HOME

Kolumbianische Farc: Die Kämpfer in eigener Sache

Sie begannen als marxistische Freiheitskämpfer, mittlerweile schmuggeln sie Drogen und entführen Menschen reihenweise. Wer ist die kolumbianische Farc, die Politikerin Ingrid Betancourt sechs Jahre gefangen gehalten haben? Die sich Aufständische nennen, aber sich vor allem selbst die Taschen füllen?

Von Niels Kruse

Zum Schluss hatten die Rebellen auch noch ihren lautesten und prominentesten Fürsprecher verloren: Mitte Juni verkündete der venezolanische Präsident Hugo Chavez via TV: "Der Guerillakrieg ist Geschichte, Guerillaverbände passen nicht mehr in das Lateinamerika von heute." Die Farc solle ihren Kampf doch bitte beenden und die Geiseln freilassen. Zack. Das saß. Auch wenn der Haudrauf aus dem Nachbarland noch wenige Wochen zuvor die Rebellen vor den USA und der EU in Schutz genommen hatte: Es ginge nicht an, die Aufständischen als Terrorgruppe zu bezeichnen, so Chavez, sie seien "ein politisches Projekt", das man auch in Venezuela respektiere.

Nun ist die Farc noch nicht am Ende. Aber viel deutet darauf hin, dass sie sich nach 50 Jahren Guerillakrieg in der Auflösung befindet. 7000, 8000, 9000 Kämpfer gebe es noch - heißt es aus Kreisen der kolumbianischen Regierung. Das mag Propaganda sein, denn prüfen kann diese Zahlen niemand. Die Rebellen setzten die Zahl mindestens doppelt so hoch an. Nur: Allein in den vergangenen Monaten starben drei Spitzenleute der Farc. Raul Reyes etwa, Anfang März bei einem Luftangriff der kolumbianischen Armee auf ein Rückzugslager in Ecuador. Er waren deren Sprecher und die Nummer zwei in der Hierarchie. Im gleichen Monat verschied erst der greise Farc-Gründer Manuel Marulanda an einem Herzinfarkt und wenige Tage später wurde Ivan Rios, jüngstes Mitglied der Spitze, von seinem eigenen Leibwächter ermordet. Mitte Mai dann stellte sich die ranghöchste Frau, Elda Neyis Mosquera García genannt Karina, den kolumbianischen Behörden.

700 bis 800 Geiseln in der Gewalt der Farc

Wer sind eigentlich diese Rebellen, die geschätzte 700 bis 800 Geiseln gefangen halten und ihr Geld vor allem mit Waffen- und Drogenschmuggel verdienen? Ausgeschrieben steht der Name für "Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia", Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens. Sie wurden Anfang der 50er Jahre gegründet, ursprünglich verfolgten sie marxistische Ideale. Gemeinsam mit dem "Nationalen Befreiungsheer" ELN kontrolliert sie mehr als ein Drittel des Anden-Staates, zumeist unzugängliche Dschungelgebiete.

Seit ihrer Gründung bekämpft die Farc vor allem die kolumbianische Regierung - die mal mit mehr oder weniger Härte und Erfolg versucht, gegen die Guerillas vorzugehen. Mehrere Waffenruhen wurden ausgehandelt, immer wieder wurden sie gebrochen. Kolumbiens Staatschef, der konservative Alvaro Uribe, hatte zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt, die Farc wenn nötig mit Gewalt niederzuringen - auch wenn er immer wieder dazu gedrängt wurde, bitte die Verhandlungen nicht zu vergessen. Die Bombardierung ecuadorianischen Staatsgebiets im März zumindest hatte die Region kurzfristig an den Rand eines Krieges geführt.

Den Kolumbianern gehen die Rebellen zunehmend auf die Nerven. Nach der Freilassung der Betancourt-Vertrauten Clara Rojas im Februar hatten fast vier Millionen Menschen in der Hauptstadt gegen die Guerillagruppe protestiert und die Freilassung aller Geiseln gefordert. In der Folge der Demonstration ist die Bewegung "Un millón de voces contra las Farc" (Eine Million Stimmen gegen die Farc) entstanden. Wegen der alltäglichen Gewalt und der Übergriffe der Widerständler sind laut Amnesty International allein im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Menschen in ruhigere Landesteile geflohen.

