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US-Wahlkampf "Running Mate" für Joe Biden: Schwarz, weiblich, auch Republikanerin?


In den Wahlkampf gegen Donald Trump wird Joe Biden mit einem weiblichen "Running Mate" ziehen. Die jüngsten Demonstrationen machen es wahrscheinlich, dass es eine Woman of Color sein wird. Ein Name, der gehandelt wird, überrascht allerdings.

Das Datum steht: Bis zum 1. August soll und muss sich Joe Biden entschieden haben, wer ihn als "Running Mate" durch den Wahlkampf gegen Donald Trump begleitet. Dass es eine Frau sein wird, gilt seit Langem als ausgemacht. Nach Tagen voller Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt - ausgelöst durch den Tod des Schwarzen George Floyd in Minneapolis - spricht alles dafür, dass die Kandidatin für den Posten der Vizepräsidentin eine dunkle Hautfarbe haben wird. Ein Name, der nun ins Rennen geworfen wurde, lässt allerdings aufhorchen - und verwirrt zugleich.

Die Rede ist von Condoleezza Rice. Das scheinbare Ausschlusskriterium: Sie ist Republikanerin. "Aber keine Ideologin", wendet der Bostoner Wirtschaftsprofessor Laurence Kotlikoff ein. Der Ökonom, der selbst bereits mit Ambitionen aufs Weiße Haus ausgestattet war, hat die frühere Außenministerin im Kabinett von George W. Bush eigens ins Gespräch gebracht. Da sie ideologisch offen sei, werde sie viele politisch Nicht-Festgelegte im Land ansprechen, glaubt er. Würde Biden Rice auswählen, würde er ein starkes Zeichen der Vereinigung setzen "und Präsident Trump nicht nur die meisten Stimmen in der Mitte, sondern auch Millionen von Stimmen auf der rechten Seite entziehen", analysiert Kotlikoff auf dem Polit-Portal "The Hill". 

Biden und Rice - ein unerwartetes Paar

Condoleezza Rice habe zudem jenes Format, dass den demokratischen Frauen, die als "Running Mate" im Gespräch seien, fehle - zumindest jetzt noch. Die 65-jährige, ehemalige Nationale Sicherheitsberaterin habe nicht nur große Erfahrung auf oberster Politik-Ebene und unterhalte enge Beziehungen zu früheren und jetzigen Spitzenpolitikern in aller Welt, auch ihre Zeit als Pröpstin der Standford Universität qualifiziere sie dazu, das Land in schwierigen Zeiten zu regieren und zu führen, so es denn nötig werde. Und dass dies so kommen könnte, müsse man berücksichtigen, da Joe Biden bei seiner Wahl der älteste aller bisherigen US-Präsident wäre, so Kotlikoff.

Biden hat dieses Thema auch selbst schon angeschnitten. So gesehen hätte Rice sogar gute Aussichten, in absehbarer Zeit selbst Präsidentin zu werden. Allerdings: Als sie 2008 als Kandidatin der Republikaner gehandelt wurde, lehnte sie eine Kandidatur ab. Und wichtiger noch: Sollte Rice tatsächlich von Biden übernehmen (müssen), würden die Demokraten das Weiße Haus sofort wieder ans andere Lager verlieren.

Geprägt durch brutalen Rassismus der 1960er-Jahre

Dennoch: Noch etwas qualifiziert Rice gerade in der aktuellen Situation für den Vize-Posten. In Birmingham, Alabama, noch während der Zeit der Rassengesetze geboren, erlebte sie als Neunjährige schmerzlich, was ungezügelter Rassismus anrichtet. Beim Bombenanschlag von Ku-Klux-Klan-Männern auf die 16th Street Baptist Church am 15. September 1963 war unter den vier getöteten Mädchen eine Schulfreundin von Condoleezza Rice.

Das Attentat trug wesentlich zur Entwicklung des Civil Rights Act bei, der 1964 der Rassentrennungspolitik einiger Südstaaten einen Riegel vorschob. Fußend auf dieser Erfahrung nannte Rice auf Twitter die aktuellen Demonstrationen "für mich eine Quelle des Stolzes, dass so viele - friedlich - auf die Straße gegangen sind, um zu zeigen, dass sie Anteil nehmen."

Würde Joe Biden wirklich so weit gehen?

Auch wenn besondere Zeiten ungewöhnliche Schritte erfordern: Dass Joe Biden tatsächlich so weit gehen würde, eine Republikanerin - so Rice denn überhaupt bereit wäre - ausgerechnet im Wahlkampf gegen Donald Trump an seine Seite zu stellen, wäre eine gewaltige Überraschung. Doch die seit fast zwei Wochen anhaltenden Demonstrationen lassen die Stimmen im demokratischen Lager immer lauter werden, auf jeden Fall eine Woman of Color zu wählen.

