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Eskalierende Gewalt Von Frauen angeführt und "bereit zu sterben": Was die Proteste im Iran von früheren unterscheidet

Junge Frauen und Männer demonstrieren gegen das iranische Regime
Auf den Barrikaden: Junge Frauen und Männer demonstrieren gegen das iranische Regime
© ddp / abaca press
Die Proteste im Iran sind die größten seit mehr als 40 Jahren. Doch anders als früher stehen nun Frauen an vorderster Front. Die Wut auf das Regime zieht sich quer durch die Gesellschaft – und viele Menschen sind bereit für ihre Freiheit alles zu riskieren.

Als sich die Nachricht von Mahsa Aminis Tod verbreitete, waren die Menschen im Iran bereit. Bereit auf die Straße zu gehen, bereit laut zu werden, bereit ihr Leben zu riskieren. Die 22-jährige Kurdin starb unter bislang ungeklärten Umständen auf einer Polizeiwache in Teheran, nachdem sie von der Sittenpolizei festgenommen worden war. Der Grund: ein offenbar verrutschtes Kopftuch.

Ihr Tod hat dem seit langem schwelenden Unmut über die religiösen Gesetze und der wirtschaftlichen Notlage ein Gesicht gegeben. Seit mehr als zwei Wochen gehen die Menschen im Iran täglich auf die Straße – es sind die größten Demonstrationen seit der Islamischen Revolution 1979. Doch nicht nur das ist besonders. 

Anders als bei früheren Protesten stehen Frauen an vorderster Front. Die Wut auf das Regime zieht sich durch die ganze Gesellschaft, vereint Jung und Alt, Männer und Frauen, Stadt- und Landbevölkerung. Und noch etwas ist diesmal anders: Vor allem die jüngere Generation hat nichts mehr zu verlieren. Viele sind bereit für ihre Freiheit zu sterben.

Frauen führen die Proteste im Iran an

Frauen, die ihre Kopftücher verbrennen, Studentinnen, die sich die Haare abschneiden, Schülerinnen, die Irans Staatsoberhaupt Ayatollah Ali Chamenei den Mittelfinger zeigen. Das Internet ist voll von Fotos und Videos, die junge Iranerinnen bei den aktuellen Protesten an vorderster Front zeigen. Schnell entwickelte sich das Verbrennen des islamischen Kopftuchs, genannt Hijab, zum Symbol der Proteste – sowohl um Solidarität mit Mahsa Amini zu zeigen als auch um gegen das Hijab-Gesetz zu protestieren.

Das Gesetz, das 1981 nach der Revolution in Kraft trat und Frauen zum Tragen des Kopftuchs verpflichtet, steht wie kaum etwas anderes für die weibliche Unterdrückung in der Islamischen Republik. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass viele iranische Frauen nicht generell gegen den Hijab, sondern gegen die obligatorische Regel sind. Trotz des Risikos bestraft zu werden, haben Iranerinnen die Pflicht immer wieder infrage gestellt und die Grenzen dessen getestet, womit sie durchkommen. Schon die Kopfbedeckung etwas lockerer zu tragen und den Haaransatz zu zeigen, kann im Iran zur Festnahme durch die Sittenpolizei führen – oft inklusive Schlägen, Zwangsunterricht oder Geldstrafen.

Der Protest gegen die Hijab-Pflicht ist Teil eines wachsenden Widerstands gegen andere diskriminierende Gesetze. Seit Jahren kämpfen iranischen Frauen für Gleichberechtigung bei Themen wie Scheidung, das Sorgerecht für Kinder sowie das Recht, ohne die Zustimmung eines männlichen Vormunds arbeiten und reisen zu können. Im Mai 2017 rief die in New York lebende Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad die Kampagne "White Wednesdays" ins Leben und ermutigte iranische Frauen mittwochs ein weißes Kopftuch, als Zeichen des Protests und der Solidarität, zu tragen (mehr dazu hier im stern-Interview (€)). Nur wenige Monate später sorgte die 31-jährige Vida Movahed für Aufsehen, als sie sich mitten in der Teheraner Innenstadt auf einen Stromkasten stellte und ihr Kopftuch wie eine Friedensfahne schwenkte. Viele Frauen folgten ihrem Beispiel, bis der sogenannte "Girls of Revolution Street Protest" von der Regierung niedergeschlagen wurde.

