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Twitter-Thread: Latinos in den USA berichten, wie viel Hass ihnen im Alltag begegnet und wie ihre Angst wächst

Bereitet Donald Trumps Rhetorik Gewalt und Hass den Boden? Viele Bewohner von El Paso sehen das so. Sie erleben, wie zahllose Latinos überall in den USA, wie Hass und Feindseligkeit alltäglich werden. Berichte aus einer Community in Angst.

Alexandria Ocasio-Cortez auf einer Kundgebung gegen Waffengewalt in Brooklyn

Beginnen wir mit einer kleiner Episode einer jungen Latina aus Austin, Texas: "Letzte Woche führte ich meinen Hund in meiner Straße aus. Eine Frau sagte mir, ich solle nach Mexiko zurückgehen und drohte mir an, alles aus mir und meinem Hund herauszuprügeln. Sie saß da und hatte eine Flasche in ihrer Hand und eine Tasche (...). Mehrfach drohte sie mir, alles was sie hatte, nach mir zu werfen, sollte ich nicht die Straßenseite wechseln – in den herannahenden Verkehr hinein." Danach berichtet die junge Frau noch, dass sie ihrer Mutter die Geschichte nicht erzählt habe, wohl um sie nicht auch noch zu verängstigen. Doch sie selber lebe in großer Angst.

Es sind Geschichten wie diese von alltäglichen Anfeindungen und Bedrohungen, sogar direkt vor der eigene Haustür, die unter den US-Amerikanern lateinamerikanischer Herkunft derzeit über die sozialen Medien verstärkt die Runde machen. Die tödlichen Schüsse von El Paso haben aus einem offensichtlich ohnehin vorhandenen Gefühl der Angst, das sich in den Jahren der Amtszeit von Donald Trump kontinuierlich verstärkt habe, real gewordenen Horror gemacht, heißt es da. Deshalb war der US-Präsident bei seinem Besuch in der Grenzstadt auch längst nicht bei allen willkommen.

Donald Trump hat den Ton gesetzt

Mit seiner Forderung nach einer Grenzmauer zu Mexiko, seiner generellen Verächtlichmachung von Migranten als (mögliche) Mörder und Vergewaltiger, seiner Aufforderung, US-Kongressabgeordnete mit Migrationshintergrund sollten in ihre Länder zurückgehen oder dem schlichten Weglachen eines Aufrufs einer seiner Anhänger, Migranten zu erschießen, hat er aktuell den Ton gesetzt. Die Worte des Präsidenten verfehlen ihre Wirkung offenkundig nicht: Längst sehen sich auch gebürtige Amerikaner mexikanischer Herkunft Anfeindungen und Hass ausgesetzt.

Der Journalist Adrian Carrasquillo, der unter anderem für NBC News, Buzzfeed und bekannte Polit-Magazine arbeitet, hat die teils erschütternden Berichte gesammelt und verbreitet sie über einen Twitter-Thread. Er tut dies, wie er ausdrücklich betont, mit Zustimmung derer, die von ihren Erlebnissen berichten. Denn allen sei wichtig, dass bekannt werde, auf wieviel Feindseligkeit die "Hispanics" inzwischen Tag für Tag und überall im Land treffen.

Identifikation mit den Zielen des Schützen von El Paso

Carrasquillo zitiert dabei auch eine Begebenheit, die ihm eine Freundin erzählt habe: Ihr Ehemann habe ein öffentliches Schwimmbad besucht. Dort habe sich eine Gruppe weißer Männer über die Schießerei in El Paso unterhalten. Die Schüsse, so hätten sie gesagt, seien zu weit gegangen, aber einige der Standpunkte des Schützen könne man doch zustimmen. Zum Beispiel, dass man sicherstellen müsse, dass die Weißen nicht rausgeworfen würden und die "Hispanics" stattdessen das Land übernähmen. "Ich meine, der sagte sowas, als ob er sich über Sport unterhalten würde. Widerlich!", zitiert Carrasquillo seine Freundin. Für den Journalisten besonders alarmierend: Die Unterhaltung fand mitten in Los Angeles statt – einer als weltoffen geltenden Metropole, die von Menschen aus 140 Nationen bewohnt wird und deren Bevölkerung fast zur Hälfte aus Latinos besteht.

Einige weitere Berichte, die der Journalist gesammelt hat:

"Adrian, mein Ehemann, ist ein in den USA geborener Arzt mexikanischer Abstammung. Wir waren in einem Baumarkt in einer weißen Gemeinde. Als wir im Gang mit den Glühbirnen standen, verwickelte ihn eine weiße Frau in einen verbalen Streit und sagte ihm, er solle zurück nach Mexiko gehen. Als er ihr sagte, er sei Arzt und in den Vereinigten Staaten geboren, lachte sie hysterisch und beschuldigte ihn, Fake News zu erzählen. Wir sind aus dieser Gegend weggezogen, weil wir Angst haben, ständig belästigt zu werden." (Zum Original-Tweet)

