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KASCHMIR-KONFLIKT: Pakistan testet weiter Raketen

Pakistan hat ungeachtet internationaler Aufrufe zur Zurückhaltung seine angekündigten Raketentests fortgesetzt. Nachbar Indien zeige sich davon recht »unbeeindruckt«.

Die pakistanische Armee teilte in Islamabad mit, es sei eine Rakete mit einer Reichweite von bis zu 290 Kilometern abgeschossen worden. Es war der zweite Versuch, nachdem bereits am Samstag der Test einer Mittelstreckenrakete internationale Besorgnis über eine Verschärfung des Kaschmir-Konflikts zwischen Pakistan und Indien ausgelöst hatte. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf sagte der »Washington Post« zugleich, sein Land verhindere das Einsickern islamischer Extremisten in den indischen Teil Kaschmirs.

In der Erklärung der Armee hieß es, die Boden-Boden-Rakete sei erfolgreich getestet worden. Dies sei der erste Test der Kurzstreckenrakete vom Typ Ghaznavi gewesen. Sie könne Sprengköpfe zielgenau bis zu einer Reichweite von 290 Kilometern transportieren. Pakistan hat Tests bis Dienstag angekündigt.

Indien »unbeeindruckt«

Am Samstag hatte Pakistan von einem Versuch mit einer »Ghauri«-Rakete mit einer Reichweite von 1500 Kilometern gesprochen. Dies zeige die Entschlossenheit des Landes, sich selbst zu verteidigen. Der Versuch stehe aber in keinem Zusammenhang mit dem Kaschmir-Konflikt. Indien zeigte sich unbeeindruckt und erklärte, die Tests seien für die pakistanische Öffentlichkeit bestimmt.

US-Präsident George W. Bush wiederholte am Sonntag in St. Petersburg seine Aufforderung an Pakistan, sich im Streit mit Indien zurückzuhalten. Er zeigte sich besorgt über die Raketenversuche und sagte, er hoffe, dass Indien sie nicht als Provokation auffassen werde. Russlands Außenminister Igor Iwanow hatte am Samstag erklärt, Russland und die USA hätten Pakistan gebeten, die Tests zu stoppen. Präsident Wladimir Putin erklärte, der Raketentest habe die Sorgen über das bereits gespannte Klima verstärkt.

Musharraf sagte der »Washington Post«, er versichere, dass keine terroristische Aktivität von Pakistan aus in die Welt ginge: »Das ist unsere Haltung und wir halten daran fest.« Zugleich forderte er auch Indien zur Ruhe an der Grenze im geteilten Kaschmir auf. Wenn die Abschreckung aber nicht funktionieren sollte, dann werde Pakistan auf indisches Gebiet vorstoßen. Ein Atomkrieg zwischen den beiden Nachbarn sei ein Szenario, das er sich gar nicht vorstellen wolle. Ein Regierungssprecher in Islamabad kündigte an, Musharraf werde sich am Montagnachmittag im Fernsehen zur Lage an der Grenze in Kaschmir äußern.

Grenzen der Geduld

Der indische Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee sagte am Sonntag im Fernsehen seines Landes zu Angriffen militanter Extremisten in seinem Land, die Geduld Indiens habe Grenzen. Nach dem Anschlag auf das indische Parlament im Dezember hätte Indien sofort antworten sollen, sagte Vajpayee, ohne Erläuterung. Bei dem Anschlag, für den Indien moslemische Extremisten verantwortlich macht, hatte es mehrere Tote gegeben. Indien beschuldigte das Nachbarland daraufhin, nichts gegen Extremisten zu tun und sie nach Indien einsickern zu lassen.

Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte in der »Welt am Sonntag«, der Konflikt sei »sehr, sehr gefährlich« und berge Risiken für deutsche ISAF-Soldaten, die im Rahmen des UNO-Mandates in der afghanischen Hauptstadt Kabul stationiert seien. »Das ist also für uns nicht weit weg.«

Pakistan und Indien haben seit Dezember an ihrer Grenze in der Kaschmir-Region mehr als eine Million Soldaten zusammengezogen. Seit gut einer Woche kommt es zu Schusswechseln. Bei heftigen Artillerie-Gefechten kamen am Samstag nach pakistanischen Angaben elf Zivilisten im pakistanischen Teil Kaschmirs ums Leben. Indien sprach von fünf getöteten Zivilisten auf seiner Seite.

