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Iran: "Tod den USA - es lebe Amerika"

Ungewohnte Töne von Mahmut Ahmadinedschad: Bei der Feier des 30. Jahrestags der islamischen Revolution verzichtet der Provokateur vom Dienst auf Hasstiraden gegen die USA und Israel. Stattdessen sucht er den Dialog mit dem alten Erzfeind - und trifft damit offenbar die Gefühlslage seiner Landsleute.

Von Steffen Gassel, Teheran

Nach 20 Minuten wird es den Jubelperserinnen zu langweilig. Auf dem blumengeschmückten Podium kommt Mahmud Ahmadinedschad gerade in Fahrt, da wenden sich die Schülerinnen aus der ersten Zuschauerreihe, zum Gehen ab. "Das Beste ist eh schon vorbei", sagt die 14-jährige Samaneh. In aller Frühe war sie zusammen mit ihren Klassenkameradinnen im Bus angereist. Die Schule hatte den Ausflug organisiert, mitfahrende Lehrerinnen dafür gesorgt, dass die Mädchen in Reih und Glied vor der Rednerbühne Aufstellung nehmen. Stundenlang hatten sie geduldig gewartet, hatten artig die Vorredner beklatscht und als ein Einpeitscher die Menge vor dem Auftritt Ahmadinedschads zum Schlachtruf anstachelte, hatten sie begeistert mitgekreischt: 'Marg bar Amrika! Marg bar Amrika! - Tod den USA! Tod den USA!'

"Der Teil hat am meisten Spaß gemacht", sagt Samaneh mit von der Aufregung noch leicht geröteten Wangen. "In dem Moment war richtig was los." Die Freundinnen nicken eifrig. Die lange Liste der Errungenschaften aus 30 Jahren Islamischer Republik, Fortschritt bei der Alphabetisierung, Steigerung der Aluminiumproduktion, billige Handys für alle, die ihr Präsident gerade durch dröhnende Lautsprecher verliest, können die Mädchen nicht annähernd begeistern. "Er ist ein bisschen langweilig, nicht wahr?" kicheren die Mädchen hinter vorgehaltener Hand.

Keine Lust an der Provokation

In der Tat: Diejenigen unter den Hunderttausenden auf dem Azadi-Platz im Westen Teheran, die sich auf eine feurige Rede ihres sonst so verlässlich provokationslustigen Präsidenten gefreut haben, werden enttäuscht. Ahmadinedschad hat Kreide gefressen: Keine öffentlichen Zweifel am Holocaust, kein Pochen auf das unveräußerliche Recht auf Urananreicherung, kein Aufruf zur Vernichtung Israels kam über ihm die Lippen - und das just am 30. Jahrestag der Revolution Khomeinis, die im Februar 1979 dem Shah und seinen westlichen Freunden die Macht über den Iran endgültig entrissen hatten. Stattdessen schlägt Ahmadinedschad ungewohnt versöhnliche Töne an. "Die Zeit für militärische Gewalt ist vorbei. Jetzt ist die Zeit für Dialog. Wir sind zum Dialog mit Amerika bereit", erklärt der Präsident und bietet den USA im gleichen Atemzug Hilfe bei der Bekämpfung des Terrorismus an. Zwar betont er, Ex-Präsident Bush und "die zionistischen Killer" müssten für den Mord an Hunderttausenden unschuldiger Zivilisten im Irak, in Afghanistan und im Gaza-Streifen vor Gericht gestellt und verurteilt werden. Der neuen Regierung Obamas signalisiert Ahmadinedschad jedoch Bereitschaft zum Neuanfang: "Das iranische Volk begrüßt eine Verständigung und einen Dialog in gegenseitigem Respekt."

Die scheinbare Kehrtwende des Eiferers von Teheran kommt für Beobachter der politischen Szene im Iran nicht überraschend. "Viele Leute, selbst diejenigen unter den Erzkonservativen, sind inzwischen überzeugt, dass wir eine Aussöhnung mit den USA brauchen. Ahmadinedschad will zeigen, dass er der Mann ist, der das schaffen kann", sagt Ebrahim Yazdi. Der 77-Jährige war einer der iranischen Diplomaten, die bis in die frühen Tage der Revolution hinein enge Kontakte zur Regierung in Washington pflegte. Der endgültige Bruch kam mit dem Sturm revolutionärer Stundenten auf die US-Botschaft in Teheran im November 1979. Die anschließenden Geiselhaft von 52 US-Diplomanten ging erst nach 444 Tagen zu Ende. Der Schock von damals hat das Verhältnis beider Länder über 30 Jahre hinweg bestimmt und wirkt bis heute nach.

