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39 Leichen in Laster entdeckt: Familie berichtet von Abschieds-SMS: "Es tut mir leid, Mama. Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann"

Die Abschiedsworte soll eine 26-Jährige aus Vietnam ihrer Familie geschrieben haben, kurz bevor sie nach Angaben von Angehörigen in dem Laster starb, in dem in der Nacht zu Mittwoch 39 Leichen entdeckt worden waren.

Spezialisten der britischen Spurensicherung untersuchen den Laster, in dem vergangene Woche die 39 Leichen entdeckt worden waren

Spezialisten der britischen Spurensicherung untersuchen den Laster, in dem vergangene Woche die 39 Leichen entdeckt worden waren

DPA

Es war ein grausiger Fund: Vergangene Woche wurden in einem Lkw-Container in der Nähe von London die Leichen von 39 Menschen entdeckt. Die Toten stammten ersten Ermittlungen zufolge alle aus China – doch nun verdichten sich die Hinweise, dass auch Vietnamesen unter den Opfern gewesen sein könnten.

Bei der britischen BBC meldeten sich am Freitag Familien aus Vietnam, die Verwandte unter den Toten vermuten. Mindestens sechs Vietnamesen könnten unter den Opfern sein, berichtete der Sender. Die BBC zeigte Bilder von SMS-Schriftwechseln, mit denen eines der möglichen Opfer nur Stunden vor dem Leichenfund mit seiner Familie in Kontakt getreten war. 

"Es tut mir leid, Mama. Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann"

Eine vietnamesische Familie bestätigte der BBC nach deren Berichten, dass sie 30.000 Pfund für das Schleusen einer jungen Frau bezahlt habe. "Es tut mir sehr, sehr leid", habe sie an ihre Eltern geschrieben, berichtete die BBC unter Berufung auf Aussagen eines Mannes, der sich als Bruder der Frau vorstellte. "Meine Schwester ist seit 23. Oktober vermisst", sagte Pham Manh Cuong demnach. 

Cuong gab an, seine 26 Jahre alte Schwester sei Anfang Oktober aus Vietnam nach Großbritannien aufgebrochen. Am Dienstagabend habe sie ihrer Mutter eine verzweifelte SMS geschickt. "Es tut mir leid, Mama. Mein Weg ins Ausland hat keinen Erfolg. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann", wird die Nachricht von der vietnamesischen Organisation Human Rights Space zitiert. Cuong sagte, die SMS sei echt und wenige Stunden vor dem Leichenfund am Mittwochmorgen abgeschickt worden. 

Auch ein weiterer Mann aus Vietnam soll sich an Bord befunden haben: Er habe einen Anruf erhalten, der ihn über den Tod seines Sohnes auf dem Weg nach Großbritannien informiert habe, sagte Nguyen Dinh Gia am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Sein 20-jähriger Sohn habe sich seit 2018 illegal in Frankreich aufgehalten und wollte für rund 12.600 Euro nach Großbritannien weiterreisen, um dort in einem Nagelstudio zu arbeiten. Vor einigen Tagen habe der Vater dann einen Anruf von einem Vietnamesen erhalten, der ihn um "Verständnis" bat und sagte, dass etwas "Unerwartetes passiert" sei. Nguyen bat die vietnamesischen Behörden um Hilfe bei der Identifizierung seines Sohns. Von Kontaktpersonen in Großbritannien erfuhr er, dass der 20-Jährige Paris am Nachmittag des 21. Oktobers verlassen habe – zwei Tage vor dem grausigen Fund der Leichen nahe London.

Auch aus vietnamesischen Sicherheitskreisen verlautete, es könnten Vietnamesen unter den 39 Todesopfern sein. Ein Sprecher der vietnamesischen Botschaft in London sagte zudem, die diplomatische Vertretung sei von einer vietnamesischen Familie kontaktiert worden, die ihre Tochter "seit der Entdeckung des Lastwagens" vermisse. 

