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Krise in der Ukraine Kämpfen bis zur Heiserkeit


Die Vereinten Nationen geben in der Krise um die Ukraine ein schwaches Bild ab. Der ukrainische Diplomat Juri Sergejew ringt trotzdem Tag und Nacht - um die globale Aufmerksamkeit. Ein Portrait.
Von Martin Knobbe, New York

Der Botschafter sitzt vor der Kopie eines großen Gemäldes, es erhebt sich hinter ihm wie ein Symbol für diese aufregenden Tage, die er gerade erlebt. Das Bild stammt vom russischen Maler Ilija Repin und zeigt aufgebrachte Männer mit Säbeln am Gewand. Ukrainische Kosaken sind es, die einen Brief an den Sultan schreiben. Er hatte sie zur Aufgabe aufgefordert, sie protestieren dagegen. Ihr Brief strotzt voller Beleidigungen, er ist eine klare Ansage zum Krieg. Die Szene spielt im Jahr 1676, der Feind war damals der Türke.

Heute ist der Feind der Russe, doch auch heute kämpft Juri Sergejew in diesem Krieg mit der Waffe des geschliffenen Wortes. "Wir wollen der Welt das Gesicht der russischen Aggression zeigen", sagt Sergejew vor diesem großen Gemälde. "Es geht um die globale Aufmerksamkeit, es geht um die Wahrheit."

Es ist noch früh am Morgen in der russischen Mission bei den Vereinten Nationen, 51. Straße in New York, doch die Stimme des Botschafters ist schon belegt. Sein Job war noch nie so stressig wie in diesen Tagen. Er hat nur wenig geschlafen heute Nacht, er telefoniert ständig mit Kiew, mit seinen Mitarbeitern in New York, mit den anderen Botschaftern. Nach jedem Interview, das er führt, sieht er bei Twitter nach, wie sich die Lage in der Heimat verändert hat.

Die Vereinten Nationen sind hiflos

Seit Wochen ringt der Weltsicherheitsrat um eine Stellungnahme in Sachen Ukraine, auch am heutigen Donnerstag wieder, wenn der ukrainische Interimspremier Arseni Jatsenjuk um 20 Uhr deutscher Zeit vor dem mächtigsten Gremium der Weltgemeinschaft spricht. Die Vereinten Nationen sind eine großartige Institution, die ganze Welt kommt hier zusammen, Freunde wie Feinde sitzen an einem Tisch und reden. Zugleich sind sie eine Institution ohne wirkliche Macht. Das Prinzip im Sicherheitsrat ist der Konsens. Die fünf ständigen Mitglieder haben ein Vetorecht, die Amerikaner gehören dazu, die Russen, deshalb gibt es nur selten völlige Übereinstimmung.

Wie hilflos das Gremium im Umgang mit der derzeitigen Krise ist, hat man auch in der vergangenen Woche gesehen. Da reiste der niederländische Diplomat Robert Serry im Auftrag des UN-Generalsekretärs auf die Krim, um in New York, der Hauptsitz der Vereinten Nationen, ein authentisches Bild der Lage beschreiben zu können. Doch prorussische Anhänger jagten die Delegation wieder aus dem Land. Am Ende marschierte Serry zu Fuß zum Flughafen, weil sogar sein Auto beschlagnahmt worden war.

Ruf nach Reformen bei der UN

Die Krise um die Ukraine zeige, wie dringend die Vereinten Nationen reformiert werden müssen, damit sie irgendetwas bewirken können, sagt Juri Sergejew. "Wenn ein Mitgliedsstaat wie Russland gegen alle Prinzipien und die Charta der Vereinten Nationen verstößt und ungestraft bleibt, dann stimmt was nicht in diesem System". Und trotzdem gibt Sergejew nicht auf. In der Diplomatie gehe es jetzt um Symbole. Das Spiel mit den Symbolen beherrscht der Diplomat ganz gut.

Als am Montag vergangener Woche der Sicherheitsrat zum dritten Mal zu Beratungen über die Ukraine zusammen kam, war auch Sergejew eingeladen. Zuvor hatte er mit seinen Verbündeten aus dem Westen darauf gedrängt, dass die Sitzung öffentlich ist. Das Fernsehen filmte mit, die Bilder gingen um die Welt. Es war eine öffentliche Bloßstellung Russlands. Das war Sergejews Ziel.

"Wir haben ein anderes Verständnis von Menschenrechten"

In dieser Sitzung verlas Sergejew eine Erklärung in mehreren Sprachen, in englisch, französisch und russisch, er wandte sich an seinen Amtskollegen aus Moskau, Vitaly Churkin, der nur ein paar Meter weiter saß. Er blickte ihm ins Gesicht. "Auch ich bin russischsprachig, aber deshalb brauche ich keine Einmischung Russlands", sagte Sergejew und wandte sich damit gegen das Argument der Putin-Regierung, ihr Engagement diene nur dazu, den Russen in der Ukraine Sicherheit zu bieten.

"Wir haben einfach ein anderes Verständnis von Menschenrechten als ihr." Sergejew sprach von einer "Revolution der Würde" seines Volkes und warf dem geflüchteten Präsidenten Viktor Janukowitsch vor, ein System der Korruption geführt zu haben, das der Ukraine Armut, der Präsidentenfamilie aber Luxus gebracht habe. Es war eine starke Rede. Und eine mutige. Schließlich war Janukowitsch viele Jahre lang der Chef von Juri Sergejew.

Neuer kalter Krieg im Weltsicherheitsrat

Er sei ein Karrierediplomat, sagt Sergejew an diesem Morgen in seiner Mission, er habe sich immer loyal verhalten. "Doch ich habe meinen Eid damals nicht auf einen Präsidenten geschworen, sondern auf das ukrainische Volk und seinen Staat." Deshalb trat er auch vor die Tür, als 5000 Ukrainer vor seiner Mission demonstrierten.

Es war der erste Sonntag im Dezember vergangenen Jahres gewesen, kurz zuvor hatten Sicherheitskräfte in Kiew demonstrierende Studenten brutal nieder geknüppelt. Sergejew war, bevor er Diplomat wurde, Universitätsprofessor in Kiew. Es waren seine alten Kollegen, die da mit auf der Straße standen. Seinen Landsleuten in New York rief er deshalb zu, zu ihnen zu stehen. Das Wort Solidarität fiel. Irgendjemand stellte das Video auf Youtube. In Kiew überlegte man daraufhin, den Diplomaten zu feuern. Am Ende durfte er bleiben.

Selbst China stellt sich Russland in den Weg

Seine Aura und seine Argumente wirkten auch an jenem Montag im holzgetäfelten Saal des UN-Hauptquartiers. 14 Nationen zeigten sich solidarisch mit der Ukraine und verurteilten Russland scharf. Die Vertreterin der USA, Samantha Power, verstieg sich gar in bitterem Sarkasmus - eigentlich ein Tabu in der gepflegten Sprachkultur der Diplomatie. "Hört man dem russischen Vertreter hier zu, könnte man denken, dass Moskau gerade zur schnellen Eingreiftruppe des Kommissars für Menschenrechte geworden ist", sagte sie.

Selbst China, sonst ein bedingungsloser Unterstützer Russlands in diesem Gremium, stellte sich quer. Es herrschte spürbar ein neuer Kalter Krieg an diesem Tag im Weltsicherheitsrat, nur dass es diesmal keine zwei Blöcke gab, die sich gleichwertig gegenüberstanden. Es waren 14 gegen einen. Jurii Sergejew hat mit seinen Worten ganze Arbeit geleistet.


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