Doch nie zuvor waren iranische Frauen zugleich Auslöser, Anführerinnen und Fußsoldatinnen der Proteste. Und noch nie erhielten sie so viel Unterstützung aus der Breite der Gesellschaft.

Wut auf Regime zieht sich quer durch die Gesellschaft

Der Tod von Mahsa Amini hat einen nationalen Nerv getroffen. Amini, so heißt es von Protestierenden, könnte die Schwester, die Tochter, könnte man selbst sein. Die Gewissheit, dass ihr Schicksal jede iranische Frau hätte treffen können, verbreitet sich wie ein Lauffeuer. "Wir sind alle Mahsa", rufen sie und fordern lautstark "Frauen, Leben, Freiheit". Mit jedem Tag schließen sich mehr Menschen den Demonstrationen an – Junge und Alte, Männer und Frauen, in den Städten und auf dem Land. Seit der Islamischen Revolution 1979 gingen im Iran noch nie so viele Menschen an so vielen unterschiedlichen Orten gleichzeitig auf die Straße.

Die Empörung über den Tod der jungen Frau ist zum Ventil für den seit langem lodernden Frust über die Regierung geworden. Inzwischen fordern Frauen wie Männer ein Ende der religiösen Gesetze, die vorschreiben, wie sich die Menschen zu kleiden haben, worüber sie in ihren eigenen Häusern sprechen sollen und was sie essen und trinken dürfen. Selbst jene aus dem konservativen Lager zeigen sich offen für Reformen und argumentieren, dass die gewaltsame Durchsetzung der Regeln Vorurteile gegenüber der Religion geschürt hätten.

Ein weiterer großer Faktor, der die Menschen auf die Straße treibt, ist die katastrophale wirtschaftliche Lage. Irans Ökonomie befindet sich seit Jahren am Tiefpunkt. Die von den USA verhängten Sanktionen als Reaktion auf die Atom- und Raketenprogramme des Landes haben es dem Iran schwer gemacht am globalen Finanzmarkt teilzuhaben. Hinzu kommen wirtschaftliches Missmanagement und weit verbreitete Korruption, die die Geduld der Bevölkerung überstrapaziert haben. Die Menschen leiden unter der steigenden Inflation, Nahrungsmittelknappheit und Versorgungsengpässen sowie einer hohen Arbeitslosigkeit.

Ihre Wut richten die Iranerinnen und Iraner nun gegen das Herz des Systems: Ayatollah Ali Chamenei, der Staatsoberhaupt und höchste geistliche Instanz zugleich ist. Videos in den sozialen Netzwerken zeigen, wie Demonstrierende in den nördlichen Städten Rasht, Sanandaj und Mashhad ziehen und mit erhobenen Fäusten "Tod dem Diktator" rufen.

Viele sind bereit für ihre Freiheit zu sterben

Die Reaktion des obersten iranischen Führers ließ lange auf sich warten. Erst am Montag – mehr als zwei Wochen nach dem Tod von Mahsa Amini – bezeichnete Chamenei diesen als "bedauerlich", während er im gleichen Atemzug die Proteste verurteilte und als Verschwörungsoperation der USA, Israels und der "iranischen Verräter im Ausland" darstellte. Gleichzeitig fährt die Regierung eine Doppelstrategie, um die Menschen zum Schweigen zu bringen. So wurden die drei größten Internetbetreiber erheblich eingeschränkt, wodurch das Netz vielerorts gestört ist und soziale Medien wie WhatsApp und Instagram blockiert sind. Die Protestierenden hatten diese Plattformen intensiv genutzt, um sich untereinander zu vernetzen und die sich rasant entwickelnden Ereignisse zu verfolgen. In Teheran wird inzwischen in einigen zentralen Viertel nachts der Strom abgestellt, wodurch die Straßen und Plätze, auf denen sich zuvor Tausende versammelten, nun in völlige Dunkelheit getaucht sind.

