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Jutta Limbach: "Der Stein rollt den Berg hinunter"

Damaskus, Tripolis, Ramallah - überall in der moslemischen Welt sind die Mitarbeiter des Goethe-Instituts vertreten. stern.de sprach mit Institutspräsidentin Jutta Limbach über den Kampf der Kulturen, die deutschen Kopftuchverbote und Angela Merkels Kanzlerschaft.

Frau Professor Limbach, sie reisen viel. Woran merken Sie im Ausland, dass sie eine Deutsche sind?

Eigentlich nur daran, dass meine Muttersprache Deutsch ist, die leider nicht jeder versteht.

Es heißt, die Deutschen seien besonders pünktlich, fleißig und ordnungsliebend.

Ich bin nicht sicher, ob das jemals stimmte. Aber im Ausland sieht man die Deutschen als Ausbund von Sekundärtugenden.

Sind Sie ein christlicher Mensch?

Ich würde mich als religiös bezeichnen, obwohl ich keiner Kirche angehöre. Meine Eltern haben ihre Kinder - wie viele andere Sozialdemokraten auch - nicht taufen lassen, wir sollten selbst entscheiden. Gleichwohl ging ich in einen evangelischen Kindergarten, saß im Religionsunterricht, und mein Vater war der Inbegriff der Nächstenliebe. Man kann also sagen, dass ich einer christlichen Gemeinschaft großgezogen wurde.

In Deutschland darf man Witze über Gott machen - auch dank der liberalen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts. Sind sie damit einverstanden?

Staat und Religion sind in Westeuropa getrennt, das ist für uns selbstverständlich. Und die Frage, warum das Verfassungsgericht die Presse-, Meinungs- und Kunstfreiheit so liberal auslegt, hat etwas mit unserer Geschichte zu tun, mit der bitteren Erfahrung des Nationalsozialismus. Die Grundrechte sind nach der Machtergreifung sofort aufgehoben worden.

Was sagen Ihre moslemischen Gesprächspartnern zu diesem Rechtsverständnis?

Ich habe, als der Streit um die Mohammed-Karikaturen losging, in Beirut einen Vortrag über Verfassung, Demokratie und Meinungsfreiheit gehalten. Die Zuhörer fragten wiederholt, ob die Darstellung Mohammeds mit einer Bombe tatsächlich vom Gesetz gedeckt ist - was mir verdeutlich hat, wie viele sich darüber wundern. Andererseits kamen nach dem Vortrag Künstler, Wissenschaftler und Journalisten und erklärten, wie sehr sie uns um unsere Freiheiten beneiden.

Haben Sie, als die Proteste in Fahrt kamen, Institute schließen müssen?

In Damaskus und Ramallah haben wir die Institute für jeweils zwei Tage geschlossen, weil Drohungen vorlagen. Ansonsten gab es keine Proteste vor Goethe-Insituten.

Können Ihre Mitarbeiter eigentlich direkt in einen solchen Konflikt eingreifen?

Die "Goethianer" sind keine Krisenreaktionstruppe - wenn so ein Konflikt eskaliert, ist es vernünftig, erstmal Distanz zu wahren. Im Übrigen haben wir die entscheidenden Themen schon lange auf der Agenda gehabt. Auf der 38. Buchmesse in Kairo habe ich selbst mit dem ägyptischen Religionsminister und dem Menschenrechtsbeauftragten über Toleranz diskutiert. Wir hatten auch eine ägyptische Verfassungsrichterin da, die ganz ruhig darlegte, dass es für moslemische Frauen keine Pflicht gibt, einen Schleier zu tragen - sondern nur eine Empfehlung. Das war schon spannend, zumal im Publikum auch einige verschleierte Frauen saßen.

Wer gegen Mohammed-Karikaturen demonstriert, ist vermutlich nicht häufig auf Buchmessen. Erreichen die Goethe-Institute überhaupt die einfache Bevölkerung und die moslemischen Fundamentalisten?

Das ist ein schwieriges Geschäft. Ich glaube, dass die Goethe-Institute mit denen reden müssen, die bereit sind zu reden. Aber gerade das Institut in Kairo tut viel, um auch tief gläubige Menschen zu erreichen. Solche Gespräche führen wir nur im kleinen und geschlossenen Kreis.

In wiefern hat die Politik der USA diese Arbeit schwieriger gemacht?

Es ist schwieriger geworden, weil wir uns immer wieder fragen lassen müssen, warum wir für Menschen- und Bürgerrechte werben, sie aber bei der Verfolgung von Terroristen oder vermeintlichen Terroristen nicht gelten lassen. Abu Ghreib und Guantanamo sind die Stichworte, die immer wieder fallen, und die Vorwürfe sind vehement. Der Westen wird in diesen Diskussionen gerne als Block gesehen, obwohl sich die Deutschen, Gerhard Schröder sei Dank, nicht am Irak-Krieg beteiligt haben. Aber auch wir können ja nicht leugnen, dass in den Zeiten terroristischer Bedrohung immer wieder darüber nachgedacht wird, Freiheitsrechte einzuschränken. Also ob eine Rasterfahndungen erlaubt ist

... Passagierflugzeuge abgeschossen werden dürfen, die Bundeswehr im Inneren operieren kann …

aber Sie wissen ja, dass das Verfassungsgericht solche Ansinnen gestoppt hat. Die Grundrechte müssen auch in diesen Zeiten hoch gehalten werden.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum Jutta Limbach gegen Kopftuchverbote ist und was sie von der Kanzlerin hält.