Das Außenministerium in Neu-Delhi bestätigte unterdessen, dass Indien an einer für Juni geplanten Regionalkonferenz in Kasachstan teilnehmen werde. Ob es dann auch zu direkten Gesprächen zwischen Vajpayee und Musharraf kommt, ist noch unklar.

Indien kontrolliert 45 Prozent der Himalaya-Region, Pakistan ein Drittel und China den Rest. Jammu und Kaschmir ist der einzige indische Bundesstaat mit mehrheitlich moslemischer Bevölkerung. In Pakistan sind fast alle Bewohner Moslems. Indien wirft Pakistan vor, separatistische Moslem-Rebellen in Jammu und Kaschmir zu unterstützen. Beide Länder, die über atomare Sprengköpfe verfügen, haben bereits zwei Kriege um Kaschmir geführt.

Bislang drei Kriege zwischen Indien und Pakistan

Seit der Teilung von Britisch-Indien im August 1947 haben Indien und Pakistan drei Kriege geführt. 1948 und 1965 ging es um die Himalaya-Region Kaschmir. 1971 wurde Ost-Pakistan mit Hilfe der indischen Armee als Bangladesch unabhängig.

Erster Kaschmirkrieg

Im damals noch eigenständigen Fürstenstaat Kaschmir erhoben sich 1947 moslemische Rebellen gegen den hinduistischen Maharadscha Hari Singh. Als der Autokrat seine Herrschaft bedroht sah, rief er Neu Delhi zu Hilfe und versprach als Gegenleistung den Anschluss an die Union. Indien schickte am 27. Oktober 1947 Truppen. Erst am 8. Mai 1948 griffen reguläre pakistanische Verbände zu Gunsten der Rebellen in die Kämpfe ein. Schließlich gelang es den Indern, den größeren südöstlichen Teil Kaschmirs unter ihre Kontrolle zu bringen.

Am 1. Januar 1949 trat ein von der UN vermittelter Waffenstillstand in Kraft. Im Juli einigten sich die Parteien auf eine Trennungslinie, bis heute die de-facto-Grenze in der Region. 1957 wurde der von Indien besetzte Teil in die Republik Indien eingegliedert. Eine 1948 von den UN verlangte Volksabstimmung über die Zukunft des mehrheitlich von Moslems bevölkerten Kaschmir hat der Hindu-Staat Indien bis heute ignoriert.

Zweiter Kaschmirkrieg

Nach von Pakistan unterstützten Unruhen der moslemischen Bevölkerung kam es vom 30. August bis 29. September 1965 zu schweren Luft- und Panzergefechten beider Armeen. Am 1. September stießen die Pakistaner über die Waffenstillstandslinie von 1949 vor. Fünf Tage später überschritten die Inder die Grenze in Richtung auf die pakistanische Provinzhauptstadt Lahore, wurden von den zahlenmäßig unterlegenen Pakistanern jedoch mit moderneren Waffen zurückgeschlagen. Die UN vermittelte eine Waffenruhe ab 29. September. Die Truppen wurden erst nach Vermittlung Moskaus hinter die alten Linien zurückgezogen. Im Vertrag von Taschkent vom Januar 1966 vereinbarten beide Länder wieder den Austausch von Botschaftern. Die Feindschaft blieb.

Krieg wegen Ost-Pakistan

Aus einem sechsmonatigen Bürgerkrieg der Ost-Pakistaner gegen Truppen aus dem dominierenden West-Pakistan resultierte der dritte Krieg zwischen den Nachbarländern. Auf Scharmützel im ostbengalischen Grenzgebiet reagierte Pakistan am 3. Dezember mit Luftangriffen auf indische Flugplätze in Kaschmir und Kampfhandlungen an der Westgrenze. Hier wie im Osten erwiesen sich die Inder jedoch als weit überlegen. Gemeinsam mit Aufständischen besetzten sie alle größeren Städte im damaligen Ost-Pakistan. Am 16. Dezember kapitulierte das 90 000 Mann starke pakistanische Kontingent im Osten, an der Westfront dauerten die Kämpfe einen Tag länger. Mit der Niederlage war die Teilung Pakistans und die Unabhängigkeit von Ost-Pakistan als Bangladesch besiegelt.