Jährlich verschleppen die Farc-Kämpfer schätzungsweise 200 Menschen. Ingrid Betancourt, die französisch-kolumbianische Ex-Präsidentschaftskandidatin war die bekannteste Geisel. Sechs Jahre war sie in der Hand der Rebellen und immer wieder gab es Versuche, sie freizubekommen. Zuletzt unternahm der französische Präsident Nicolas Sarkozy eine Rettungsaktion und scheiterte kläglich.

Er schickte ein Flugzeug mit medizinischem Gerät nach in die Hauptstadt Bogotá, in der Hoffnung, die Farc würde mit Rücksicht auf das schwere Leberleiden Betancourts ein Einsehen haben. Doch die Revolutionäre blockten ab. Die Aktion sei "unangebracht", weil sie nicht abgesprochen und Teil einer "Erpressung" sei, ließen die Aufständischen damals ausrichten. Auch käme eine einseitige Freilassung Betancourts nicht in Frage. "Die in unseren Lagern festgehaltenen Personen werden nur im Rahmen eines Austausches von Gefangenen freigelassen", sagte Rodrigo Granda, der als eine Art Außenminister der Farc gilt. Zerknirscht musste Sarkozy seinen Flieger zurückbeordern.

Im Südwesten Kolumbiens, wo die Farc eine Art Staat im Staat gegründet hat, haben sich die Dorfbewohner hervorragend mit den Herrschern arrangiert. Von hier aus versorgen die einst sozialistischen Rebellen die Welt mit Drogen. Von hier aus starten und landen die Kokain-Bomber und hier verkaufen die Bauern den Guerilleros völlig überteuertes Flugbenzin und verdienen sich damit eine goldene Nase. "Und wenn es ein Fest gab", erzählte der Kneiper Quitero aus dem Dorf Taraira stern.de im März, "dann haben wir uns ein Flugzeug voller Nutten aus Brasilien kommen lassen." Der Guerillakrieg der Farc ist längst zum Selbstzweck geworden.

Was ist die Farc?

Die marxistische Organisation heißt ausgeschrieben "Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia", Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens. Sie ist die älteste und mit schätzungsweise 15.000 Kämpfern größte Guerilla-Gruppe des Landes und bekämpft seit Anfang der 50er Jahre gewaltsam die Staatsmacht. Seit 1984 stimmte sie mehreren Waffenruhen zu, die aber alle scheiterten. Gemeinsam mit dem "Nationalen Befreiungsheer" ELN kontrolliert die Farc über ein Drittel des Anden-Staates, zumeist unzugängliche Dschungelgebiete. Zu ihren Praktiken zählen Mord und Geiselnahmen. Auch der Kokain-Export gilt als Finanzierungsmittel der Rebellen. Nach Militärangaben ist die Farc eines der größten Drogenkartelle Lateinamerikas. Die EU und die USA betrachten die Rebellen als terroristische Vereinigung.

Welche Ziele hat die Farc?

In Kolumbien herrschen seit mehr als vier Jahrzehnten bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Rebellen der Farc und der ELN sowie rechte Paramilitärs drangsalieren die Bevölkerung und liefern sich Kämpfe mit der Armee. In den 32 Provinzen gibt es mehrere hunderttausend Binnenflüchtlinge. Die Farc hat Anfang der 90er Jahre einen Katalog erstellt, in dem unter anderen gefordert wird, dass die Armee keine innenpolitischen Funktionen wahrnehmen dürfe, die Bürger mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten erhalten und die einheimische Wirtschaft und Industrie vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden solle.

Wie viele Geiseln befinden sich in der Hand der Farc?