Warum hat sich der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen überhaupt so hochgeschaukelt?

Das hat wohl auch soziologische Gründe. In der moslemischen Welt gibt es viele Staaten, in denen die Schere der Einkommen weit auseinander geht, wo die Masse aus armen Analphabeten besteht. Da baut sich Frustration auf, die sich in religiösem Eifer entladen kann.

Also steuern wir auf einen "Kampf der Kulturen" zu?

Es gibt einen Konflikt. Und es ist auch richtig, dass die islamische und die westliche Welt auseinanderdriften. Dennoch würde ich - trotz der Gewalt - nicht vom "Kampf der Kulturen" reden. Mir missfällt, dass man damit unterstellt, die jeweilige Kultur sei einheitlich. Wer sich mit der gegenwärtigen Diskussion im Islam beschäftigt, registriert, dass sich dort etwas ereignet, was im Christentum weitaus früher geschehen ist. Es gibt Intellektuelle, die den Koran nicht als göttliche Offenbarung sondern als historisches Werk lesen. Andere trennen sich von den orthodoxen Bekleidungsvorschriften. Natürlich gibt es auch die radikalen Vertreter eines Gottesstaates - aber die Debatte ist vielschichtig.

Was können Deutsche zuhause tun, um die Gegensätze zu entschärfen?

Sie könnten lernen, sie auszuhalten. Ich habe zum Beispiel kein Verständnis dafür, dass es Gesetze gibt, die das Tragen von Kopftüchern an Schulen verbieten. Unsere Kinder müssen lernen, in einer multikulturellen Gesellschaft zu leben, wo es unterschiedliche Religionen gibt, die unterschiedliche Bekleidungs- und Speisevorschriften kennen. Schon auf der Schule sollte man üben, sich darüber zu verständigen. Deutschland ist, auch wenn Konservative damit Schwierigkeiten haben, ein Einwanderungsland.

Im Extremfall heißt das, Parallelgesellschaften zu dulden.

Ehrenmorde, Genitalverstümmelungen, Zwangsheiraten - das sind alles Dinge, die sich mit unserem Recht nicht vertragen, die wir auch nicht dulden müssen. Die Religionen können sich in dem Rahmen entfalten, den unser Grundgesetz vorgibt.

Die Mitarbeiter der Goethe-Institute sind Experten für den kulturellen Austausch. Müsste man ihnen nicht sagen: Geht heim, fangt als Streetworker in Berlin-Neukölln an, wir brauchen Euch hier?

[lacht] Diese Kompetenzen, die Sie den "Goethianern" zu Recht nachsagen, haben auch viele hier in der Stadt. Aber man müsste mehr Geld bereitstellen, damit diese Menschen für die Integration arbeiten können. Die Politik muss die Konsequenzen aus der Einladung ziehen, die sie vor Jahrzehnten an Arbeitswillig im Ausland ausgesprochen hat.

Die Politik wird derzeit maßgeblich von einer Frau bestimmt. Erfüllt Sie das eigentlich - abseits aller Kritik - mit einer persönlichen Genugtuung?

Es freut mich, auch wenn sich Frau Merkel nie durch besonderes frauenpolitisches Engagement hervor getan hat. Möglicherweise wäre sie dann auch gar nicht an die Spitze gekommen. Ich finde es schon deshalb gut, weil sie unter Beweis stellen kann, dass Frauen dieses Amt genauso gut ausfüllen wie Männer. Außerdem ist sie ein Vorbild für junge Frauen. Die begreifen das als Herausforderung - warum nicht Kanzlerin werden?

Diese Frage haben sie sich als junges Mädchen selbst gestellt. Bereuen Sie es, dass sie es doch nicht geworden sind?

Nein. Mir hat eine für die heutige Zeit wichtige Kompetenz gefehlt - nämlich etwas von Volkswirtschaft zu verstehen.

Das ist ein freundliches Kompliment an Frau Merkel, die sich jahrzehntelang mit Physik beschäftigt hat.

Das ist schon richtig. Aber sie hat sich ein volkswirtschaftliches Wissen erarbeitet.

Welchen Rat würden Sie ihr mitgeben für die Auseinandersetzung mit dem Islam?

Sich nicht diese Formel vom "Kampf" zu Eigen zu machen - sondern sich erst einmal über die Komplexität der islamischen Welt zu informieren. Und dann im Gespräch mit Menschen aus diesem Kulturkreis zu überlegen: Wo sind eigentlich unsere gemeinsamen Probleme? Können wir uns nicht auf Grundregeln verständigen, die eine friedliche Koexistenz sichern? Man muss immer wieder die Unterschiede abarbeiten.

Eine Sisyphos-Arbeit.

Das ist es. Die Mohammed-Karikaturen haben den Stein gerade wieder den Berg herunter rollen lassen.

Das Interview führte Lutz Kinkel