HOME

Iran: Kleine Fluchten

Nirgendwo in der islamischen Welt geben sich junge Menschen westlicher als im Gottesstaat Iran. Ernüchtert vom Stillstand im Land, suchen sie nur noch ihr privates Glück. Sie glauben nicht mal mehr an die Reformer.

Estragon: "Lass uns gehen!"
Wladimir: "Wir können nicht."
Estragon: "Warum nicht?"
Wladimir: "Wir warten auf Godot."
Estragon: "Ah. Aber bist du sicher, dass es hier ist?"
Wladimir: "Was?"
Estragon: "Wo wir warten sollen."

Gebannt verfolgen 300 Iraner in Teherans Honar-Theater Samuel Becketts Klassiker. Sechsmal hintereinander gibt‘s "Warten auf Godot", jedes Mal vor ausverkauftem Haus. Als hätten die Menschen endlich das Warten aufs Heil jenseits der Hoffnung einmal als Zuschauer und nicht als Beteiligte verfolgen wollen.

Es ist Theaterfestival in Teheran, und während auf den Straßen die Plakate für die hehren Jubelfeiern zum 25. Jahrestag der Islamischen Revolution hängen, wird auf den Bühnen der Zwölf-Millionen-Stadt lustvoll ihr Abgesang zelebriert: Es läuft Shakespeares "Titus Andronicus" über den Untergang Roms, über Machtwahn und Massaker, es läuft "Hamlet", es laufen Stücke wie "Hot Dog mit Senfgas", "2342 schlechte Tage", "Das Grab der Lebenden". In "Einige Ansichten über Frauen" soll ein Journalist über Frauenrechte schreiben, hat Angst vor seiner Mama, will Pornos gucken und ermordet in Serie seine ihm mütterlicherseits aufgezwungenen Ehefrauen. In "Welcher Donnerstag ist dies?" kommen die Geister der verratenen Märtyrer der Revolution zu Wort. Über ihren Gräbern will ein profitgieriger Mullah ein Einkaufszentrum errichten. Sie rufen, aber niemand hört die Stimmen der Toten.

Tag für Tag stehen Tausende nach Karten an. So gut wie jede der mehr als 100 Vorstellungen ist ausverkauft. Der Festivalkatalog darf nur erscheinen mit einer Referenz an den Meister. An den Revolutionsführer Imam Khomeini, der das Weinen pries, seinem Volk am liebsten das Lachen ausgetrieben hätte und in den ersten Jahren das Theaterspielen verbieten ließ.

Die Realität ist ein Balanceakt

Die Realität der meisten Iraner ist ein Balanceakt zwischen Arbeitslosigkeit und miserablen Löhnen, Korruption und grassierender Drogensucht, Kopftuchzwang für Frauen und Bigotterie in allen Lebenslagen. "Genau deswegen lieben wir das Theater", sagt eine junge Zuschauerin, während sie routiniert alle zwei Minuten ihr Kopftuch verrutschen lässt, um es neu drapieren zu können: "Wir spielen ohnehin Theater, jeden Tag. Aber hier, auf der Bühne, bestimmen wir wenigstens selbst die Rollen und Regeln, nach denen gespielt wird."

Nach außen geben alle den frommen Muslim: die herrschenden Kleriker wie die rebellierende Jugend. Aber die einen tun es, um weiterhin in Ruhe Macht und Reichtum raffen zu können, die anderen, um keinen Ärger zu bekommen. Schon die kleine Party einiger Theaterfreunde nach einer Vorstellung unterläuft alle Regeln: Frauen tanzen im knappen Top ohne Kopftuch, Paare küssen sich, eingeschmuggelter Wodka kreist, selbst gegorener Wein riecht säuerlich aus Limonadenflaschen. "Schade, das mit dem Irak", mäkelt ein Jungmann mit dekadenter Krawatte, "jetzt schaffen die Amis es nicht mehr bis hierher." "Angeber", sagt die Freundin und zieht ihn am Schlips, "wisst ihr, warum ich ihn Amerika nenne? Khamenei, unser amtierender Revolutionsführer, hat doch gesagt: Amerika ist zu nichts fähig."