Schätzungsweise um die 700. Erst Ende Februar 2008 wurden nach Vermittlung von Venezuelas Präsident Hugo Chavez vier kolumbianische Geiseln freigelassen, allesamt Parlamentarier. Damit wurde erstmals nach langjährigem Stillstand die Entlassung von Gefangenen erreicht.
Auch Deutsche waren bereits Opfer der Farc: 2006 wurde ein in Kolumbien lebender deutscher Bäcker nach fünf Jahren Geiselhaft von der Farc freigelassen. 1997 starb ein entführter Tourist bei einer Befreiungsaktion. Das bekannteste Opfer war bis jetzt die seit Jahren verschleppte Spitzenpolitikerin Ingrid Betancourt. Die Rebellen hatten jüngst angekündigt, mehr als 40 weitere Geiseln freilassen zu wollen, macht dies aber von der Haftentlassung von Gesinnungsgenossen aus kolumbianischen Gefängnissen abhängig.

Wer ist Ingrid Betancourt?

Die französisch-kolumbianischen Politikerin ist ehemalige Präsidentschaftskandidaten und wurde 2002 von den Farc-Rebellen entführt, nachdem die Friedensverhandlungen zwischen den Rebellenorganisationen und der Regierung gescheitert waren. Die 46-jährige soll schwer an einem Leberleiden erkrankt sein. Nach Aussage freigelassener Geiseln sei sie unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten worden. Sie hatte dem mächtigen Drogenkartell Kolumbiens den Kampf angesagt und versprach, gegen die Korruption im Land vorzugehen. Betancourt ist Ehrenbürgerin der Stadt Paris.

Wer sind Freund und Feinde der Farc?

Dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez werden gute Kontakte zu der Guerillabewegung nachgesagt. Er unterstützt auch ihre Forderung, von der EU-Liste internationaler Terrororganisationen gestrichen zu werden - was die Union aber jüngst wieder angelehnt hatte. Im Juni aber hatte er sich öffentlich von der Farc abgewendet. Die Rebellen, die sich wie Chavez als bolivarisch bezeichnen, der südamerikanischen Form des Sozialismus, vertrauten bislang Chavez mehr als dem konservativen kolumbianischen Staatschef Alvaro Uribe. Wegen seiner Kontakte zur Farc, hatte Chavez immer wieder versucht, in Sachen Geiselfreilassung zu vermitteln. Allerdings wurde ihm Seitens der Kolumbianer das Vermittlermandat entzogen.
Kolumbien wirft zudem Ecuador vor, engen Beziehung zu den marxistischen Rebellen unterhalten zu haben. Das gehe aus sichergestellten Computerdaten hervor. Die Beweise seien auf dem Rechner des jetzt getöteten Rebellenführers Raul Reyes sichergestellt worden, hieß es. Nachdem die kolumbianischen Streitkräfte einen Rebellenstützpunkt auf ecuadorianischem Staatsgebiet angegriffen und dabei neben Reyes 16 weitere Rebellen getötet hatten, hat die Regierung in Quito den kolumbianischen Botschafter ausgewiesen. Der venezolanische Präsident Hugo Chavez protestierte ebenfalls gegen die Militäraktion und ordnete die Schließung der Botschaft seines Landes in Bogota an.
Die USA dagegen unterstützen Kolumbien mit Milliarden Dollar im Kampf gegen die Farc. Allerdings gibt es Berichte, nach denen die CIA den Rebellen über Jordanien und Peru Waffenhilfe geleistet haben soll.

Wer war Raul Reyes?

Mit bürgerlichem Namen hieß der 59-Jährige Luis Edgar Devia Silva. Er war einer der ranghöchsten Kommandeure der Guerillagruppe und agierte auch als Sprecher der Rebellen. Er wurde bei einem Gefecht mit Soldaten in der ecuadorianischen Provinz Putumayo getötet. Der Anführer und 16 weitere Rebellen seien bei den Kämpfen ums Leben gekommen. Der Tod der Nummer zwei der Organisation ist der folgenschwerste Schlag gegen die Farc seit 2002. Das US-Außenministerium hatte für Informationen, die zur Ergreifung von Reyes und von fünf weiteren Rebellen führen, eine Belohnung von fünf Millionen Dollar (3,3 Millionen Euro) ausgesetzt.
Ende Februar 2008 hatte die kolumbianische Polizei den ranghohen Kommandeur Heli Mejia, alias Martin Sombra festgenommen. Mejia der Farc praktisch seit deren Gründung angehört.