Kommentar Die ehrlichen Lügner


stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann über die dreisten Bekenntnisse der US-Falken in Washington zum wahren Grund des Irak-Kriegs.

Jetzt regen sie sich wieder auf, die alten Europäer. Reden von der Kriegslüge. Fordern Rücktritte. Nur weil der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz in dem Lifestyle-Magazin "Vanity Fair" zugab, was doch alle wussten: dass es beim Irak-Krieg nicht um Massenvernichtungswaffen ging. Massenvernichtungswaffen klang halt gut. Klang nach Bedrohung. Nach al Qaeda. Es hatte sogar was von Holocaust. Massenvernichtungswaffen klang jedenfalls besser als Weltneuordnung. Hätte Bush etwa sagen sollen: Liebe UN, wir wollen jetzt mal die Welt neu ordnen?

Er hat es sogar mal gesagt.

Es war beim Jahrestreffen des American Enterprise Institute (AEI) am 26. Februar, noch vor dem Irak-Krieg. Eine kleine, scheinbar unbedeutende Rede, in der er die Demokratisierung einer ganzen Region ankündigte und blühende Landschaften versprach. Er meinte den Irak. Und Syrien. Und den Iran.

Man kann den Neokonservativen in Washington einiges vorwerfen, Unredlichkeit eher nicht. Sie sind klar in ihren Zielen. Und brutal in ihrer Wortwahl. Schon bald nach den Terrorattacken vom 11. September haben sie die Karten auf den Tisch gelegt in ihrem Project For The New American Century: Invasion Afghanistans, Abbruch der Beziehungen zu Arafat, Beseitigung Saddams. Regimewechsel im Iran. Bisher hat die Regierung ihre Empfehlungen ziemlich prompt umgesetzt.

Jetzt also der Iran.

Sie sind da ganz offen. Sie sagen es frei und geradeaus: Der Iran ist dran. Man muss nur dorthin gehen, wo die Außenpolitik gemacht wird: bei Wolfowitz im Verteidigungsministerium, bei William Kristol im Magazin "Weekly Standard", bei Richard Perle und Michael Ledeen im AEI. Eine kleine Clique. Ein altes Team. Ehrliche Menschen.

Und sie schaffen es tatsächlich wieder, die Worte Terror und Massenvernichtungswaffen in einen Satz zu klemmen. "Es ist unmöglich, im Irak zu gewinnen oder die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen durch das Terrornetzwerk zu verhindern, ohne die Mullahs (im Iran) zu stürzen", sagt Michael Ledeen und fügt hinzu: "Die Leute sind bereit, gegen die Regierung in einer pro-amerikanischen Revolution aufzubegehren." William Kristol vom "Weekly Standard", einer Art Presseorgan der Neokonservativen, kündigt an: "Die nächste große Schlacht, hoffentlich keine militärische, wird für den Iran sein." Und Reuel Marc Gerecht vom AEI, früher CIA, hofft: "Die Präsenz amerikanischer Truppen im Irak wird im Iran die Revolution auslösen."

Wie genau das funktionieren soll, weiß noch keiner,

aber die Pläne laufen auf Hochtouren. Wolfowitz will die im Irak positionierte Mudschahedin e-Khalq als Kern einer militärischen Oppositionskraft im Iran unterstützen. Ausgerechnet diese so genannten Volksmudschahedin, deren Exilkämpfer im Irak von den USA als Terroristen eingestuft worden waren. Bis sie im Krieg urplötzlich als Verbündete galten oder jedenfalls zu Partnern eines merkwürdigen Waffenstillstandes wurden. Wieder einmal getreu dem Schema "Der Feind meines Feindes ist mein Freund". Dieser hehre Grundsatz der US-Außenpolitik hat schon viele Diktatoren hoffähig gemacht. Außerdem bauen die Neokonservativen schon mal die Beziehungen zum Schah-Sohn Reza Pahlevi auf, der in den USA sitzt und gute Kontakte zum Likud-Block in Israel hat. Vielleicht ist Rezas Rückkehr nicht gerade die beste Idee, wie auch Pinochet nicht die beste Idee war. Aber gute Ideen für die Nach-Interventionszeit hatten die Amerikaner selten. Erst mal einmarschieren. Dann weitersehen.

Es ist ja nicht so, dass sie morgen einmarschieren wollen. Aber wenn es im Iran etwas Unruhe gibt, dann sind ihre Truppen gleich nebenan. Wenn ein Volk den Aufstand gegen die Unterdrücker wählt, sollen sie dann etwa tatenlos zusehen? Rumsfeld und Powell erhöhen schon mal prophylaktisch den Druck. Mal sehen, wie die Studenten reagieren. Hoffen darf man ja. Auch wenn die demokratische Opposition im Iran wie erstarrt ist, seit die USA so unverhohlen drohen. Gerade hatten Parlamentarier die Macht des religiösen Wächterrats infrage stellen wollen. Ein unerhörter Vorgang im Gottesstaat. Bushs Berater begreifen nicht, dass sie mit ihrer Politik Reformer zu Verrätern stempeln. Oder sie wollen es nicht begreifen.

Zur Not sind da

ja auch noch die Massenvernichtungswaffen des Iran. Wenn die zur Bedrohung von US-Bürgern werden, die zufällig im Irak stationiert sind - sollen sie sich dann etwa raushalten? Dann können sie nicht anders. Dann müssen sie sich wehren. Dann muss man rein.

Und keiner der alten Europäer soll sagen, er hätte nicht gewusst, worum es tatsächlich ging, als sie danach gierten, Bush die Hand zu reichen.

Jan Christoph Wiechmann print

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