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Konflikt auf der koreanischen Halbinsel: Die Isolation Nordkoreas bröckelt

Unerwünschte Filme und Handys überschwemmen das isolierte Reich Kim Jong Ils - und sähen Zweifel am "geliebten Führer" sowie dem ganzen System. Der Diktator bangt um seine Macht - und heizt den Konflikt mit dem Süden an.

Von Niels Kruse

Die Welle, die die beiden Koreas sowohl eint als auch spaltet, kommt harmlos daher. In Form von Seifenopern, die Namen tragen wie "Herbst in meinem Herzen" oder "Winter Sonate". Es geht darin um Liebe, Freunde, Familie, die Darsteller sind Superstars und Teil von "Hallyu" - der "Welle" südkoreanischer Popkultur, die Asien erfasst hat und mittlerweile selbst im hermetisch abgeriegelten Nordkorea angekommen ist. Immer schneller und in immer größerer Zahl erreichen die DVDs aus dem Süden das Reich Kim Jong Ils. Exil-Nordkoreaner schätzen, dass ein Großteil ihrer ehemaligen Landsleute diese Herzschmerzfetzen bereits gesehen hat - obwohl sie eigentlich strengstens verboten sind.

Die filmische Feindberührung bleibt offenbar nicht ohne Folgen: So meldete der "Hollywood Reporter" im vergangenen Herbst, dass Mode und Frisuren, die mit diesen Serien in den Norden schwappen, von den dortigen Jugendlichen begierig imitiert würden. Eine Bestätigung dafür gibt es, wenn überhaupt, nur indirekt: Ende 2009 forderte Diktator Kim sein Volk persönlich dazu auf , doch bitte auf das Tragen von westlich inspirierten Frisuren zu verzichten.

Angesichts des Säbelrasselns auf der koreanischen Halbinsel, das sich mehr und mehr in Kanonendonner verwandelt, mutet die Kulturinvasion wie eine Randerscheinung an. Und doch ist sie eines dieser untrüglichen Zeichen, dass die Mauer des Schweigens, mit der sich Nordkorea seit Jahrzehnten umgibt, löchrig wird - und die Stalinistendynastie zunehmend Schwierigkeiten hat, äußere Einflüsse vom Volk fernzuhalten. Die Macht der Herrscher von Pjöngjang gründet, neben Terror und Unterdrückung, zu einem großen Teil auch auf der Unkenntnis der Bevölkerung über den Zustand der restlichen Welt. Doch die "K-Dramen", wie die Soap Operas genannt werden, erlauben den Nordkoreanern einen Blick in das Leben der anderen - ein Leben, das so schrecklich nicht ist, wie das Regime immer behauptet.

Handys kommen in immer größerer Zahl ins Land

Damit nicht genug: Seitdem Nordkorea vor anderthalb Jahren ein neues Mobilfunknetz in Betrieb genommen hat, erfreuen sich auch Mobiltelefone großer Beliebtheit in Nordkorea. Eigentlich dürfen und können sich nur die dortigen Eliten Handys leisten. Doch Geschäftsleute aus China und korrupte Beamte an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze lassen die streng limitierten Kommunikationsmittel in immer größeren Mengen ins Land. Handys aber bedeuten unkontrollierbaren Austausch - der Horror für jede Diktatur. Die Regierung soll seit einiger Zeit deshalb Spezialeinheiten einsetzen, die das Einschleusen von Mobiltelefonen mit aller Gewalt unterbinden soll.

Die zunehmende Durchlässigkeit funktioniert auch andersherum: Dank der Mobiltelefone dringen immer häufiger Zustandsbeschreibungen aus Nordkorea heraus. Vor allem zwei Webseiten haben sich darauf spezialisiert, Nachrichten aus dem verschlossenen Land zu sammeln und zu veröffentlichen: "Daily NK" aus Seoul und "Good Friends", ein Blog aus den USA. Beide Dienste werden über Mittelsmänner vor Ort mit Gerüchten, Bekanntmachungen und Zitaten gefüttert. Soweit wie möglich prüfen die Macher die Infos gegen und stellen sie anschließend ins Netz. "Daily NK" gilt spätestens nach seiner Enthüllung von Regierungsplänen, die nordkoreanische Währung Won abzuwerten, als ernstzunehmende Quelle.

Mit der Währungsreform kam das Chaos

Die Währungsreform vom November 2009 hat die Stimmung in Nordkorea drastisch verschlechtert. Ursprünglich sollte sie die Inflation und den privaten Handel eindämmen, erschütterte aber letztlich das gesamte Wirtschaftsgefüge des Landes. Viele Nordkoreaner verloren ihre Ersparnisse, zudem brach die Lebensmittelversorgung fast vollständig zusammen. Bereits im Dezember berichteten Hilfsorganisationen von Hungersnöten in großen Teilen des Landes. Selbst zu gewalttätigen Ausschreitungen gegenüber Beamten sei es gekommen, so "Daily NK" und "Good Friends" übereinstimmend.

Auch wenn sich die Versorgung mittlerweile wieder verbessert haben soll, soll die Lage Berichten zufolge "instabil" und das Ansehen des "geliebten Führers" Kim Jong Il stark beschädigt sein. Nach seiner jüngsten China-Reise hätten Menschen laut "Good Friends" auf der offiziellen "Willkommensparty" hinter vorgehaltener Hand davon gesprochen, dass Kim besser nicht wiedergekommen wäre. Solche Sätze kommen in Nordkorea einer Gotteslästerung gleich - und die kann tödlich sein. Es ist bereits die Rede davon, dass in allen Provinzen Spezialkräfte unterwegs sind, die sämtliche Kanäle von und nach außen abblocken und gegen jede Form des Protests noch härter vorgehen als ohnehin schon.

Die Diktatur gerät ins Wanken

Die miserable Versorgungssituation und zunehmende Zweifel am Regime bringen das System offenbar ins Wanken. Und was tun Diktaturen, wenn der Druck im Inneren stetig steigt? Sie fachen einen schwelenden Konflikt mit einem außenpolitischen Feind an. In diesem Fall also Südkorea. Anders sind die schrillen Töne aus dem Norden kaum zu erklären. Denn auf einen heißen Krieg wird es Kim Jong Il nicht ankommen lassen. Auch wenn er Oberkommandierender von 1,2 Millionen Menschen und damit einer der größten Armeen der Welt ist, gilt die Ausstattung der Soldaten als hoffnungslos veraltet. Einen Krieg mit herkömmlichen Waffen würde der stalinistische Staat kaum überstehen.

Bliebe das letzte Pfand des Diktators, die ultimative Waffe, deren Einsatz aber wohl selbst für die Machthaber in Pjöngjang die schlechteste aller Lösungen ist: die Atombombe. Denn ihr Feind sitzt nicht im Süden, sondern im eigenen Land. Das Kriegsgetöse gilt nicht so sehr dem verhassten Nachbarn, sondern ist schlichtes Mittel zum Zweck, um Kim Jong Il und seinem potenziellen Nachfolger, seinem Sohn Kim Jong Un, an der Macht zu halten. Es ist eine besonders bizarre und zynische Seifenoper, die sich in den Palästen der Eliten Pjöngjangs derzeit abspielt.