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Frauen an der Spitze Meistern Regierungschefinnen die Coronakrise besser? Ihre Umfragewerte deuten darauf hin

Die Regierungschefinnen Mette Frederiksen (Dänemark), Jacinda Ardern (Neuseeland) und Sanna Marin (Finnland)
Von links nach rechts: Die Regierungschefinnen Mette Frederiksen (Dänemark), Jacinda Ardern (Neuseeland) und Sanna Marin (Finnland). Alle drei schickten ihre Länder in der Corona-Pandemie in den Lockdown. Ihre Umfragewerte verbesserten sich in dieser Zeit deutlich.
© Mark Mitchell/Mark Mitchell/NZME/AP; Liselotte Sabroe/Ritzau Scanpix Foto/AP; Francisco Seco/AP Pool / DPA
Manche Länder kommen besser durch die Coronakrise, andere weniger. Auffällig: In Staaten, in denen Frauen regieren, läuft es oftmals besser. Das spiegelt sich auch in den Umfragewerten der Politikerinnen und ihrer Parteien wider – die sind deutlich nach oben gegangen.

Noch ist die Corona-Pandemie nicht vorbei. Manche Länder spüren das gerade deutlich. Allen voran die USA, die mit mehr als 4,9 Millionen gemeldeten Infektionen und mehr als 160.000 Toten trauriger Spitzenreiter sind. Hinter den Vereinigten Staaten kommen Brasilien, Indien, Russland und Südafrika.

Bei genauerer Beobachtung fällt auf: Staaten, in denen Frauen an der Spitze der Regierung stehen, kommen anscheinend besser durch die Pandemie. Das Infektionsgeschehen ist in diesen Ländern vergleichsweise entspannter oder sogar zurückgegangen, viele Maßnahmen konnten dort schon gelockert werden.

Zu diesen Ländern gehören etwa Island, Norwegen, Dänemark, Finnland, Taiwan, Neuseeland und auch Deutschland – wenngleich die Infektionszahlen derzeit zum Teil wieder leicht nach oben gehen. Zum Vergleich: In den fünf Staaten, die von der Pandemie am härtesten getroffen sind, regieren allesamt Männer.

Arderns Labour-Partei bei mehr als 60 Prozent

Das weibliche Krisenmanagement hat auch Auswirkungen auf die Umfragewerte in den jeweiligen Staaten – sie sind häufig positiv und während der Pandemie sogar gestiegen. Das zeigt sich besonders in Neuseeland. Die Insel-Nation hat nach jüngsten Angaben mindestes 1569 gemeldete Infektionen, 22 Menschen sind dort an den Folgen von Covid-19 gestorben – bei rund 4,8 Millionen Einwohnern. Premierministerin dort ist die 40-jährige Jacinda Ardern. Seit 2017 ist die Chefin der sozialdemokratischen New Zealand Labour Party an der Spitze der Regierung.

Ardern und ihr Kabinett beschlossen bereits Anfang Februar einen Einreisestopp aus dem damaligen Corona-Hotspot China, wenige Wochen später folgten Grenzschließung und Lockdown: Die "Kiwis" sollten zu Hause bleiben, nur das Notwendigste blieb geöffnet.

Anfang Juni erklärte sich Neuseeland für coronafrei. Maßnahmen wurden gelockert, es wird aber weiterhin zur Vorsicht und zur Einhaltung der Hygieneregeln aufgerufen. Lediglich Einreisen aus dem Ausland sind noch untersagt. Bei der Eindämmung des Virus half, dass Neuseeland als Inselstaat relativ abgelegen liegt. Aus diesem Grund konnte etwa auch Island die Pandemie sehr gut bewältigen.

Zum Dank für ihr Krisenmanagement erhält Ardern wenige Wochen vor der Parlamentswahl am 19. September Umfragewerte, von denen viele andere Parteien träumen: Eine Umfrage der Nachrichtensendung "Newshub" von Ende Juli sieht die Labour Party bei knapp 61 Prozent. Bei der Wahl vor drei Jahren waren es knapp 37 Prozent. 

Vertrauen in Jacinda Ardern sehr groß

Bei der Frage nach der Wirtschaftskompetenz liegt Ardern sogar mit 62,3 zu 26,5 Prozent gegenüber ihrer Konkurrentin Judith Collins von der National Party vorn. Alles in allem genießt die Amtsinhaberin bei 79,4 Prozent der Wählerinnen und Wählern Vertrauen.

Beobachter sehen als Gründe für Arderns Erfolg ihren Kommunikations- und Führungsstil. So habe sie bei den Corona-Maßnahmen auf die Wissenschaft gehört. Bei der Kommunikation mit der Bevölkerung habe sie auf Offenheit gesetzt und von "unserem Team von fünf Millionen" gesprochen. Sie gebe sich persönlich, menschlich, einend und beistehend.

Doch Jacinda Ardern ist nicht die einzige Regierungschefin, die in Corona-Zeiten viel Zuspruch erhält. 

In Dänemark vertrauen die Menschen Frederiksen

In Dänemark amtiert seit einem Jahr die 42-jährige Mette Frederiksen als Ministerpräsidentin. Auch sie setzte früh auf einen harten Lockdown, inzwischen wurde vieles wieder gelockert. Die Infektionszahlen geben ihr Recht: mehr als 14.400 Infizierte, 617 Tote und gut 12.800 überstandene Infektionen in dem 5,8-Millionen-Einwohner-Land – das sind vergleichsweise niedrige Werte.