Solche Stimmen gab es auch schon vor den Anti-Rassismus-Demos. Der Grund: Bei der Wahl 2016 büßte Hillary Clinton gegenüber Donald Trump Stimmen ein, weil sie Wählergruppen unter Schwarzen und Latinos (im Gegensatz zu Barack Obama) nicht mobilisieren konnte. Die erste nicht-weiße Kandidatin für die Vize-Präsidentschaft könnte Biden helfen, dies zu ändern und damit die Chance erhöhen, diesmal umstrittene Staaten wie Michigan, Pennsylvania und North Carolina für die Demokraten zu gewinnen.

Kamala Harris derzeit die Favoritin

Seit langem schon an der Spitze der Liste möglicher "Running Mates" steht die Kalifornierin Kamala Harris, die bis Mitte Dezember noch selber die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten angestrebt hatte, ehe sie zurückzog. Die Senatorin wird immer noch sehr hoch gehandelt, doch wurde ihr als früherer Generalstaatsanwältin des Golden State auch schon abgesprochen, eine so fortschrittliche Justiz- und Polizei-Reformerin zu sein, wie sie viele jetzt für dringend erforderlich halten.

Ein Punkt, der mit Val Demings zuletzt eine Frau in den engeren Fokus gerückt hat, die bisher kaum jemand ernsthaft auf der Rechnung hatte. Die Kongressabgeordnete aus Florida punktet nun mit ihrer Vergangenheit als Polizeichefin von Orlando. Sie könnte, so das Kalkül, im derzeit wichtigsten Thema der US-Innenpolitik von "beiden" Seiten gehört werden - zum Nutzen von Biden. 

Neuerdings im Fokus: Val Demings

Eine Moderation in der Sache hat sie bereits mit einem Gastbeitrag in der "Washington Post" versucht. Der Titel ihrer Kolumne: "Meine Mitbrüder und -schwestern in Blau, was zum Teufel macht Ihr da?" Da sie zudem Nachfahrin von Sklaven ist, in einer armen Familie in den Südstaaten aufwuchs und sich Stück für Stück hochgearbeitet hat, gilt sie so manchem als Personifizierung des amerikanischen Traums - und damit als ideale Besetzung für die Rolle der Vizepräsidentin, analysiert der frühere Kongressabgeordnete und Unternehmensberater Jason Altmire auf "The Hill".

Was Demings allerdings fehlt ist US-weite Bekanntheit. Das gilt nach Einschätzung von Laurence Kotlikoff auch für die anderen schwarzen Frauen unter den möglichen Vize-Kandidatinnen. Weder die frühere Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice noch die Beinahe-Gouverneurin von Gerogia, Stacey Abrams, noch die Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance Bottom, hätten eine ausreichende Reputation für das hohe Amt. Lance Bottom profilierte sich zwar zuletzt als Krisenmanagerin während der Unruhen in ihrer Stadt, doch bisher wurde noch nie ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin direkt für die Stellvertretung des Präsidenten nominiert. 

"Es wäre richtig, das zu tun"

Joe Biden selbst hat sich bisher lediglich festgelegt, dass er mit einer Frau in den Wahlkampf gegen Donald Trump und Mike Pence ziehen will. Diese müsse, auch das hat der designierte Kandidat der Demokraten verlauten lassen, in den wichtigen Fragen und Strategien mit ihm auf einer Wellenlänge liegen. Man müsse aber nicht in allen Details des taktischen Vorgehens übereinstimmen.

Ob auch er bereits für sich ausgeschlossen hat, eine hellhäutige Parteikollegin als "Running Mate" zu wählen, ist unklar - dies auch, weil sich unter den gehandelten Namen mit Elizabeth Warren und Amy Klobuchar zwei renommierte Politikerinnen befinden, die bekanntlich lange Konkurrentinnen Bidens im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten waren. Ihre Aussichten auf den Posten der Vizepräsidentin nach einem Wahlsieg Bidens galten als sehr gut. Doch mit den Anti-Rassismus-Protesten sind ihre Namen nahezu komplett aus der Diskussion verschwunden. Bleibt Joe Biden also ohnehin nur, eine Woman of Color als künftige Vizepräsidentin zu nominieren?

"Seine Kampagne wurde durch die afroamerikanische Community wiederbelebt", erinnert Gilberto Hinojosa, der Chef der Demokratischen Partei in Texas, an den Wendepunkt der Vorwahlen der Demokraten. "Ich denke, es wäre richtig, das zu tun."

Quellen: The Hill (Laurence Kotlikoff), "Washington Post", "Boston Globe", "New York Times"Vox, Twitter/Condoleezza Rice, "Washington Post (Condoleezza Rice)", The Hill (Jason Altmire), CNN


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