Merkel zu Gast im Weißen Haus Obamas Liebeserklärung an Madame Chancellor


War das noch ein Staatsbesuch oder doch schon ein Date? "Deutschland wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben", umschmeichelte US-Präsident Barack Obama Angela Merkel. Die Kanzlerin wurde bei dieser unerwarteten Liebeserklärung richtig verlegen - und deutete in einer politischen Frage ein erstes Zugeständnis an.
Von Ulrike Posche, Washington

Nein, so hatte sich die Kanzlerin ihren Arbeitsbesuch im Weißen Haus sicher nicht einmal in ihren rosigsten Träumen ausgemalt. Das Gespräch mit Präsident Obama im Oval Office hatte bereits eine halbe Stunde länger gedauert, als ursprünglich geplant - und nun noch das: "Deutschland wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben", sagte der Präsident plötzlich im "East Room" des Weißen Hauses vor der versammelten Presse, "und zwar auch wegen meiner guten Freundin Kanzlerin Merkel. Sie ist smart, practical und ich traue ihr, wenn sie etwas verspricht."

Ganz kurz sah es aus, als huschte in diesem Moment eine leichte Mädchenröte über die geschminkten Wangen der Bundeskanzlerin. Und wie üblich wusste sie nicht, wohin mit ihren Gesichtszügen.

Wer mit den Feinheiten diplomatischer Formulierungen vertraut ist, wer Politiker auf internationalem Parkett je mit- und übereinander hat reden hören, der wusste gleich: Das hier war fast eine Liebeserklärung an Madame Chancellor. Und ein bisschen auch ans deutsche Volk, das ihn vor einem Jahr am Brandenburger Tor und vor einem Monat "in Dresden so herzlich empfangen" hat. Deutschland - "a warm spot of my heart". Schöner kann's gar nicht mehr sein!

Alle Spekulationen über das angeblich kühle Verhältnis vom Tisch

Man hätte in diesem Moment gern die Gesichter ihrer Delegationsmitglieder gesehen. Denn mit Obamas Offenbarung waren nun endgültig die Spekulationen vom Tisch, ob die beiden nun "miteinander könnten", oder ob nicht. Das hatte am Freitagmorgen gegen halb eins auch der letzte Journalist begriffen, der während der Pressekonferenz auf einem der goldenen Theaterstühlchen Platz genommen hatte. Es war wohl auch ein wenig Dankbarkeit in Obamas Rede gewesen, weil die Deutsche am Ende bei den beiden strittigen Themen Klimaschutz und Finanzmarktregulierung dann doch weniger dickköpfig und hartleibig gewesen war, als die Amerikaner befürchtet hatten. Bisher nämlich hatte sie beispielsweise auf die speziellen deutschen "rechtlichen Grundlagen" hingewiesen, die es ihr schwierig machten, Guantanamo-Häftlinge aufzunehmen. "Ich verstehe das", sagte der Präsident. Er hatte das schon früher gesagt.

In der Pressekonferenz im East Room sagte Angela Merkel nun: "Wir werden uns nicht entziehen. Wir arbeiten daran." Und das heißt wohl, dass auch in Deutschland irgendwann einer ihrer Ministerpräsidenten Häftlinge aufnehmen muss. "Guantanamo-Flüchtlinge", sagte die Kanzlerin im Eifer des Gefechts.

Und weil beide einmal im Charme-Modus waren, erzählte der Präsident, bevor er zum schwierigen Thema Klimaschutz kam, wie beeindruckt er gewesen sei, als er neulich mit dem Hubschrauber über Deutschland flog: All diese Windräder in der Landschaft! Da blieb der Bundeskanzlerin natürlich nichts anderes übrig, als ihn wiederum "gegen-zu-loben". Sie hätte noch vor einem Jahr, sagte sie mit hintersinnigem Lächeln, "dieses ambitionierte Klimaprogramm der USA nicht für möglich gehalten".

Strenggenommen war es bloß der Antrittsbesuch der Kanzlerin beim neuen Präsidenten. Weil das aber irgendwie klein und banal klang, hieß es, Angela Merkel würde mit Präsident Obama den G8-Gipfel in Italien vorbereiten. Viele schwere Themen besprechen, die Stimmung ausloten. Wie soll es im Iran weitergehen, und wie können wir Europäer helfen? Wie schaffen wir es, dass der Klimagipfel in Kopenhagen nicht zum Desaster wird? Wie kriegen wir die Finanzkrise in den Griff?

Doch man weiß nie, wie es kommt. Am Vorabend sah es beinahe so aus, als würde Michael Jacksons Tod der Kanzlerin alles vermasseln. Den Besuch, alles. Das Thema Jackson schwappte plötzlich sogar bis in die ehrwürdige Library of Congress an der First Street, wo viele elegante Damen in schwarzen Etui-Kleidern und nackten Oberarmen neben Honoratioren aus Politik und Wirtschaft und neben Walther Leisler-Kiep, dem alten Silberrücken der CDU saßen.