Während das Publikum in die Theatersäle drängt, will kaum einer das große Reality-Spektakel ein paar Straßen weiter sehen. Eigentlich sollen Ende Februar die Parlamentswahlen stattfinden. Doch der Wächterrat, zwölf von der Revolutionsführung ernannte Kleriker und Juristen, hat kurzerhand mehr als ein Drittel der über 8000 Kandidaten wegen angeblich mangelnder religiöser Gesinnung von den Wahlen ausgeschlossen - darunter 87 amtierende Abgeordnete der Reformparteien, die mit absoluter Mehrheit eigentlich die Geschicke des Parlaments bestimmen sollten. Seit Wochen haben die sich zum Hungerstreik im Parlamentsgebäude versammelt. Es sei "die schwerste politische Krise seit Jahren", so die Zeitungen. Doch kaum einer außer den Journalisten kommt. Ein einsamer Student harrt im Parka vor dem Tor und sagt einen Satz, den Beckett nicht schöner hätte erfinden können: "Ich bin hier, um die Verfassung zu unterstützen, so weit das Gesetz es zulässt, ohne mich dabei strafbar zu machen!"

Eine Revolution für Glauben und Freiheit - ein Widerspruch

Ein Vierteljahrhundert nach dem dramatischen Sturz des Schahs und der Gründung des ersten islamischen Gottesstaates der Neuzeit ist immer noch ungeklärt, was genau das für ein Staat sein soll. Die Revolution war eine für Glauben und Freiheit, aber ihre Väter haben den Widerspruch nicht aufgelöst, sondern zur Staatsräson gemacht: In der Verfassung ist die Diktatur der Glaubensführer von Gottes vermeintlichen Gnaden verankert, die niemandem gegenüber Rechenschaft ablegen müssen. Ihnen unterstehen Revolutionsgarden, Justiz und jener Wächterrat, der darüber bestimmt, wer kandidieren darf für Präsidentenamt und Parlament, welche Gesetze statthaft sind und welche unislamisch. In derselben Verfassung ist aber auch die Demokratie mit Wahlen, Parlament, Regierung festgeschrieben.

Als Sayed Mohammed Khatami im Mai 1997 als eigentlich chancenloser Alibi-Kandidat zugelassen, aber dann trotz Schikanen und Fernsehboykott mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde, ging die Hoffnung durchs Land: Nun werde es endlich persönliche Freiheiten, unabhängige Gerichte, soziale Gerechtigkeit geben. Doch all die großen Pläne des 2001 mit Zweidrittelmehrheit wiedergewählten Khatami sind versickert und versandet.

Wenn er keinen Erfolg habe, werde er zurücktreten, ließ er ein ums andere Mal verbreiten. Um dann doch lieber auf dem warmen Präsidentensessel auszuharren und der Welt lächelnd vom "Dialog der Zivilisationen" zu erzählen, derweil daheim Journalisten, Studenten sowie Minister seines eigenen Kabinetts verhaftet wurden.

Am Rednerpult im Parlament steht Reza Khatami, Bruder des Präsidenten und Führer der "Islamischen Beteiligungsfront", der größten Fraktion, vom Wächterrat für die Wahlen gebannt, im Hungerstreik seit Wochen. Ein mächtiger, wichtiger Mann, so meint man. "Wir werden hier nicht aufgeben", verkündet er.

Der Hungerstreik sei ja symbolisch

Aber was, wenn der Wächterrat nicht nachgibt? "Dann werden wir die Wahlen boykottieren und nach Hause gehen." Was ist denn Ihr politisches Programm, wenn Sie im Parlament so wenig erreichen? "Wir müssen Bürgerinitiativen gründen, Nichtregierungsorganisationen!" Haben Sie schon einmal erwogen, Ihre Anhänger zu einer friedlichen Kundgebung auf die Straße zu rufen? "Um Gottes Willen, nein! Das wäre eine Revolution! Darauf warten die anderen doch bloß. Aber wir werden uns nicht provozieren lassen!" Und dann muss er auch schon fort, denn der Hungerstreik sei ja symbolisch, souffliert ein Assistent: Um 18 Uhr beginne das Abendessen, außerdem hat ein Abgeordneter Mandarinen mitgebracht.

Es mag Präsident Khatamis Plan gewesen sein, die Machthaber so lange in Ruhe zu wiegen, bis zu ihrem Sturz kein Kampf mehr nötig wäre. Sondern die Schwerkraft der Verhältnisse sie einfach herabfallen ließe wie eine verdorrte Spätherbstfrucht. Denn was immer eine Macht in diesem wundersamen Staat plant, hat sich auf vertrackte Art ins Gegenteil verkehrt: Khomeini wollte ein gottergebenes Volk der Traurigkeit erschaffen, und seine Erben ernten nun einen Haufen desillusionierter Atheisten. Er pries das Gebären, auf dass die Schar seiner Anhänger sich mehre. Nun drängt gerade jene Hälfte der Iraner, die seither zur Welt gekommen ist, am massivsten auf Veränderung. Seine Revolution sollte die Frauen unter Kopftuch und Knute zwingen und ließ ihnen nur die Bildung als Chance auf einen eigenen Lebensweg - was dazu geführt hat, dass seit Jahren Frauen die Mehrheit der Studenten stellen und das Parlament nun über eine Männer-Mindestquote für die Universitäten debattiert.