Mehr als den Ausgleich mit den USA geht nicht

Dass Barack Obama ausgerechnet dem Land, das sein Vorgänger Bush noch auf einer "Achse der Bösen" verortete, die Hand zur Versöhnung entgegenstreckt, hat in Teheran einige Unruhe ausgelöst. "Die Leute in den verschiedenen Machtzentren sind nervös. Der Ausgleich mit den USA ist der größte politische Preis, der im Iran heute zu haben ist. Die Reformer wollen ihn den Konservativen nicht überlassen. Doch die Konservativen wollen ihn für sich", sagt Yazdi, der das Tauziehen hinter den Kulissen seit Wochen gespannt verfolgt. "Die entscheidende Frage ist für viele nicht mehr, ob verhandelt wird, sondern wer verhandelt. Ich bin skeptisch, ob Ahmadinedschad und seine Kollegen qualifiziert sind für so eine delikate Aufgabe", so Yazdi. "Anderereseits werden die Konservativen kaum zulassen, dass ein Reformer ihnen den Triumph wegschnappt.

Wem traut das Volk den Brückenschlag eher zu?

Erst jüngst wieder hat die Rivalität der verfeindeten Lager neue Nahrung erhalten. Da hatte der populäre Ex-Präsident Mohammad Chatami offiziell angekündigt, er werde bei den im Juni anstehenden Präsidentschaftswahlen gegen Ahmadinedschad antreten. Die Frage, wem das Volk, und vor allem, wem der Revolutionsführer Ali Khamenei den Brückenschlag nach Washington zutraut, dürfte diese Wahl mitentscheiden. Gut möglich, dass noch weitere politische Schwergewichte wie der ehemalige Atom-Unterhändler Ali Laridschani und der Bürgermeister von Teheran Mohammad Baqer Qalibaf in den Machtkampf eingreifen und ebenfalls kandidieren.

Bei allem internen Gerangel, das das Gesprächsangebot aus Washington ausgelöst hat, scheint die oberste Führung im Moment vor allem auf eines bedacht zu sein: Die historische Chance zum Ausgleich mit dem Erzfeind nicht zu verpassen. Dafür spricht eine Episode, die erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, obwohl sie sich wohl schon Ende 2008 ereignete. Eine für gewöhnlich gut informierte iranische Webseite berichtet, der Schweizer Diplomat, der die in der eidgenössischen Botschaft untergebrachte Interessenvertretung der USA in Teheran geleitet habe, sei verhaftet worden. Hintergrund der Festnahme: Die Polizei habe ihn in einem schicken Viertel Nordteherans nachts mit einer unverheirateten Frau im Auto überrascht, "unkorrekt gekleidet und in einer obszönen Position".

Jahrelanger Nervenkrieg zwischen Deutschland und dem Iran

Im Fall des deutschen Andreas Hofer führte eine ähnliche Affäre Ende der 90er Jahre zu einem jahrelangen diplomatischen Nervenkrieg zwischen Deutschland und dem Iran. Den Schweizer ließen die Teheraner Behörden samt seiner iranischen Freundin jedoch schon wenigen Stunden auf Kaution frei und in die Schweiz ausreisen. Die einzige Bestätigung des Zwischenfalls kommt überdies vom Schweizer Außenministerium. Die iranische Regierung hat dementiert, dass es die Verhaftungen je gegeben habe. Offenbar achtet man peinlich genau darauf, jede auch noch so kleine Verstimmung mit Washington zu vermeiden.

All dessen ungeachtet hallten die alten Slogans "Tod für Amerika" und "Tod für Israel" heute wie vor 30 Jahren durch die Straßen von Teheran. Doch Ibrahim Yazdi, selbst ein unermüdlicher Kämpfer für ein Ende der Isolation, lässt seine Hoffnung auf ein Ende der Eiszeit zwischen Iran und dem Westen davon nicht trüben: "Es kommt darauf an, was hinter verschlossenen Türen gesagt wird. Die Rhetorik ist im Grunde egal."

Dieser Meinung sind auf ihre Art auch die Schülerinnen vom Azadi-Platz. Mochten sie erst vor ein paar Minuten im Chor der Zehntausende den Tod des Großen Satans in Washington gefordert haben - dem neuen US-Präsidenten und seinen Landsleuten sind sie trotzdem friedlich gesonnen. "'Tod für Amerika', das rufen wir eben jedes Jahr so. Aber eigentlich wollen wir Freundschaft mit den Amerikanern, wir wollen mit allen Freunde sein", sagen die Mädchen.

Samaneh und ihre Freundinnen wissen auch schon, welchem Kandidaten sie im Sommer ihre Stimme geben werden. "Ahmadinedschad ist der Mond. Aber Chatami ist die Leber", schwärmen die Schülerinnen in blumigem Teenager-Farsi - und meinen damit so viel wie: 'Ahmadinedschad ist schon okay. Aber gern haben wir nur Chatami, der ist echt süß.'