Die Kanzlerin nahm dort den Eric M. Warburg Preis der "Atlantikbrücke" entgegen und sprach anschließend über die deutsch-amerikanischen Beziehungen und über ihre frühere Lebensplanung. Sie erzählte wieder einmal den Traum, den sie einst als DDR-Mädchen hatte: Wenn ich mal Rentnerin bin, gehe ich in den Westen, hole mir einen anständigen deutschen Reisepass und fahre nach Amerika. Es war dann bekanntlich alles anders gekommen. Und jetzt sprach sie im großen Saal der Library mit dem früheren Notenbankchef Alan Greenspan über die Finanzkrise - und ringsum tuschelten die anderen über den King of Pop.

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Dabei hatte alles so gut angefangen. Im Regierungsflieger war die Bundeskanzlerin richtig ins Schwärmen gekommen, als sie vom amerikanischen Präsidenten sprach. Wie der Türen aufstoße! Wie der trotz der unterschiedlichen Denkschulen, der sie beide zumindest in Wirtschaftsfragen anhingen, offen für jede Diskussion sei und analytisch wie ein Wissenschaftler! Der labert nicht. Der eiert nicht. Der sagt, was er will, und was nicht. Genau wie sie selbst. Mit so einem kann sich eine Physikerin ihres Kalibers bekanntlich richtig "schön unterhalten". Kurz: Sie plante eine zutiefst "freundschaftliche Begegnung" mit Barack Obama.

Dann bekam Regierungssprecher Ulrich Wilhelm kurz vor dem Dinner, bei dem Angela Merkel neben der schönen Enkelin des Hamburger Bankiers Eric Warburgs saß, die Nachricht, dass bei der erweiterten Gesprächsrunde im Oval Office sogar Finanzminister Tim Geithner, Verteidigungsminister Robert Gates und Außenministerin Hillary Clinton dazu stoßen würden.

"Wenn wir das vorher gewusst hätten", sagte Wilhelm, "da hätten wir ja glatt den Steinbrück und den Jung noch auch noch mitnehmen können." Nun müssten halt sie sich tapfer schlagen: Er, der Botschafter Scharioth, Merkels Sicherheits, Klima- und Wirtschaftpolitische Berater Christoph Heusgen, Peter Rösgen und Jens Weidmann.

Vor dem eigentlichen Besuch im Weißen Haus dann, traf sie noch schnell die Sprecherin des Repräsentantenhauses im Capitol. Und Nancy Pelosi empfing die Kanzlerin wie eine Heilsbringerin. Beim nächsten Mal, so Pelosi, solle die große Europäerin und Kämpferin für den Klimafrieden doch bitte vor beiden Häusern des Kongresses sprechen. Auf dass alle einsähen, dass Amerika seinen Schadstoffausstoß noch stärker als heute reduzieren müsse.

Und dabei stimmten sie gerade am Freitag über die "Energy Bill" ab, ein Gesetz, das 17 Prozent Reduktion aller schädlichen Emissionen bis 2020 festschrieb. "Ein Meilenstein", lobte Merkel.

Dann, gegen zehn, bewölkte sich der Himmel. Die Luft wurde schwüler. Und schon kam die Unwetterwarnung für Washington und Columbia. So brach die schöne Planung der Besuchs-Komponisten zusammen. Aus dem gemeinsamen Auftritt vor der Weltpresse im Rosengarten würde nichts werden. Dabei war bereits im Vorfeld viel darüber spekuliert worden, welch besondere Ehre dieser sei. Bisher nämlich hatte Obama nur einem einzigen Staatschef eine Audienz vor den englischen Rosen gewährt - und der kam aus Südkorea.

Mit der Einladung in den Garten war sozusagen jede Diskussion darüber beendet, ob etwa Sarkozy den Amerikanern näher stünde oder Brown oder gar Berlusconi. Nur die Harten kommen in den Garten. Mit der Rosengarten-Einladung war Merkel sozusagen in die Pole Position gerückt. Chef-Europäerin. Und so sah sie sich ja ohnehin. Manchmal musste sie schon über sich lachen, wenn sie bemerkte, wie leicht ihr der Satz "Wir in Europa..." über die Lippen kam.

Unwetterwarnung für Washington und Columbia. Viele dachten am Morgen noch: Ein schlechtes Omen! Doch allen Warnungen zum Trotz hatte die Sonne am Mittag ihr Bestes gegeben. Es war heiß, der Himmel blau. Barack Obama hatte die deutsche Kanzlerin aus heiterem Himmel zu seiner Lieblings-Europäerin gemacht.


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