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Kriegsgebaren im Gelben Meer: China fährt Kuschelkurs gegen Nordkorea

Ein diplomatischer Streit ist über die nötige Reaktion auf die nordkoreanische Aggression entbrannt. Südkorea und die USA setzen auf eine Demonstration militärischer Stärke. Doch China lehnt eine härtere Gangart ab. Wer bringt Kim Jong Il zur Vernunft?

Nach der militärischen Aggression Nordkoreas gegen Südkorea wächst der Druck auf China, seinen Einfluss auf das befreundete Regime zu nutzen. Doch statt sich in eine Front gegenüber Pjöngjang einzureihen, gibt sich China verärgert über die für Sonntag angekündigten Militärmanöver Südkoreas und der USA. Es herrschen deutliche Differenzen, was die richtige Reaktion auf die Spirale der Gewalt und Kriegsangst auf der koreanischen Halbinsel ist. Mit ihrer erkennbaren Zurückhaltung gegenüber dem exzentrischen Militärführer Kim Jong Il und seinen Provokationen isoliert sich die aufstrebende Großmacht China allerdings international immer weiter.

Es beginnt mit diplomatischen Irritationen. Aus nicht näher definierten "Termingründen" sagte Chinas Außenminister Yang Jiechi kurzfristig einen länger geplanten Besuch am Wochenende in Seoul ab. Über die Gründe für die "diplomatische Unhöflichkeit", wie es in Südkoreas Medien hieß, wurde heftig spekuliert. Einige Beobachter vermuten Rücksicht auf Pjöngjang, das eine Visite zum jetzigen Zeitpunkt als Parteinahme für Südkorea verstehen könnte. Auch Pekings Außenamtssprecher Hong Lei vermeidet jede Kritik am Militärschlag des Nordens und betont, "dass die streitenden Parteien unterschiedliche Darstellungen über die Ursache des Zwischenfalls haben".

Deutlicher noch ist Pekings Verstimmung über die Militärübung, zu der der atombetriebene Flugzeugträger "USS George Washington" von Japan unterwegs ist. "Wir äußern unsere Sorge", sagte Hong Lei über diese Machtdemonstration. China kritisiert seit langem die wiederholten Militärmanöver, die als eine der Ursachen für die Spannungen angesehen werden. Auch ist Missfallen über die harte Haltung von Südkoreas Präsident Lee Myung Bak erkennbar. "Es sieht so aus, als wenn Südkorea die Initiative ergreifen kann und sollte, um seine Politik gegenüber Nordkorea anzupassen", beendete die chinesische Zeitung "Global Times" einen Kommentar über die jetzt nötigen Schritte. "Die Frage ist nur: Wollen sie es auch tun?"

Umgekehrt sehen Südkorea und die USA nun vor allem China am Zuge, Nordkorea zu zügeln. "China ist ausschlaggebend, um Nordkorea in eine grundsätzlich andere Richtung zu bewegen", sagte der Sprecher des US- Außenministeriums, Philip Crowley, in Washington. Ein klares Signal an Pjöngjang sei jetzt notwendig. Doch trotz der Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes im März mit 46 Toten und trotz des weiteren Atombombenbaus hat China in diesem Jahr eher Botschaften nach Pjöngjang gesandt, die als Ermutigung verstanden werden konnten.

Zweimal hieß es den Militärführer Kim Jong Il seit Mai in China willkommen. Staats- und Parteichef Hu Jintao machte sich im August sogar eigens nach Changchun in Nordostchina auf, um ihn zu treffen. Ähnlich erwies das Politbüromitglied Zhou Yongkang dem Diktator sowie seinem Sohn und potenziellen Nachfolger Kim Jong Un die Ehre, indem er Anfang Oktober zur Militärparade anlässlich 65. Gründungstages der Kommunistischen Partei Nordkoreas nach Pjöngjang reiste.

Zum 60. Jahrestag des Korea-Krieges, bei dem China an der Seite des Nordens gegen den Süden und die USA gekämpft hatte, sprach Chinas Vizepräsident Xi Jinping im Oktober von einem "großen und gerechten Krieg zur Sicherung des Friedens und zum Widerstand gegen Aggression". Chinas Volk werde niemals die "im Kampf geschaffene Freundschaft" mit dem nordkoreanischen Volk und seiner Armee vergessen. Seinen Worten vom "großartigen Sieg" im Korea-Krieg kommt besondere Bedeutung, weil Xi Jinping nicht nur gerade Vizechef der Militärkommission geworden ist, sondern 2012 auch Nachfolger von Staats- und Parteichef Hu Jintao werden soll.

China rechtfertigt seinen nachgiebigen Kurs gegenüber Nordkorea mit dem Wunsch nach Stabilität. Es fürchtet einen Zusammenbruch des verarmten Staates mit schwer kalkulierbaren Folgen und einem möglichen Flüchtlingsstrom über die Grenze. Hinzu kommt die nicht offen geäußerte Sorge, dass China im Falle einer Wiedervereinigung einen Puffer zu Südkorea verlieren würde und amerikanische Truppen dann direkt an seiner Grenze stehen könnten. Insofern hat Peking ein strategisches Interesse am Erhalt Nordkoreas und am Status quo eines geteilten Koreas - selbst wenn es nur ungern Atomwaffen in den Händen Kim Jong Ils weiß. Den Schlüssel für alle Probleme sieht China auch nicht bei sich, sondern in direkten Gesprächen der USA mit Nordkorea.

Andreas Landwehr, DPA / DPA