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Letztes Interview vor dem Lager "Putin ist eine Niete"


Es ist möglicherweise das letzte Interview vor dem Arbeitslager: Den Anwälten des Pussy-Riot-Postergirls Nadeschda Tolokonnikowa ist es gelungen, Notizen der Musikerin aus dem Gefängnis zu schmuggeln.

Das Berufungsverfahren gegen die seit März inhaftierten Mitglieder der Moskauer Polit-Punkband Pussy Riot ist entschieden: Die Strafe der 30-jährigen Jekaterina Samuzewitsch wurde zur Bewährung ausgesetzt. Die Aktivistinnen Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) müssen gemäß dem Urteil vom 17. August für zwei Jahre ins Straflager. Möglicherweise das letzte Interview vor der Strafkolonie hat Tolokonnikova, das "Postergirl" der Protestaktion, dem "Musikexpress" gegeben.

Die derzeit berühmteste Gegnerin von Russlands Präsident Wladimir Putin musste gleich zwei Mal antworten. Denn die erste Fassung, die über die Anwälte aus dem Frauengefängnis geschmuggelt werden sollte, wurde abgefangen, berichtet Chefredakteur Severin Mevissen. Mitte September kamen die Antworten schließlich durch.

"Putin ist weit winziger als das, was er vorgibt zu sein"

Ungebrochen, wie gewohnt kämpferisch und gleichzeitig erstaunlich unberührt von der Aussicht auf zwei Jahre Arbeitslager erklärt die junge Mutter ihre Situation: In der Zelle stünden "eiserne Doppelstockbetten, eiserne Nachttische, ein Tisch". Unterstützer würden "Äpfel und Orangen" schicken, sie "schreibe und lese viel" und diskutiere mit Mitinsassen politische und soziale Themen. "Wie es weitergeht in der Strafkolonie, wird die Zeit zeigen". Von ihren Kampfgenossinnen sei sie isoliert. Informationen über die Geschehnisse "draußen" gebe es nicht.

Obwohl man ihr im Schauprozess eine multiple Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, fürchte sie nicht, in eine psychiatrische Anstalt gesperrt zu werden: "Nachdem man im Gefängnis war, ist die Angst vor dem Irrenhaus ein Witz", so Tolokonnikova, die weiterhin fest daran glaubt, dass das System Putin zu besiegen sei. "Er ist eine Niete, weit winziger als das, was er nach außen hin vorgibt zu sein." Die Frage, ob sie überlege, Russland zu verlassen, weist sie von sich: "Nicht für immer, meine Verbundenheit mit der russischen Kultur ist zu groß."

"Meine Tochter versteht das"

Und auch für ihre vierjährige Tochter, die verstehen muss, was mit ihrer Mutter passiert, hat sie deutliche Worte: "Wir haben schon früher mit ihr über Politik gesprochen. Ich denke, dass sie alles versteht. Gera ist klug und scharfsinnig. Die Findigkeit von Kindern ist nicht zu unterschätzen."

sal

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