Präsident Khatami wollte die Revolution auf Samtpfoten, ohne seine Kontrahenten herauszufordern, ja auch nur zu ärgern - und hat stattdessen seine eigene Bewegung nun um alle Glaubwürdigkeit gebracht. Die Konservativen haben ihn einfach ausgesessen, ein ums andere Mal vorgeführt in seiner Ohnmacht.

Frustriert haben sich die Menschen ins Privatleben zurückgezogen

Schon an den Kommunalwahlen vergangenes Jahr beteiligten sich gerade mal 15 Prozent der Teheraner. Frustriert haben sich die Menschen ins Privatleben zurückgezogen. Zwar gingen vorigen Sommer Hunderte Studenten auf die Straße. Aber ihnen folgten nicht, wie prophezeit, Tausende - sondern niemand. Zu sehr halten der Kredit fürs Auto, die Raten fürs Mobiltelefon und die Angst um den Job alle in Atem. Als die Jungen ihrer Wut Luft machen wollten, kurvten sie in Autokorsos hupend durch Teheran. Worauf die Polizei ein einfaches Mittel fand, sie verstummen zu lassen: Sie besprühten die Fahrzeuge mit Lack. Denn was ist kostbarer als Freiheit, stärker als alles Aufbegehren? Die Sorge ums teure Auto.

Der Wächterrat hat nun allerdings die Balance des absurden Nebeneinanders erschüttert. "Hätten auch bei noch so geringer Wahlbeteiligung die Konservativen gewonnen, so müsste das Ergebnis respektiert werden", sagt die letztjährige Friedensnobelpreisträgerin, Irans resolute Bürgerrechtlerin und Rechtsanwältin Schirin Ebadi, in ihrem winzigen, zugestellten Souterrain-Büro: "Aber die Menschen wollen wählen können, wen sie wollen. Das ist für ein Volk, das eine Revolution gemacht hat, nicht viel verlangt. Aber was der Wächterrat hier tut, ist verfassungswidrig!"Also würden auch die Gesetze, die ein solches Parlament erlässt, für sie keine Gültigkeit besitzen? Ebadi nickt.

Die 56-Jährige war noch unter dem Schah zu einer der ersten Richterinnen im Iran geworden - um dann von den Paten der Revolution, für die sie gekämpft hatte, unverzüglich aus dem Amt geworfen zu werden. Schirin Ebadi wurde nicht Hausfrau, sie wurde Anwältin, mutige Gegenspielerin der Machthaber, die Angehörige vom Geheimdienst Ermordeter und von der Justiz willkürlich Verhafteter vertrat. Die erfolgreich dafür kämpfte, dass das Mindestheiratsalter für Mädchen zumindest von neun auf 13 Jahre heraufgesetzt wurde und im Scheidungsfall auch Frauen das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen können. Die zwei Anschlägen entging, zwischendurch immer wieder verhaftet wurde, obwohl sie nichts anderes tat, als geltendes Recht auch einzufordern.

Strippenzieher hinter dem Bühnenspektakel

Es sei gefährlich, was der Wächterrat und die machtversessenen Kleriker da täten, sagt sie. Aber hoffnungslos sei die Lage keineswegs: "Wenn ich früher einen Artikel über Frauenrechte veröffentlicht habe, bin ich ein paar Tage lang sicherheitshalber nicht nach Hause gekommen. Und heute: Da halten Parlamentarierinnen die schärfsten Reden, gibt es wieder Richterinnen, wächst eine selbstbewusste Frauengeneration heran! Die Lage verändert sich, unaufhörlich."

Weit oben, in den luftigen Hügeln Nordteherans, sitzt ein Mann und fragt nur matt: "Ebadi?" Habe diesen komischen Nobelpreis nicht auch schon Shimon Peres gewonnen, ein Zionist, ein Erzfeind? Mohammed Haschemi Rafsandschani ist Bruder des noch immer mächtigen, schwerreichen Ex-Präsidenten, ist Regierungsberater in Wirtschaftsfragen, Mitglied diverser Räte, Komittees, einer der großen Strippenzieher hinter dem Bühnenspektakel.

Er empfängt nicht wie Ebadi im Souterrain, sondern im Audienzsaal des Golestan-Palastes inmitten eines quadratkilometergroßen Parks, wo er die Geschicke seines Landes aus seiner Perspektive betrachtet: "Von oben. Ich stehe über diesen Dingen." Der Wächterrat habe doch nur seine gesetzliche Pflicht getan, "es muss doch Einschränkungen geben, sonst könnten Sie ja auch Zweijährige wählen lassen!" Und überhaupt: "Diese so genannten Reformer hat doch schon in Teheran kaum noch einer gewählt. Die sind doch politisch gescheitert!" Wobei er freundlich verschweigt, dass seine Parteifreunde ihr Möglichstes dazu beigetragen haben.

