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Mehrere Tote und Verletzte: Israel stürmt Schiffe mit Gaza-Hilfsgütern

Israelische Elitesoldaten haben eine Flotte mit Hilfsgütern für Palästinenser geentert. Mehr als zehn Menschen starben. An Bord der Schiffe waren auch deutsche Politiker und ein Bestsellerautor.

Ein Elitekommando der israelischen Armee hat am frühen Montagmorgen gewaltsam einen Konvoi der internationalen "Solidaritätsflotte" für den Gazastreifen im Mittelmeer aufgebracht. Dabei seien mehr als zehn Menschen getötet worden, teilte Israels oberster Armeesprecher Avi Benajahu mit. Zudem seien mehrere Menschen verletzt worden. Unter den Soldaten gebe es mindestens vier Verletzte, einer davon sei schwer verwundet worden. Die türkische Nichtregierungsorganisation IHH sprach von 15 Todesopfern. Die meisten seien Türken, hieß es.

Nach Angaben der Organisation "Free Gaza" befand sich die aus sechs Schiffen bestehende Flottille klar in internationalen Gewässern. Nach dem Angriff sei der Funkkontakt zu den Besatzungen abgebrochen. Zu den mehr als 700 pro-palästinensischen Aktivisten, die rund 10.000 Tonnen Hilfsgüter direkt in den Gazastreifen bringen wollten, gehören auch die beiden Bundestagsabgeordneten der Linkspartei, Annette Groth und Inge Höger, der ehemalige Linken-Abgeordnete Abgeordnete Norman Paech, Dutzende weitere europäische Parlamentarier, die Friedensnobelpreisträgerin von 1976, Mairead Corrigan Maguire aus Nordirland, und der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell.

"Sie haben Menschen angeschossen und geschlagen"

Hunderte Elitesoldaten waren den Angaben zufolge am frühen Morgen von Helikoptern und Schnellbooten gegen den Konvoi vorgegangen. Beide Seiten lieferten unterschiedliche Darstellungen der Militäraktion: Die Organisatoren von "Free Gaza" verwiesen auf Videoaufnahmen von Bord des Schiffes. Daraus gehe hervor, dass Soldaten in dem Moment angefangen hätten zu schießen, als sie an Bord kamen. Der arabische TV-Sender Al Dschasira berichtete telefonisch von Bord des türkischen Passagierschiffes "Marmara", das den Hilfskonvoi anführte, israelische Marinesoldaten hätten das Schiff unter Feuer genommen und geentert. Der Kapitän sei dabei verletzt worden. Die Israelis hätten "fast alle Leute weggeschleppt. Ich und der Kapitän und noch einer sind noch hier", berichtete ein Besatzungsmitglied des griechischen Schiffes "Eleftheri Mesogeios", das ebenfalls zu der Flottille gehört, im Fernsehsender Skai. "Sie haben mit Gummikugeln geschossen. Sie haben Menschen angeschossen. Sie haben Leute geschlagen. Gegen Mitternacht kamen sie. Gegen drei Uhr umzingelten sie uns, und Hubschrauber und Schiffe kamen. ... Ich bin in Handschellen (....)" In diesem Moment brach das Gespräch ab.

Benajahu sagte dagegen, man habe die Aktivisten mehrmals aufgefordert, sich friedlich zu ergeben. Dies sei jedoch scharf zurückgewiesen worden. Daraufhin seien Elitesoldaten mit Strickleitern sowie mit Leitern aus Hubschraubern an Bord gekommen. Bei der Stürmung seien die Soldaten von den Aktivisten mit "schwerer Gewalt" empfangen worden. Sie hätten versucht, die Truppen zu "lynchen", so der Sprecher. "Dies sind sehr aggressive Leute, keine Friedensaktivisten", sagte er. Einer von ihnen habe einem der Soldaten das Gewehr entrissen und es offenbar gegen andere Soldaten eingesetzt. Andere hätten die Truppe mit Messern und Schlagstöcken angegriffen.

Angesichts der Gewalt hätten die Soldaten "Mittel zur Auflösung von Demonstrationen" eingesetzt und - als sie keine andere Wahl mehr hatten - auch scharfe Munition, sagte Benajahu dem Sender. "Ich möchte hier auch Bedauern ausdrücken", betonte er. "Wir wollten, dass diese Aktion ohne Opfer ausgeht."

Türkei spricht von irreparablem Schaden

Die Regierung in Ankara traf sich nach dem Angriff zu einer Dringlichkeitssitzung. Das türkische Außenministerium verurteilte den israelischen Einsatz scharf und verlangte eine Erklärung. Israel habe internationales Recht gebrochen. Der Schaden für die Beziehungen der beiden Staaten sei nicht wiedergutzumachen, hieß es in einer Erklärung. Die griechische Regierung brach umfangreiche Luftwaffenmanöver mit Israel in der Ägäis ab.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich "tief besorgt" über die Aktion der israelischen Armee. Er verlangte in einem Telefonat mit seinem israelischen Kollegen Avigdor Lieberman eine "umfassende Untersuchung" des Vorfalls. Die französische Regierung zeigte sich "zutiefst schockiert über die tragischen Folgen des israelischen Militäreinsatzes". "Nichts kann den Einsatz einer solchen Gewalt rechtfertigen", erklärte Außenminister Bernard Kouchner. Die EU verurteilte "die exzessive Gewaltanwendung scharf" und verlangt eine Untersuchung des Angriffs.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nannte die Erstürmung der Flottille ein "Massaker". Er verhängte drei Tage Staatstrauer in den Palästinensergebieten. Die Hamas sprach von einem barbarischen Akt.

Israel hatte in den vergangenen Tagen mehrfach angekündigt, die Aktivisten unter allen Umständen daran zu hindern die Hilfsgüter, darunter auch hundert Fertighäuser, 500 Rollstühle und medizinische Ausrüstung, direkt in den Gazastreifen zu liefern. Die Regierung hatte den Aktivisten angeboten, die Hilfsgüter im Hafen von Aschdod zu löschen. Israel hat den Gazastreifen nach der Machtübernahme der radikalen Hamas-Organisation im Juni vor drei Jahren nahezu vollständig von der Außenwelt abgeriegelt.

mad/DPA/AFP/APN / DPA