Auch Frederiksens Sozialdemokraten konnten in der Coronakrise hinzugewinnen: Sie liegen bei rund 34 Prozent, im Vergleich zu zusammengerechnet 27,3 Prozent im Februar, so die Zeitung "Berlingske". Und laut einer kürzlich veröffentlichten Gallup-Umfrage meinen 55 Prozent, Frederiksen sei besser darin, ein Land durch eine Krise zu führen.  

Ähnlich wie ihre Amtskollegin aus Neuseeland gibt sie sich persönlich und volksnah, teilt in sozialen Medien Updates und Bilder zu ihrer politischen Arbeit und ihrem Privatleben, etwa von ihrer Hochzeit, die sie wegen Corona verschoben hat und kürzlich nachholte. 

Regierungsparteien in Finnland, Norwegen und Deutschland stärker

Breite Unterstützung während der Coronakrise erhielt auch die finnische Regierungschefin Sanna Marin: Ihr und ihrer Mitte-Links-Regierung vertrauen einer Umfrage zufolge rund 62 Prozent, wie der öffentlich-rechtliche Sender yle berichtete. Und in Norwegen konnte die konservative Partei Høyre von Ministerpräsidentin Erna Solberg seit Beginn der Pandemie auf inzwischen 25 Prozent in Umfragen klettern – ein deutlicher Zuwachs. 

Auch in Deutschland konnten CDU/CSU in den letzten Monaten laut den letzten Umfragen hinzugewinnen: Sie liegen zwischen 36,5 und 38 Prozent. Ende Februar lag die Union noch bei rund 26 Prozent. Und wenn es allein um die Kanzlerin geht, bewerten laut einer Statista-Umfrage vom Juli dieses Jahres 86 Prozent Merkels Arbeit alles in allem als "eher gut", nur 13 Prozent als "eher schlecht". 

"Weibliche Qualitäten": Fürsorge, Umsicht, Vorsicht

Es sei kein Zufall, dass von Frauen regierte Länder bislang besser durch die Coronakrise gekommen sind, sagte Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Wiesner dem Portal web.de. Ihre Erklärung: "Frauen müssen bestimmten Erwartungen entsprechen, um ins Amt gewählt zu werden. Diese Eigenschaften bewähren sich nun in der Krise." Diese Erwartungen basierten auf den sozial konstruierten Geschlechterrollen. Und die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Barbara Holland-Cunz fügt hinzu, dass Frauen an der Regierungsspitze "generell als fürsorglicher und mütterlicher wahrgenommen" würden. Sie seien umsichtiger, vorsichtiger und hätten weniger "machtverliebte Eitelkeit". 

"Eine Frau, die so auftreten würde wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro, käme als Karikatur herüber und würde gar nicht erst gewählt werden", so Wiesner. Frauen würden außerdem dialogischer führen, mehr Stimmen zu Wort kommen lassen und mehr Faktoren bei der Entscheidungsfindung berücksichtigen. 

Und was ist mit Männern?

Dass nicht nur Frauen in Corona-Zeiten ihren Job besser machen, sondern auch Männer das können, zeigt sich beispielsweise in Thailand, Südkorea oder Griechenland, wo sich das Infektionsgeschehen ebenfalls entspannt hat. Genauso in Österreich, wo Bundeskanzler Sebastian Kurz ebenfalls früh auf einen Lockdown setzte. Seine konservative ÖVP stieg auf mittlerweile 43,8 Prozent in Umfragen. Politikwissenschaftlerin Wiesner sagte dazu, dass Regierungen als Teams betrachtet werden müssten: "Wenn sie diverser besetzt sind, gibt es bessere Ergebnisse." 

Es sind also nicht allein die "weiblichen Qualitäten". Auch andere Faktoren spielen bei der Bewältigung der Pandemie eine Rolle, etwa die jeweiligen Gesundheitssysteme, die finanzielle Stärke beziehungsweise Wirtschaftskraft eines Landes oder auch der Wille der Bevölkerung. 

Der Psychiater Raj Persaud merkte in einem Gastbeitrag in der österreichischen Zeitung "Der Standard" an, dass weniger als sieben Prozent der Staats- und Regierungschefs weltweit Frauen seien. Die Tatsache, "dass so viele von ihnen sich während der Covid-19-Krise ausgezeichnet haben", sei bemerkenswert. Dass Länder wie etwa die USA, Großbritannien oder Brasilien deutlich schlechter durch die Pandemie kommen, begründet er damit, dass dort  "kompromisslos altmodische Alphamännchen" das Sagen hätten. 

Frauen handelten schneller und entschlossener

Der Londoner Psychiater hält weniger die "weiblichen Qualitäten" für ausschlaggebend, sondern, dass  die Führung bei Trump, Bolsonaro und Co. ein "inkompetenter Affenzirkus aus Buhei, Unentschlossenheit und Selbstbeweihräucherung" sei. Die Regierungschefinnen hingegen hätten resolut agiert, die Sachlage bewertet, auf Fachleute gehört und entschlossen gehandelt. Etwas, was auch Holland-Cunz beobachtet hat. Frauen hätten schneller gehandelt und rigoroser zu Maßnahmen gegriffen. 

Persaud meint außerdem, dass der Weg zur Macht bei Frauen steiniger als bei Männern sei. Frauen seien daher womöglich eher dazu bereit, in Krisen das Ruder zu übernehmen, weil die Chancen an die Spitze zu kommen geringer seien. Und wer sich früh beweisen müsse, der agiere besser. "Und das bedeutet sehr oft, dass es sich dabei um Frauen handelt."

Quellen: Johns-Hopkins-Universität, Newshub, ORF, "taz", "Berlingske", yle, wahlrecht.de, Statista, "Europe Elects", "The Guardian", RNZ, Auswärtiges Amt, Regierung Neuseeland, web.de, "Der Standard"


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