Doch all diese Maßnahmen sind nichts im Vergleich zu der Brutalität, mit der die iranischen Sicherheitskräfte gegen die Proteste vorgehen. Verifizierte Videoaufnahmen von "BBC" und der "Washington Post" zeigen, wie schwer bewaffnete Polizisten mit Schlagstöcken auf die demonstrierenden Menschen losgehen, Wasserwerfer einsetzen und mit teils scharfer Munition in die Menge schießen. In der südöstlichen Stadt Zahedan kam es vergangene Woche zu heftigen Zusammenstößen, als Sicherheitskräfte das Feuer eröffneten, nachdem Demonstrierende Steine auf eine Polizeistation geworfen hatten. Mindestens 36 Menschen starben, mehr als 50 wurden verletzt.

In der Nacht zum Montag eskalierte die Situation an der Teheraner Scharif-Universität. Rund 200 Studierende hatten sich auf dem Unigelände versammelt und mit Sprüchen wie "Studenten ziehen den Tod der Demütigung vor" friedlich gegen das religiöse System protestiert. Daraufhin sprengte die Polizei die Versammlung mit Tränengas und Paintballpistolen auseinander, wie Videos auf Twitter zeigen. Seit Beginn der Proteste wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) bisher mindestens 130 Menschen getötet. Die Dunkelziffer dürfte dabei deutlich höher liegen. Mehr als Tausend Iranerinnen und Iraner wurden zudem festgenommen.

Doch besonders die jüngere Generation lässt sich davon nicht mehr abschrecken. Sie sind es, die am meisten unter dem Korsett aus religiösen Zwängen und der miserablen Wirtschaftslage leiden. Viele Familien können sich nicht mehr leisten, ihre Kinder auf die Unis zu schicken. Andere sind zwar gut ausgebildet, finden aber keine Arbeit, weil es zu wenig Stellen gibt. Viele sehen in ihrem Heimatland keine Perspektive mehr. "Weil sie nichts zu verlieren haben, stehen sie auf und sagen: 'Genug davon. Ich bin bereit zu sterben, um ein lebenswertes Leben zu führen'", bringt es die prominente iranische Menschenrechtsanwältin Shadi Sadr in der "New York Times" auf den Punkt.

Ein Hoffnungsschimmer für das Land

Noch ist es zu früh um zu sagen, ob die Proteste im Iran nachhaltige Veränderungen bringen – oder gar zur Revolution werden könnten. Schon jetzt haben die Proteste einen revolutionären Charakter. Die Menschen gehen nicht nur für Gleichberechtigung, Wirtschaftsreformen oder Änderungen im politischen System auf die Straße. Sie kämpfen für das große Ganze und stellen die Frage, wie das Leben im Iran grundsätzlich aussehen sollte.

Doch es gibt nicht die eine Führungsfigur, wie es Chamenei selbst bei der Revolution 1979 gewesen ist. Die Demonstrationen sind nicht zentral organisiert. Die jungen Menschen, vor allem die Frauen, sehen jede einzelne von ihnen als Anführerin. Darin liegt eine nicht zu unterschätzende Stärke, aber keine Garantie, dass sich die Proteste in den einzelnen Städten zu einer Massenbewegung zusammenschließen. Hinzu kommt, dass das Islamische Regime in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, dass es nicht daran interessiert ist, auf die Forderungen der Bevölkerung einzugehen. Statt zu riskieren, den Demonstrierenden die Hand zu reichen und am Ende selbst schwach dazustehen, werden alle Register gezogen. "Halten die Proteste lange an, werden wir die ganze Härte des Systems sehen", ist sich auch der Iran-Experte Adnan Tabatabai sicher (lesen Sie mehr dazu hier (€)).

Gleichzeitig berichten viele Iranerinnen und Iraner, dass sie noch nie einen solchen Zusammenhalt verspürt haben. Seit Jahrzehnten haben sich nicht mehr so viele Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten hinter dem Streben nach Veränderung versammelt. Selbst wenn die Proteste auf der Straße nach und nach eindämmt werden, wird es für das iranische Regime äußerst schwer, diesen Hoffnungsschimmer aus den Köpfen der Menschen zu bekommen.

Die Hoffnung, dass Wandel möglich ist. Die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit für Mahsa Amini.

Quellen: "NY Times", "The Daily", "Washington Post", "BBC", "The Conversation", "Zeit Magazin", Twitter, mit Reuters und AFP-Material

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