"Ich komme aus derselben Stadt wie der Schütze von El Paso. Derselbe Abschlussjahrgang, aber von einer konkurrierenden Highschool. Ich habe viele Freunde, die sich an ihn erinnern (einige haben in Kursen sogar neben ihm gesessen). Es ist so furchtbar zu realisieren, dass diese Art des Hasses in "meiner" Gemeinde, bei "mir" zuhause existiert. (...) Der Gedanke, dass der Schütze hier Freunde hatte, die seine Ideologie vielleicht teilen, ist zu beängstigend um es auszudrücken. Ich kann mir nicht helfen, aber ich fühle mich jetzt paranoid in meiner eigenen Heimatstadt." (Zum Original-Tweet)

"Fühle mich unter meinen engsten Freunde verloren" 

"Mein Mann ist ein eingebürgerter Bürger. Er wurde in Mexiko geboren und ist Führungskraft bei einer erfolgreichen Lebensmittelkette in Südkalifornien. Es vergeht keine Woche, ohne dass ihm gesagt wird, dass er zurück nach Hause gehen muss, und während er in der Lage ist, den Leuten in aller Ruhe zu erklären, dass er zuhause ist, erschreckt mich das ohne Ende. Das ist ihm nie passiert, bevor Trump mit seiner hasserfüllten Sprache begann. Ich fürchte um seine Sicherheit und um die Sicherheit unserer Kinder."

Eine Jugendliche berichtet, sie erlebe, wie Freunde sie plötzlich mit anderen Augen zu sehen scheinen, ohne dass sie verstehen könne, was der Grund dafür sei:

"Das Schlimmste an allem ist, dass ich nicht verstehe, wie es soweit kommen konnte. (...) Es fühlt sich an, als ob meine Freunde und Klassenkameraden, die ich liebe, Dinge sagen, die mich überdenken lassen, wie ich bin und was sie in der ganzen Zeit wirklich von mir gehalten haben. Es ist, als würden meine Erinnerungen und Beziehungen entwertet angesichts der Standpunkte und Ansichten, die ich niemals in ihren Herzen vermutet hättet. Vielleicht wurde ich ja nur toleriert, weil ich keinen Akzent habe oder wir durch den Sport verbunden sind. Ich fühle mich unter einigen meiner engsten Freunde und Gleichaltrigen verloren, dort, wo ich doch hingehöre." (Zum Original-Tweet)

"Hallo! Ich bin US-Bürgerin dominikanischer Herkunft. Ich habe meinen Pass die ganze Zeit bei mir. Mein Vater fleht mich an, Trump nicht zu kritisieren, weil er Angst hat, dass ich zur Zielscheibe werde. Ich bin stolz auf meine lateinamerikanische Herkunft aber nach dem Pulse Shooting [hierzulande als Attentat von Orlando bekannt, Anm. d. Red.] und jetzt El Paso bin ich so verängstigt weil ich sehr hispanisch aussehe. I schaue jedem weißen Mann in die Augen. Ich fürchte mich, in der Öffentlichkeit zu sein. Ich kann nicht aufhören zu weinen." (Zum Original-Tweet)

Und noch ein Beispiel, das beschreibt, wie sich fast unmerklich nach und nach das eigene Dasein vor allem in jüngster Zeit verändert hat:

"Ich bin ein legaler Einwanderer, der hierher kam als er 19 war. Ich liebe dieses Land und ich liebe seine Menschen ... aber ich habe Angst. Ich habe immer versucht, mich anzupassen, kenne die amerikanische Geschichte, die aktuelle Politik etc. Ich zahle meine Steuern gern und bin eigentlich nur ein Amerikaner, der halt eine braune Haut hat. Seit ein paar Monaten aber fühle ich mich von meinen Mit-Amerikanern nicht mehr gewollt und das tut weh. Es tut weh, weil wir uns mit der Wirtschaft, dem Essen und der Kultur identifizieren. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal so fühlen würde, mein Herz ist gebrochen. Ich weiß, die übergroße Mehrheit der Amerikaner denkt nicht so über uns, aber wir müssen uns äußern."

Der Wille zu erzählen, klar zu machen, wie sich auch das alltägliche Leben in den USA nach und nach verändert, spricht aus diesen Tweets. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Adrian Carrasquillo betont dabei, dass die aktuelle Situation der "Hispanic Americans" nicht erst in Trumps Amtszeit allein sich so entwickelt habe. Man müsse verstehen, "dass dies nicht nur ein trauriger Moment ist, der vergehen wird", schreibt der Journalist auf Twitter, sondern dass sich derzeit die Folgen von 40 Jahren einwanderungsfeindlicher Politik zeigten. "Nur lauter, zusätzlich ermutigt und unkontrolliert von den amerikanischen Führern."

Und wie zum Beweis kommentiert gleich der erste User unter dem Thread Carrasquillos die Berichte mit den Worten: "Mit einem Freund chatten ... das bleibt anonym. Blah. Blah. Blah. Ein Narrativ. Belauscht in einem geschäftigen Kaffeehaus. Blah. Blah. Blah. Genug. Niemand kauft dir diesen Bullshit ab."