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Karzai-Gegner Abdullah Abdullah: Balsam für nie verheilte Wunden

Abdullah Abdullah ist der einzige echte Herausforderer von Afghanistans amtierendem Präsidenten Hamid Karzai. Der Ex-Außenminister erlebt eine Welle der Unterstützung. Massenspeisungen sei Dank.

Von Christoph Reuter, Kabul

Zu tausenden stehen die Menschen an der kurzen Straße in Bamian, die vom Flugfeld in die kleine Stadt führt. Der einzigen in der ganzen Provinz übrigens, die asphaltiert ist. Abdullah Abdullah kommt: Augenarzt, Weggefährte des großen tadschikischen Kriegshelden Ahmed Schah Massoud, Ex-Außenminister und Gegenkandidat von Hamid Karzai bei den nahenden Präsidentschaftswahlen. Die Menschen säumen mit Postern, Plakaten den gesamten Weg. Sie skandieren seinen Namen und verhalten sich, als sei soeben der Messias aus dem Hubschrauber gestiegen. Was ein wenig verwundert: Gilt die zentralafghanische Provinz, Heimat der von den Taliban 2001 gesprengten, riesigen Buddha-Statuen, doch als Heimspiel für Amtsinhaber Karzai. Einer der beiden amtierenden Vizepräsidenten ist schiitischer Hazara – so, wie die meisten Bewohner von Bamian.

Wahlkampf mit den Toten

Doch nun sind sie gekommen, weit mehr, als unter das riesige, bunte Zeltdach passen. Drei-, viertausend mögen es sein. Ein Glitzer-Konfetti-Regen geht über Abdullah nieder. Gesprenkelt mit metallischen Glitzerpunkten tritt der graumelierte Mann ans Mikro und trifft den Ton: spricht über die nie endende Armut der Provinz, die Vernachlässigung, verspricht neue Bewässerungsanlagen und, die Toten der Vergangenheit nicht zu vergessen. Neben dem Flughafen hat er kurz haltgemacht an einem Massengrab aus den achtziger Jahren, als die sowjetischen Truppen hier tausende Hazara-Mudschahedin umgebracht hatten. "Man darf die Toten nicht vergessen", sagt er in die Mikrophone, und ein ausländischer Reporter fragt halblaut, aus welchem Krieg die denn nun seien.

Wenn man eine Weile mit Abdullah durchs Land zieht, merkt man, wie fern die Seelenlage der Afghanen selbst dem ist, was wir als den gegenwärtigen Krieg sehen: Wenn Abdullah spricht, geht es weniger um Taliban oder Amerikaner. Sondern um all die nie verheilten Wunden der zwei Jahrzehnte zuvor. Den Bürgerkrieg der Neunziger Jahre und vor allem den Krieg der Mudschahedin gegen die Sowjets in den Achtzigern, als die Tadschiken von Abdullahs Nordallianz noch Seite an Seite mit den Paschtunen des Südens (aus denen später die Taliban hervorgingen) gegen die Invasoren antraten.

Karzais einzig ernstzunehmener Gegner

Wunden zu heilen, den Menschen ein Gefühl wider die Ohnmacht zu geben, die grassierende Korruption und Rechtlosigkeit zu erwähnen – das genügt in Afghanistan schon, um einen erfolgreichen Wahlkampf zu machen. Die Verhältnisse sind so erbärmlich, dass auf die Frage, was er gegen den Drogenhandel unternehmen würde, eine lakonische Anspielung Abdullahs auf Karzais Familie für großes Gelächter sorgt: "Ich würde das jedenfalls nicht meinem Bruder überlassen." Fast jeden Tag ist er im Land unterwegs: in altersschwachen russischen Hubschraubern, in rasenden Auto-Konvois, im Flugzeug, das so überfüllt ist, dass selbst auf dem Gang die Stehlplätze eng werden. Es ist eine richtige Kampagne geworden, die einzige im Land. Die lokalen Medien berichten, was noch mehr Leute anzieht, worüber wiederum berichtet wird. In Mazar-e Scharif im Norden, wo sein Verbündeter Mohammmed Atta als Gouverneur eher von eigener Macht als von Kabuls Gnaden herrscht, säumten vergangene Woche Zehntausende die Straße, wurde ein Mensch zu Tode gequetscht, wurde Abdullah gefeiert wie ein Heiland.

Er ist, so scheint es, der Einzige, der Karzai Paroli bieten könnte. Der letzten landesweiten, halbwegs verlässlichen Umfrage zufolge käme Abdullah auf ca. 27 Prozent der Stimmen – weit hinter Karzai mit 45 Prozent, aber immerhin würde es einen zweiten Wahlgang geben. Und dann könnten viele der bisherigen Allianzen ins Rutschen geraten. Wenn denn die amtierende Regierung nicht ihren Apparat dafür nutzen würde, dass die Wahlen im Großteil des Landes kaum fair verlaufen werden.

Kein Wechsel zu ehrlicher Politik

Abdullah ist im ganzen Land bekannt, hat Geld – den Gerüchten zufolge aus dem Iran, andere sagen aus Russland oder auch Großbritannien – und ein professionelles Team. Das organisiert vor Ort den Aufbau der riesigen Zeltdächer, Technik und – ganz wichtig – die tausenden von Gratismittagessen. Seit über 20 Jahren gehört Abdullah Abdullah zum politischen Kernpersonal Afghanistans. Aber genau das ist auch sein Problem: "Egal, was er verspricht, ich glaube nicht, dass er wirklich ein integre Regierung aufbauen könnte", meint ein Arzt, der in Kabul als Journalist arbeitet: "Er redet wie Karzai vor fünf Jahren – und umgibt sich mit denselben Milizführern wie Karzai. Er würde dieses Mafia-System nicht abschaffen, nur umbesetzen. Tatsächlich sind Abdullahs Weggefährten aus den Tagen der Nordallianz nicht gerade integre Reformpolitiker: Dem einstigen Milizführer "Marschall" Mohammed Fahim, dem Massaker, gigantischer Betrug, Morde und Verwicklung ins Kidnapping-Business vorgeworfen werden, ist zwar diesmal Karzais Kandidat fürs Amt des Vizepräsidenten, aber entstammt der gleichen politischen Heimat wie Abdullah. Qanuni, der ehemalige Innenminister und derzeitige Parlamentspräsident war ebenfalls in Grundstücksschiebereien und die Aktivitäten einer afghanisch-amerikanischen Entführergruppe verwickelt, die als Kopfgeldjäcker fürs Pentagon begonnen hatten.

