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Interview

ABC-Waffen des IS: Je schwieriger die Herstellung, umso tödlicher die Wirkung

Seit den Anschlägen von Brüssel ist klar: Der IS will auch Atomkraftwerke ins Visier nehmen. Atomarer Terror ist auch beim Nukleargipfel in Washington ein Thema. Der stern sprach mit einem Sicherheitsexperten über die aktuelle Bedrohungslage.

Ein Bus explodiert bei einer Katastrophenübung einer US-Behörde

Bei einer Übung des US-Departments of Homeland Security wird die Explosion einer "Schmutzigen Bombe" simuliert: Nach den Terroranschlägen von Brüssel wächst die Angst, dass der IS auch zu solchen Waffen greifen könnte.

Nach den tödlichen Attacken des Islamischen Staats in Europa wächst auch die Angst vor einem Anschlag mit sogenannten ABC-Waffen, also mit atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffen. Auch beim aktuellen Nukleargipfel in Washington steht diese Gefahr durch atomaren Terrorismus erstmals auf der Agenda. US-Präsident Barack Obama sagte im Vorfeld, "am Ende des Gipfels werden wir einen internationalen Fokus darauf richten, welche zusätzlichen Schritte wir im Licht der schrecklichen Tragödie in Brüssel unternehmen müssen".

Obamas stellvertretender Sicherheitsberater Ben Rhodes sagte, Berichte über das Ausspähen eines belgischen Kernkraftwerks durch den IS zeigten das Interesse der Terroristen an nuklearem Material. "Nuklearer Terrorismus ist eine der größten Bedrohungen unserer gemeinsamen Sicherheit".

Bei dem Gipfel wird nun über Maßnahmen beraten, wie die Gefahr eines Missbrauchs von Nuklearmaterial durch Terroristen minimiert und wie die bestmögliche Sicherung radioaktiven Materials gewährleistet werden kann. Was früher unter Experten als eher unwahrscheinlich galt, ist heute zu einer realen Bedrohung geworden - ein Anschlag mit einer Massenvernichtungswaffe auf eine westliche Großstadt. Der stern sprach mit dem Sicherheitsexperten Dr. Oliver Meier von der Stiftung für Wissenschaft und Politik über die aktuelle Gefährdungslage.

Herr Meier, nach den Terrorangriffen von Brüssel ist klageworden, dass der IS offenbar auch europäische Atomkraftwerke ins Visier nimmt. Wie wird die Fähigkeit der Gruppierung, ABC-Waffen zu Terrorzwecken einzusetzen bewertet?

Man muss da doch zwischen verschiedenen Gefahren unterscheiden. Zum einen geht es um den Nuklearbereich. Hier gibt es im Grunde drei Szenarien, die uns umtreiben. Das sicherlich gefährlichste Szenario wäre, dass Terrorgruppen wie der IS die Kontrolle über spaltbares Material erlangen, das zur Herstellung von Atomwaffen eingesetzt werden kann, also hochangereichertes Uran oder Plutonium. Das ist aber zum Glück auch das Szenario, bei dem im Moment das Risiko am geringsten erscheint.

Die internationale Atomenergiebehörde IAEO berichtet von Zirka 2800 Fällen, wo die Kontrolle über Nuklearmaterial in den letzten 20 Jahren verloren gegangen ist. Doch nur bei einer Handvoll dieser Fälle war tatsächlich Material betroffen, das auch zur Herstellung von Atomwaffen geeignet gewesen wäre. Der Großteil der Fälle bezieht sich auf andersartiges Nuklearmaterial. Das wäre die zweite große Gefahr: Dass radiologisches Material verwendet wird, um eine "Schmutzige Bombe" herzustellen - und dieses so, mit der Explosion eines konventionellen Sprengsatzes zu verteilen. Die dritte Gefahr ist der Angriff auf eine nukleare Einrichtung, um diese zu beschädigen oder zur Explosion zu bringen, um das radioaktive Material, das sich dort befindet, zu verteilen.


Was für eine Art Terrorangriff gilt in Sicherheitskreisen als Worst-Case-Szenario?

Ein Worst-Case-Szenario wäre sicherlich die Explosion eines nuklearen Sprengsatzes, was dramatische Folgen hätte. Solche Atomexplosionen sind natürlich in ihrer Zerstörungskraft und ihren langfristigen Wirkungen mit Abstand das schlimmste Szenario. Allerdings ist das Risiko von allen Szenarien, hier zum Glück auch am geringsten.

Atomterrorismus ist auch beim aktuellen Nukleargipfel in Washington ein Thema:  Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass sich der IS radioaktive Substanzen auf dem Schwarzmarkt beschaffen kann?

