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Kommentar: Irans Weg zur Bombe und zurück

Die Uhr tickt - für den Iran, aber auch für den Westen. Das Ultimatum des UN-Sicherheitsrats an den Iran läuft ab, und es sieht nicht danach aus, dass die Urananreicherung gestoppt wird. Spätestens dann muss Schluss sein mit der westlichen Salami-Taktik.

Von Steffen Gassel

Der Ablauf des Ultimatums bringt die Regierungen in Washington, London, Paris und Berlin in Zugzwang. Sie müssen sich endlich für einen einheitlichen Kurs entscheiden, der die Mullahs vor die klare Wahl stellt: Dauerhafte Einstellung der Urananreicherung und aller anderen Aktivitäten, die zum Bau einer Atombombe beitragen könnten - oder totale internationale Isolation. Es muss Schluss sein mit der westlichen Salami-Taktik aus Drohen und Verhandeln, die dem Regime in Teheran immer wieder Gelegenheit gegeben hat, auf Zeit zu spielen. Denn soviel ist mittlerweile sicher: Die Mullahs wollen die Fähigkeit, die Bombe zu bauen. Wenn das Atomprogramm weiter so fortschreitet wie bisher, sind sie irgendwann zwischen 2010 und 2015 so weit. Um das zu verhindern, gilt es jetzt zu handeln.

Wer Teheran zum Einlenken bewegen will, muss den Mullahs einen Deal anbieten, der einen Verzicht auf die Atom-Option in ihren Augen rechtfertigen kann. Genau damit hat sich der Westen bisher schwer getan. Die USA wollen nicht von ihrer Politik des "Regime change" abrücken und sind deswegen nicht bereit, dem iranischen Regime im Gegenzug für Kooperation Sicherheitsgarantien anzubieten. Damit bleiben Atomwaffen als Abschreckung gegen einen US-Angriff für Teheran attraktiv.

Die diplomatische Unbeholfenheit des Westens leistet Hardlinern Vorschub

Umgekehrt kann der Iran mit Sanktionen, wie sie der Westen Teheran bisher androht, einigermaßen leben. Statt totaler wirtschaftlicher und politischer Isolation ist nur von spezifischen Handelsschranken für Atom-Komponenten und Waffen die Rede, von Einreiseverboten für iranische Wissenschaftler und Offizielle und von eingeschränktem Zugang für iranische Studenten zu westlichen Universitäten. Ein Öl- und Gas-Embargo, das Irans Haupteinnahmequellen träfe, ist nicht im Gespräch. Denn es würde die Energiekosten bei uns explodieren lassen.

Die diplomatische Unbeholfenheit des Westens leistet US-Hardlinern wie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Vize-Präsident Dick Cheney Vorschub. Sie werden nicht müde, die militärische Option gegen Teheran ins Spiel zu bringen. Doch Krieg ist kein probates Mittel, wenn ein Iran mit der Fähigkeit, Atomwaffen zu bauen, dauerhaft verhindert werden soll. Ein Angriff würde das iranische Atomprogramm zwar um ein paar Jahre zurückwerfen. Doch würden die Mullahs danach nur umso eifriger an der Bombe basteln - und könnten das im Namen der Selbstverteidigung dann sogar rechtfertigen. Das wäre die größte anzunehmende Katastrophe.

Das "Break-Out"-Szenario

Die aggressive Rhetorik des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad klingt nicht danach: Doch im Moment machen die Iraner auf dem Weg zur Bombe nur eher kleine Fortschritte. Das ist auch das Verdienst der Inspektoren der Wiener Atomenergiebehörde. Sie sind weiter im Land und können den Stand des technischen Fortschritts einigermaßen dokumentieren. Richtig gefährlich würde es, wenn die Mullahs die IAEO-Kontrolleure aus dem Land schmeißen, und danach alles daran setzen würden, so schnell wie möglich genug hoch angereichertes Uran für eine Bombe herzustellen. Es ist ein solches "Break-Out"-Szenario, das westliche Beobachter zugrunde legen, die davon sprechen, dass der Iran bis 2009 oder 2010 die Bombe haben könnte. Und die genau deshalb davor warnen, Iran mit militärischem Druck in die Enge zu treiben. Noch ist Zeit zu verhandeln, selbst wenn der Iran das Ultimatum missachtet, das heute abläuft und weiter anreichert. Doch nur wenn der Westen geschlossen auftritt, haben Verhandlungen mit dem Iran eine Chance auf Erfolg.