Weitere Festnahmen durch britische Polizei

Die britische Polizei hatte zuvor erklärt, die Opfer stammten allesamt aus China. Die stellvertretende Polizeichefin in Essex, Pippa Mills, sagte am Freitagabend, hinsichtlich der Nationalitäten sei "das Bild in Entwicklung". Sie forderte Familien, die Anlass zur Vermutung haben, dass ihre Verwandten unter den Opfern seien, auf, sich bei der Polizei zu melden und versicherte, sie würden nicht strafrechtlich verfolgt. 

Ermittlungen in England: 39 Tote in Lkw: Polizeichefin appelliert an Hinterbliebene

Unterdessen hat die britische Polizei am Freitag weitere Verdächtige festgenommen. Zunächst setzte die Polizei einen 38 Jahre alten Mann und eine Frau gleichen Alters aus dem nordenglischen Warrington fest. Ihnen würden Menschenhandel in 39 Fällen sowie Totschlag in 39 Fällen vorgeworfen, teilte die Polizei am Freitag mit. Später gab die Polizei noch die Festnahme eines 48-Jährigen aus Nordirland am Londoner Flughafen Stansted bekannt. Er stehe im Verdacht, an den Taten beteiligt gewesen zu sein. 

Der bereits zuvor festgenommene, in Nordirland wohnhafte Fahrer des Lastwagens, in dem die Leichen gefunden worden waren, stehe weiter unter Mordverdacht und bleibe hinter Gittern, teilte die Polizei mit. Der Inhaftierungsbeschluss gegen ihn sei am Donnerstag verlängert worden. Im Internet kursierten derweil Online-Petitionen, in denen seine Freilassung gefordert wird. 

Unklar blieb zunächst, ob er oder jemand anders die Polizei informiert hat und was er über den Inhalt des Sattelaufliegers wusste. Die Zugmaschine war aus Irland gekommen, der Auflieger kam über den belgischen Hafen Zeebrugge nach England – per Schiff wurde er von Belgien in den Hafen Purfleet gebracht. Die Zugmaschine transportierte ihn dann in ein Industriegebiet in Grays, östlich von London. Wann und wo die Menschen in den Lkw gelangten, ist derzeit völlig unklar. 

Möglicherweise sind die Menschen im Laderaum erfroren

Alle 39 in dem Lastwagen-Anhänger entdeckten Leichen werden in einem Krankenhaus in Chelmsford obduziert. Die ersten elf Toten wurden am Donnerstagabend –begleitet von einer Polizeieskorte – in die Einrichtung gebracht. Die Obduktionen sollten noch am Freitag beginnen. Experten rechnen mit sehr langen Untersuchungen nach dem grausigen Fund. Die formelle Identifizierung werde den Obduktionen folgen, teilte die Polizei am Freitag weiter mit. "Das wird ein langer, aber entscheidender Teil dieser Untersuchung", hieß es. Auch die belgischen Behörden ermitteln.

Die Leichen waren in der Nacht zum Mittwoch im Laderaum des Lastwagens im Ort Grays entdeckt worden. Die Umstände deuten stark darauf hin, dass es sich bei den Opfern um ins Land geschleuste Migranten handelt. Möglicherweise sind die Menschen im Laderaum erfroren, da der große Lkw-Sattelauflieger zur Kühlung geeignet ist. Offiziell bestätigt wurde die Todesursache zunächst nicht.

Der Chef des Hafens in Zeebrugge, Joachim Coens, sagte dem belgischen Fernsehsender VRT, es sei "höchst unwahrscheinlich", dass die Menschen in Belgien in den Anhänger gestiegen seien. "Ein Kühlcontainer kommt hier vollständig versiegelt an. Bei der Inspektion wird die Dichtung überprüft und auch das Nummernschild und der Fahrer wird mit Kameras überprüft", sagte Coens. Anschließend werde die Fracht auf ein Schiff verladen.

mik / DPA / AFP