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Jahrestag der israelischen Staatsgründung: Palästinenser überrennen Grenzzaun - zehn Tote

Am Jahrestag der israelischen Staatsgründung ist zu gewaltsamen Zusammenstößen an den Grenzen des Landes zu Syrien und dem Libanon gekommen. Zehn Palästinenser, die die Grenzzäune zum jüdischen Staat überrannt hatten, wurden erschossen.

Bei Protesten gegen die israelische Staatsgründung ist es an der Grenze zu Syrien und Libanon zu den schwersten Zwischenfällen seit Jahrzehnten gekommen. Israelische Soldaten erschossen am Sonntag nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen mindestens zehn Palästinenser, die bei den Demonstrationen die Grenzzäune zum jüdischen Staat überrannt hätten. Mehr als 60 Menschen wurden Rettungssanitätern zufolge im südlichen Grenzgebiet Israels mit dem Gazastreifen verletzt, als Sicherheitskräfte auch dort das Feuer auf eine Menschenmenge eröffneten, die sich den Absperrungen näherte.

Regelrechte Tumulte entwickelten sich vor allem in dem drusischen Dorf Madschdal Schams auf den Golan-Höhen, einem syrischen Gebiet, das von Israel seit mehr als vier Jahrzehnten besetzt ist.Die Regierung in Damaskus verurteilte das Vorgehen der israelischen Armee als "kriminelle Handlung auf den Golan-Höhen, in Palästina und im südlichen Libanon". Dem Staatsfernsehen zufolge waren vier der Getöteten syrische Bürger. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete, israelische Soldaten hätten auf der syrischen Seite der Grenze zwei Menschen erschossen und 116 Menschen seien verletzt worden. Das Militär schoss an insgesamt drei Orten auf die Demonstranten, die aus Anlass des sogenannten "Tags der Katastrophe" an die Grenzen mit Israel gezogen waren. So wird die Staatsgründung Israels auf palästinensischer und arabischer Seite bezeichnet.

In der israelischen Wirtschaftsmetropole Tel Aviv kam zudem ein Mensch ums Leben, als ein israelischer Araber mit einem Lkw in Autos und Fußgänger raste. 17 Menschen wurden bei dem Zwischenfall verletzt. Die Polizei ermittelte, ob es sich um einen Unfall oder einen Anschlag handelte. Zeugen sprachen von einer Amok-Fahrt.

Israel wirf Iran und Irak Aufhetzung vor

In Madschal Schams versuchten zwischen 40 und 50 Demonstranten von Syrien aus durch den Grenzzaun zu kommen, wie der Bürgermeister des Dorfes, Dolan Abu Saleh, sagte. Hunderte Menschen füllten das grüne Tal im Grenzgebiet und schwenkten palästinensische Fahnen. Die israelische Armee versuchte das Loch im Grenzzaun zu schließen und feuerte dabei auf die Menschen. Dabei wurden mindestens vier Palästinenser aus Syrien getötet. In einem unweit gelegenen Ort an der Grenze zum Südlibanon seien weitere vier Demonstranten erschossen worden, die ebenfalls die Grenze hätten durchdringen wollen und Steine auf die Armee geworfen hätten, sagten Augenzeugen.

Die Armee warf dem Iran vor, die Proteste der Palästinenser beeinflusst zu haben. "Wir erleben hier eine iranische Provokation, sowohl an der syrischen als auch an der libanesischen Grenze", erklärte der Pressechef der Armee, Oberstleutnant Joaw Mordechai. Der Iran versuche, die Gedenkfeiern der Palästinenser auszunutzen. Ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter bezeichnete die Regierung in Damaskus als mitverantwortlich: "Das sieht wie ein zynischer und durchsichtiger Versuch der syrischen Führung aus, gezielt an der Grenze eine Krise auszulösen, um von ihren wahren Problemen zuhause abzulenken", sagte er.

Syriens Präsident Baschar al-Assad steht unter wachsendem Druck, Reformen einzuleiten und dem Volk mehr Mitspracherechte zu gewähren. Der sogenannte "arabische Frühling" hat auch zahlreiche Menschen im Nachbarland Israels erfasst. Assad ließ die Proteste jedoch zuletzt mit Panzern niederschlagen. Seit Wochen unterbindet die Regierung jede unabhängige Berichterstattung über die Ereignisse.

470.000 Palästinenser leben in Syrien

In Syrien leben rund 470.000 Palästinenser, deren Familien 1948 während des Krieges um die Gründung Israels geflohen sind. Auch ihre Führung sieht sich angesichts der Freiheitsbewegungen im arabischen Raum wachsender interner Kritik ausgesetzt. In den vergangenen Jahren hat sie Vorfälle wie diese immer unterbunden. Israels Armee war eigenen Angaben zufolge bereits darauf eingestellt, dass die "Nakba"-Demonstrationen in diesem Jahr aggressiver verlaufen könnten.

Bei den Golan-Höhen handelt es sich um eine Hochfläche im Nordosten Israels, die etwa halb so groß wie das Saarland ist. Das Gebiet gilt als strategisch wichtig, weil von hier aus der gesamte Nordosten Israels überblickt werden kann bis zum See Genezareth. Zudem liegen hier zentrale Wasservorkommen, die in dem heißen Klima der Region von großer Bedeutung sind.

Israel hat das Gebiet 1967 erobert und 1981 in einem nicht international anerkannten Schritt annektiert. Seit der Eroberung sind rund 18.000 israelische Siedler auf die Golan-Höhen gezogen, die auch eine Grenze zu Jordanien haben. Zudem leben rund 20.000 drusische Muslime in dem Gebiet. Syrien hat versucht, die Golan-Höhen im Jom-Kippur-Krieg 1973 zurückzuerobern. Seit einem Waffenstillstand 1974 herrschte an der Grenze weitgehend Ruhe. Den bislang letzten Anlauf zu Friedensverhandlungen unternahmen Israel und Syrien im Jahr 2000.

Reuters / Reuters