"Die islamische Herrschaft ist göttlicher Natur"

Aber was wäre, Herr Rafsandschani, wenn die Menschen die Verfassung ändern wollten? "Das wird nicht geschehen, jedenfalls nicht in den nächsten Jahrzehnten. 99 Prozent haben ihr ja damals zugestimmt." Aber sie enthält doch zwei widersprüchliche Systeme, Demokratie und Glaubensherrschaft. Welches hat denn Vorrang? "Der Islam natürlich! Die islamische Herrschaft kann und darf nicht verändert werden, schließlich ist sie göttlicher Natur. Aber das Wichtigste für die Menschen ist ohnehin, gut zu leben", spricht er zwischen vergoldeten Beistelltischchen aus der Schah-Zeit: "Und dafür sorgen wir. Die Revolution ist auf dem richtigen Weg!"

Einer ihrer Väter, der zudem die Verfassung mitgeschrieben hat, sieht die Revolution ebenfalls auf dem richtigen Weg - aber nicht, weil Rafsandschani recht habe, sondern weil er scheitern werde. Ibrahim Yazdi saß in jener Boeing 747 der Air France, mit der Khomeini und seine engsten Getreuen am 1. Februar 1979 einschwebten.

Vergnügt zählt er auf, was aus den Granden der ersten Stunde geworden sei: "Ghotbzadeh, einen seiner engsten Mitarbeiter, hat Khomeini dann ja bald hinrichten lassen. Ayatollah Beheschti kam beim Anschlag ums Leben." Ayatollah Chalchali, der besessene Scharfrichter der Revolution, der Menschen binnen Minuten zum Tode verurteilte, ohne auch nur ihren Namen zu kennen, und dessen liebstes Hobby es schon zuvor gewesen war, Katzen zu foltern, "der ist vor zweieinhalb Monaten friedlich gestorben. Ja, und Khatami ist Präsident".

Hartnäckiger Widersacher von Khomeinis machtversessenen Erben

Viele sind nicht mehr übrig. Und Yazdi, Führer der zwar illegalen, aber geduldeten "Freiheitsbewegung", ist seit Jahren einer der hartnäckigsten Widersacher von Khomeinis machtversessenen Erben. Sie wagen es nicht mehr, ihn ins Gefängnis zu werfen. Sondern versuchen nun, ihn mit permanenten Strafprozessen zu zermürben. "Vor kurzem haben sie mir "verbotenes Abhören meines eigenen Telefons" vorgeworfen. Dafür hätte ich keine Genehmigung. Es handelt sich um einen Anrufbeantworter, mit dem ich meine eigenen Interviews mitschneiden kann."

Trotzdem, sagt der heitere, weißhaarige Mann im Wollpullover und Marine-Sakko, habe die neue Lage etwas Gutes: "Jetzt hat der Schmusekurs ein Ende!" Er persönlich wünsche zwar den Reformern alles Gute, aber das Schlimmste, was ihnen passieren könnte, sei ein weiterer Sieg, seien weitere Jahre des Stillstands. "Sehen Sie es langfristig: Die Rechten können nicht gegen die Gesellschaft siegen. Aber sie können auch nicht die Wirtschaft liberalisieren, denn sie sind doch die Hauptprofiteure des heutigen Systems: Ayatollah Mohammed Yazdi zum Beispiel, der Ex-Chef der Justiz, kontrolliert das Monopol für den Reifenimport, die religiösen Stiftungen kontrollieren Milliardenvermögen. Damals war die Revolution zu früh. Wir waren erfolgreich nur in dem, was wir nicht mehr wollten: den Schah. Aber wir hatten kein Konzept, was genau wir stattdessen wollten." Nun sei die Zeit auf ihrer Seite, "das ist wie bei einer Grippe: Der Körper muss sich selbst erholen. Warten können, darauf kommt es an!"

Im Honar-Theater läuft zur selben Zeit wieder "Warten auf Godot", abermals vor vollen Rängen. Wladimir: "Er hat nicht sicher gesagt, dass er kommt." Estragon: "Und wenn er nicht kommt? "Wladimir: "Dann kommen wir morgen wieder." Estragon: "Und dann übermorgen." Wladimir: "Möglich."

Am nächsten Tag schreibt die Theaterkritikerin Ghazal Iskender Nejat über ihre Rezension: "Godot ist schon ganz nah!"

Christoph Reuter / print