Ein solcher Schwarzmarkt existiert wohl, der allerdings zum Glück, so scheint es bisher, eher von einer geringen Nachfrage bestimmt wird. Es gab mehrere Fälle, wo Versuche aufgedeckt wurden, solches Material zu verkaufen. Doch auch hier muss man hinter die oft sehr dramatischen Zahlen schauen. Von den zuvor angesprochenen 2800 Fällen, wo die Kontrolle über nukleares Material verloren gegangen ist, ging es bei nur 400 Fällen auch um Diebstahl. Aber es existiert ein solcher Schwarzmarkt und es ist natürlich besonders vor dem Hintergrund dessen, was nach den Anschlägen von Brüssel bekannt wurde, durchaus nachvollziehbar, dass Gruppierung wie der IS über den Schwarzmarkt Kontrolle über solche Materialien erlangen könnten.

Wäre der IS dann technisch in der Lage eine Atombombe oder eine sogenannte "Schmutzige Bombe" zu bauen?

Bei dem Bau von Atomwaffen sind die technischen Anforderungen nach wie vor hoch. Es hängt sehr stark davon ab, welches Material man zur Verfügung hat – aber es ist eben nicht so, dass man diese Bomben ohne weiteres bauen, transportieren und dann zum Einsatz bringen kann. Da wäre die Unterstützung von Nationalstaaten oder Experten, die in staatlichen Atomwaffenprogrammen gearbeitet haben, wahrscheinlich notwendig, damit man weiß, wie man mit den doch sehr gefährlichen Materialien umgehen muss.

Bei radiologischen Waffen wiederum ist dies jedoch vergleichsweise einfach, denn man kann hier ja einfach konventionelle Sprengstoffe mit strahlenden Stoffen versetzen und diese dann durch eine Explosion verteilen. Natürlich ist es auch bei radiologischen Waffen von Vorteil, wenn man technische Fähigkeiten hat - auch um gegebenenfalls Tests durchzuführen. Vor diesem Hintergrund ist es besonders beunruhigend, das der IS ein so großes Rückzugsgebiet hat. Weil dies eben auch die Möglichkeit bietet, technische Fähigkeiten zu entwickeln und diese gleich auch in der Praxis zu testen.

Was wären die Langzeitfolgen wenn eine "Schmutzige Bombe" in einer europäischen Großstadt explodieren würde?

Die direkten Folgen der Explosion einer "Schmutzigen Bombe" wären zunächst einmal nicht wirklich dramatischer als bei einem konventionellen Sprengsatz, weil diese radioaktiven Materialien eben in der Regel nicht sofort töten. Sie können aber langfristige Gesundheitsschäden verursachen. Bei einer sehr hohen Dosierung könnte eine "Schmutzige Bombe" auch zu direkten Strahlen-Schäden führen.

Doch die wahre Gefahr ist jedoch wirtschaftlicher und psychologischer Natur. Denn betroffenen Gebiete wären dann kontaminiert und müssten sehr aufwendig gesäubert werden. Sie können dann möglicherweise über sehr lange Zeit, außer von entsprechend geschütztem Personal, gar nicht betreten werden. Wären etwa Infrastruktureinrichtungen wie Flughäfen von einem solchen Angriff betroffen, wäre es sehr schwierig und aufwändig, diese so wieder zu säubern, dass sie auch wieder genutzt werden könnten. Das wäre sehr teuer und die Bevölkerung hat ja auch zurecht Angst, mit solchen Materialien in Kontakt zu kommen. Das würde dann möglicherweise auch Panik auslösen und den Schaden nochmal deutlich erhöhen.

Könnte der IS auch chemische Kampfstoffe wie Sarin, Chlor- oder Senfgas herstellen?

Prinzipiell ja. Es existieren ja mittlerweile auch bestätigte Berichte darüber, dass der Islamische Staat im Irak und möglicherweise auch in Syrien Chemiewaffen eingesetzt hat. Die Hürden sind deutlich geringer als beispielsweise bei der Herstellung von Atomwaffen. Das ist klar. Doch auch hier existiert zum Glück eine Korrelation zwischen der Gefährlichkeit eines Kampfstoffes und der Schwierigkeit, einen solchen herzustellen. Chlorgas beispielsweise ist eine Chemikalie die auch in vielen zivilen Anwendungen zum Einsatz kommt – und von daher auch relativ einfach für Anschläge missbraucht werden kann. Doch der Schaden wäre im Vergleich zum Einsatz von Nervenkampfstoffen wie Sarin deutlich geringer. Diese können schon im Gramm-Bereich sehr schnell tödlich sein. Deren Herstellung wiederrum ist dann auch wieder deutlich aufwändiger. Und der Umgang mit den Stoffen die zur Herstellung nötig sind, ist nicht einfach.#

Könnte es der Terrormiliz gelingen, solche Kampfstoffe nach Europa zu bringen?

Prinzipiell ist diese Gefahr da. Wir erinnern uns, dass der französische Premierminister nach den Anschlägen von Paris explizit davor gewarnt hat, dass Anschläge mit Chemiewaffen drohen. Wir wissen heute, dass der IS Zugang zu solchen Waffen hat. Sie wurden entweder selbst hergestellt oder stammen aus alten Beständen solcher Länder wie dem Irak, Syrien oder auch Libyen.


mit Agenturen