemüht sich, entschlossen zu klingen. Aber alle Gesten, sein fassungsloser Blick, wie er müde und halb schräg im Stuhl vor dem zerfetzten Fensterahmen sitzt, entblößen Verzweiflung. Er habe Kinder. Und sei doch schon seit 25 Jahren bei der Polizei, das habe doch mit Politik nichts zu tun: "Wer kann so etwas tun? Wer?"

Das Grauen über Bagdad

Es scheint das Grauen über Bagdad und den Irak gekommen zu sein: erst die zwei Selbstmordattentate auf das UN-Hauptquartier, dann im September jenes auf Schiitenführer Hakim, nun die Anschlagswelle auf die Polizei. Die Attentäter schießen nicht und legen keine Bomben, sondern wollen sich partout dabei umbringen, rasen mit sprengstoffbepackten Lieferwagen direkt in die Gebäude. Und das nicht einmal, sondern fünffach an einem einzigen Tag. Und das nicht allein, sondern zu zweit, zu dritt.

Vor der Wache in Hay al-Alam saßen zwei Männer im Auto, einer von ihnen getarnt in Polizeiuniform, vor der Wache in Bagdad al-Dschadida sollen es sogar drei gewesen sein, von denen zwei entkommen konnten, nachdem der Fahrer mit Schüssen außer Gefecht gesetzt wurde.

Wut auf die Amerkaner

Die Familien von Polizisten beschwören ihre Männer, Söhne, Väter: Kündigt! Der Lohn mag gut, aber es dennoch nicht wert sein, sich abschlachten zu lassen. Der Vater des verletzten Waad Abdelhussein sitzt am Krankenbett, verflucht die Terroristen und ist wütend über die Amerikaner: "Die schützen nur sich selbst. Sie sollen unseren Söhnen wenigstens schusssichere Westen geben!" Längst gibt es im Irak nicht mehr nur eine organisierte Widerstandsfront von Saddam Husseins loyalsten Schergen. Sondern immer neu entstehende Gruppen, selbsternannte Armeen und Terrorzellen. Wie etwa in der heiligen Stadt Kerbala, wo zwei schiitische Milizen seit Wochen um die Macht über die Stadt, den Schrein und dessen Spendenvermögen kämpfen.

Und nun formiert sich auch hier jene Kraft, die kein Ziel mehr kennt außer größtmöglicher Angst und Vernichtung: jene Internationale sunnitischer Extremisten, die Osama Bin Laden verehren und unter dem Etikett al-Qaeda zusammengefasst werden, ohne unbedingt dazuzugehören. Denen, die jede Ordnung bekämpfen, bieten Iraks Polizisten das perfekte Ziel.

Käfige à la Guantanamo

Der einzige überlebende Attentäter von Bagdad al-Dschadida ist ein Jemenit mit syrischen Papieren. Laut Zeugen schrie er noch: "Ihr habt alle den Tod verdient!", bevor die Schüsse ihn in letzter Sekunde daran hinderten, seinen Sprengsatz zu zünden. Auch in den Trümmern einer anderen Polizeiwache fand sich, so ein US-Fahnder, ein ägyptischer Ausweis. Mindestens zwei Saudis, zwei Jemeniten, ein Syrer und ein Palästinenser sitzen bereits in Käfigen à la Guantanamo in Saddams ehemaligem Palastareal, das die US-Besatzer zu ihrem Hauptquartier gemacht haben. Insgesamt sollen bis zu 400 arabische Ausländer allein in den vergangenen Wochen festgenommen worden sein.

Den Terror der Islamisten wollten die Amerikaner mit ihrer "vorbeugenden" Invasion im Keim ersticken. Stattdessen haben sie ihn erst entfesselt. Nicht absichtsvoll, auch wenn ihnen viele Iraker mit Hang zu Verschwörungstheorien dies unterstellen. Sondern schlicht deshalb, weil sie perfekte Bedingungen geschaffen haben: ungläubige Besatzer auf islamischer Erde, offene Grenzen, Anarchie im Landesinneren. Ein großartiger Nährboden für die Sektennomaden Osama Bin Ladens, die jeden Konflikt besiedeln wie der Parasit das Wirtstier.