Wahlkampf nah am Volk

Heute verspricht Abdullah, alles anders zu machen als früher. Sein Kernprogramm: Er will durchsetzen, dass die Gouverneure der Provinzen und Distrikte künftig nicht mehr vom Präsidenten bestimmt, sondern gewählt werden. "Gebt mir die Macht, damit ich sie euch zurückgebe", ist sein Mantra auf jeder Veranstaltung. Die Korruption, die Rechtlosigkeit müssten ein Ende haben. "Aber Dr. Abdullah, würden Sie auch jene vor Gericht bringen, die in der Vergangenheit Unrecht begangen haben?" "Oh ja, alle!" Er sitzt im Panjir-Tal im Garten eines Freundes "Auch Mohammed Fahim?" Er stutzt kurz. "Ja...alle!" Und setzt sofort nach: "Aber das ist off the record", nicht zum Zitieren bestimmt. Was hier nun doch geschieht, da ohnehin mehrere Mikrofone vor ihm standen.

Nein, eine Garantie auf den Wechsel zu ehrlicher Politik ist er nicht. Aber er hat Mut. Stellt sich den Menschen. Mehrfach sind seine Kampagnenbüros, seine Wahlhelfer angegriffen, mehrere Menschen erschossen worden. Auf seinen Veranstaltungen gibt es keine Leibesvisitationen, keine Kordons verschiedener Eliteeinheiten wie bei Karzai. Jeden Tag könnte ein Attentäter ihn treffen. Aber Angst, nein, Angst habe er keine. "Das ist der Preis." Er war in Paktika, direkt an der Grenze zu Waziristan, der Taliban-Hochburg auf pakistanischer Seite, er ist in Kandahar aufgetreten, der Metropole des Südens, der Taliban und Karzais.

Keine Angst vor einem Attentat

Und hat dabei mehr Courage bewiesen als die ausländischen Journalisten: Als sich in Herat eine Motorrad-Rikscha der Menge näherte, bahnte sich der Presse-Pulk den Weg nach hinten in düsterer Erwartung, hier kämen nun die erwarteten hundert Kilo TNT. Als Abdullah in Kandahar sprach, setzten sich viel gleich gar nicht erst in die Nähe des Podiums. Immerhin einen Störsender gegen ferngezündete Bomben hatte man installiert – der dann allerdings nicht nur etwaige Sprengsätze, sondern auch die gerade installierte Lautsprecheranlage lahm legte.

Er ist in Dörfern aufgetreten, in die sich noch nie ein afghanische Präsident begeben hat oder jemand, der es werden könnte. Er verlässt die Bühne durch die Menge, nicht durch die Hinterausgänge. Kleine Gesten, aber sie kommen an. "Wir dachten schon", sagt einmal einer seiner Vorredner, "es würde überhaupt keinen richtigen Gegenkandidaten zu Karzai geben. Da sind wir nun sehr froh. Helfen Sie uns, das Unrecht und die Korruption zu beseitigen!"

Mit vollen Mägen Wähler fangen

Gemeinsam mit Abdullah im rasenden Geländewagen zurück von einem Auftritt auf dem Weg nach Kabul, zeigt er stolz auf die Wundmale seines Wahlkampfes: zwei frisch verschorfte Schürfwunden auf dem Handrücken, tiefe Kratzer am Unterarm. "Die habe ich aus Herat. Da hätten mich die Leute fast zerquetscht!" Seine Anhänger seien, ungewollt, bald gefährlicher als seine Gegner. Tatsächlich waren in Herat unerwartet viele Menschen gekommen, und aus Furcht von einer Massenpanik sagte Abdullahs Team weitere Auftritte in den umliegenden Distrikten ab: "Wir hatten nicht genügend Sicherheitspersonal dabei."

Karzai könne Menschen befehlen, sich an einem Ort einzufinden und zu applaudieren, "aber wirklich Wahlkampf machen, die Leute freiwillig kommen zu lassen, das kann er nicht. Das kann er nicht!" Aber warum kommen die Leute? Was ist Gefolgschaft, was Neugierde, was schlichter Hunger? An jenem Tag in Bamian hat die Menge applaudiert, als Abdullah mit seiner Rede fertig war. Und ist jählings in Bewegung geraten, als in der Ferne drei Lastwagen auftauchten. Die Leute rannten, versuchten auf die Lastwagen zu springen, wurden von oben mit Fußtritten in Schach gehalten, ein wüstes Gemenge entstand. Eingekeilt in Menschentrauben kamen die Wagen zum Stehen, und binnen einer halben Minute waren sie ihrer Ladung beraubt: tausender Gratis-Mittagessen für die Zuschauer. Während Abdullah noch Interviews gab, verteilte sich die Menge, und für eine Weile war nur noch das Klappern der Plastikteller zu hören.

Auf dem Rückweg zum Flughafen war die Straße leer. Wo vorhin noch tausende standen und skandierten, stand nun niemand mehr.