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Jacques Vergès: Ein Mann der unmöglichen Prozesse

In seinem Leben war er Gaullist, Stalinist und Drittwelt-Kämpfer. Er hat den Terroristen "Carlos" verteidigt und den Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie. Jetzt wird der Staranwalt mit Saddam Hussein einen der bekanntesten Klienten haben.

Er hat den Top-Terroristen "Carlos" verteidigt, aber auch den früheren Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie. Tatsächliche oder mutmaßliche Terroristen, Kriegsverbrecher sowie berüchtigte Serienmörder vertrauten dem schillernden französischen Anwalt Jacques Vergès, galt er doch immer als ein Mann der unmöglichen Prozesse.

Jetzt wird der - vermutlich - 79 Jahre alte Staranwalt mit dem früheren irakischen Machthaber Saddam Hussein einen der bekanntesten Klienten haben. Schon kurz nach der Festnahme Saddams hatte Vergès angekündigt, worauf sich die Weltöffentlichkeit einstellen könnte, falls er diesen Fall übernehmen sollte: "Die westlichen Staatschefs müssten als Zeugen gehört werden." Denn Saddam und seinem Regime würden auch Dinge aus der Zeit vorgeworfen, als er von westlichen Ländern noch wie ein Verbündeter und Freund behandelt worden sei.

Milosevic und Barbie unter den Mandanten

Zu seinen Mandanten gehörten algerische Unabhängigkeitskämpfer, palästinensische Terroristen, der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic sowie Angeklagte aus dem Umfeld der Rote Armee Fraktion (RAF). "Gerade weil ich algerische Widerstandskämpfer verteidigt habe, bin ich heute auch Barbies Anwalt", erläuterte er im November 1987 dem Magazin "Der Spiegel" zu dem Prozess gegen den ehemaligen Gestapo-Mann. "Denn die französische Armee hat in Algerien weitaus schlimmere Verbrechen begangen als die deutsche Wehrmacht in Frankreich." Er wollte Frankreich so zum "Genesungsprozess" zwingen.

Maître Vergès liebt Provokationen, Schlagzeilen, die Gerüchte um seine Person und Havanna-Zigarren. Wann genau er geboren ist und ob in Thailand oder in Laos, das ist so mysteriös und unklar wie andere Einzelheiten aus dem Leben des Mannes, der mit Mao Tsetung und mit dem früheren schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme befreundet gewesen sein soll. An einem Märztag 1970 ließ er Beruf und vierköpfige Familie Hals über Kopf hinter sich und wurde acht Jahre lang nicht gesehen. Als er zurückkam, wagte keiner Fragen zu stellen. Die sich um ihn rankenden Gerüchte gingen so weit, er habe dem Völkermörder Pol Pot gedient oder aber dem KGB in Moskau. Vergès äußerte sich nicht dazu, sprach lediglich von "Lehrjahren".

Präsidentenberater nach dem Algerienkrieg

Im Jahr 1942 war er nach London gekommen, um sich 17-jährig den Truppen des "Freien Frankreichs" anzuschließen. Nach Kriegsende trat Vergès in die Kommunistische Partei ein (die er 1957 wieder verließ) und studierte Jura und Geschichte. Als Präsident der Studenten aus den Kolonialländern begegnete er dann erstmals dem Führer der Roten Khmer in Kambodscha, Pol Pot. Und nach Ende des Algerienkrieges war Vergès sogar Staatsbürger und Präsidentenberater in Algier geworden.

"Ich pflege meinen eigenen Kult", hat der Anwalt, der gern Nietzsche zitiert, einmal offenbart. In seinem geheimnisumwobenen Leben war er Gaullist, Stalinist, Drittwelt-Kämpfer und Nichtwähler. Und im Saddam-Prozess dürfte Vergès auch wieder Schlagzeilen machen.

DPA