Sie kommen gern

Bin Laden selbst hat über seinen Haussender al-Dschazira aufgerufen: "Zieht los und zeigt eure Muskeln!" Der Irak ist zum neuen Mekka der nihilistischen Glaubenskämpfer geworden, hat im Dschihad-Ranking Tschetschenien und Kaschmir überholt. Selbst aus Frankreich und Großbritannien melden Geheimdienste einen Exodus in Richtung Bagdad. Selbst vor der Berliner al-Nur-Moschee, wo früher für den Kampf in Tschetschenien und Palästina gesammelt wurde, wird die Kollekte mittlerweile im Namen des irakischen Dschihad erhoben. George W. Bush möchte den Krieg gegen die Terrorsektierer im Irak führen? Er kann ihn haben, ist ihre Botschaft. Sie kommen gern. Eine ganze Schar von Mohammed Attas scheint auf dem Weg zu sein: 2000 - 4000 ausländische Dschihadisten vermuten US-Regierungsexperten im Land, irakische Ermittler schätzen ihre Zahl doppelt so hoch. Aus dem Iran sickern angeblich die Überlebenden des al-Qaeda-Ablegers Ansar al-Islam ein, die im Krieg aus ihrem kurdischen Refugium vertrieben wurden. Allein aus Saudi-Arabien sollen mehrere tausend Radikale bereits durch die Wüste gekommen sein - über eine Grenze, die kaum zu kontrollieren ist, denn auf beiden Seiten leben die Clans vom mächtigen Stamm der Shammar. Seit saudische Geheimdienste und Militärs auch noch den Druck auf die eigenen Extremisten erhöhen, fliehen viele von ihnen ins besetzte, aber nicht beherrschte Nachbarland, wo sie Unterschlupf in kleinen Städten finden oder wie Nomaden in der Wüste lagern.

Die US-Regierung behauptet, Izzat Ibrahim al-Duri, Saddams letzter Stellvertreter auf freiem Fuß, stecke hinter den Anschlägen. Das habe ein gefangengenommener Islamist ihnen erzählt. Sicher ist: Die Täter müssen irakische Helfer haben, aber wer die Drahtzieher sind, bleibt im Dunkeln.

Brilliant darin, Panik zu verbreiten

Sie haben kein politisches Ziel, hinterlassen keine Bekennerschreiben. Aber sind brillant darin, Panik zu verbreiten. Ausgerechnet jetzt schlagen sie zu, am Beginn des Ramadan: dem Monat des Fastens am Tage, aber mehr noch des allabendlichen Feierns, wenn üppig gegessen und danach ausgegangen wird. Eigentlich hatten sich die Menschen auf ruhige Wochen gefreut. Über die Aufhebung der Ausgangssperre und darauf, dass endlich die Überfälle zurückgehen würden. Denn im Ramadan bedeutet jede Sünde ein Fastenbrechen und zählt umso schwerer. Bin Ladens Jüngern aber ist nichts und niemand heilig. Die Welt muss gereinigt werden, lautet ihr Credo: Tod den Ungläubigen - und allen, die sich unserer Mission in den Weg stellen!

Nun sind viele Strassen Bagdads abends verwaist. Nachdem selbst Wohnviertel ohne erkennbaren Grund unter Mörserfeuer geraten sind, geht plötzlich ein Gerücht um. Es gebe Flugblätter der Islamisten: "Nach den Polizisten nun die Schulen!" Keiner hat die Flugblätter gesehen, aber jeder kennt ihren Inhalt. Als sich auch noch die Legende verbreitet, am Samstag gebe es die nächste Anschlagswelle, schließen viele Schulen, lassen hysterische Eltern ihre Kinder nicht mehr aus dem Haus, kreisen US-Kampfhubschrauber im Tiefflug über der Stadt.

Das Leben der Kinder wird bedroht

Die Stimmungslage verschiebt sich: Nicht mehr die Amerikaner sind im Moment das Problem, sondern die Terroristen. Widerstand gegen US-Truppen sei ja irgendwie schon okay, finden die meisten. Aber wenn irrsinnige, überdies ausländische Selbstmordattentäter das Leben der eigenen Kinder bedrohen, hat es mit der Nationalromantik rasch ein Ende: "Sobald die einem Kind etwas antun, bringen wir diese Araber alle um", ruft ein aufgebrachter Vater vor einer Grundschule im Zentrum.

Nachdem vor Tagen ein Rollkommando bewaffneter Dschihadisten Bagdads Ballettschule stürmte mit der Forderung: Schluss mit Tanz und Gesang für Mädchen, "oder wir kommen wieder und bringen alle um!", halten nun drei Polizisten Wache vor dem Tor. Und rätseln in grimmigem Zynismus, "ob die jetzt wiederkommen und jeden einzeln erschießen - oder ob sie uns gleich alle gemeinsam in die Luft sprengen".

Christoph Reuter print

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