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Michail Chodorkowski: Der Mann mit den zwei Gesichtern

Erst skrupelloser Geschäftsmann und Öl-Oligarch, dann Gefangener und Märtyrer: Wer sich mit der Lebensgeschichte von Chodorkowski befasst, dem erzählen Befürworter und Gegner unterschiedliches.

Einst war er der reichste Mann des Landes, dann landete er in einem sibirischen Straflager: Michail Chodorkowski hat in seinen 47 Lebensjahren Höhen und Tiefen durchlebt wie eine Romanfigur Tolstois. In den wilden Jahren nach dem Ende der Sowjetunion kam der Unternehmer auf zweifelhaftem Wege zu seinem Vermögen, strebte auch nach politischer Macht. Doch dann traf ihn die eiserne Faust des Systems unter Wladimir Putin. Nun wird der berühmteste Gefangene Russlands weitere Jahre in Haft verbringen müssen.

Wer nach der Rolle Chodorkowskis im Russland in der Umbruchzeit zwischen Ende der 80er Jahre und seiner Verhaftung 2003 fragt, erhält von Anhängern und Gegnern zwei völlig verschiedene Darstellungen ein und desselben Lebens. Für seine Gegner ist Chodorkowski einer der übelsten Oligarchen der Wendezeit, der auf dubiose Weise in den Besitz des ehemaligen Staatsunternehmens Jukos kam. Nach dieser Darstellung trug er wesentlich zur Aushöhlung der Regierung bei, stets nur an Macht und Milliardengewinnen interessiert. In den Augen seiner Anhänger ist Chodorkowski jedoch ein brillanter Manager, der den maroden Staatsbetrieb Jukos sanierte und sich in der Folgezeit für eine Demokratisierung des Landes einsetzte.

Aufstieg in den wilden 90ern

Chodorkowski studierte zu Sowjetzeiten Chemie und Wirtschaft. Als Funktionär der Jugendorganisation Komosol experimentierte er mit Erlaubnis des Parteichefs Michail Gorbatschow schon in der Endphase des Kommunismus mit dem Kapitalismus. 1988 gehörte er zu den Gründern einer der ersten Privatbanken Russlands. Anfang der 90er stieg Chodorkowski zum stellvertretenden Minister für Brennstoffe und Energie auf. 1995 erwarb er vom Staat die Mehrheit an Jukos, dem zweitgrößten Ölkonzerns des Landes. Obwohl der Wert bereits damals nach Schätzung von Experten schon Milliarden Dollar betrug, zahlten Chodorkowski und seine Partner nur 350 Millionen Euro. Von da an galt der Manager als einer der wichtigsten Oligarchen Russlands.

Während der russischen Finanzkrise 1998 baute Chodorkowski seinen Einfluss geschickt aus. Er erwarb sich eine Reputation als Geschäftsmann mit zurückhaltendem Auftreten, aber einem harten bis skrupellosem Vorgehen. Er machte Jukos zu einem Vorzeigeunternehmen, das dank drastisch gesenkter Produktionskosten hochprofitabel arbeitete und westliche Standards übernahm.

Chodorkowski forderte eine offene Bürgergesellschaften, engagierte sich mit hohen Summen für soziale und gesellschaftliche Projekte, vor allem mit seiner Stiftung "Offenes Russland". Über die Finanzierung von Parteien nahm er politisch Einfluss, außerdem prangerte er Korruption im Regierungsapparat an. Spätestens seit Anfang des neuen Jahrtausends war der Oligarch anderen politischen Kräften ein Dorn im Auge.

Putin statuiert Exempel an Chodorkowski

Von 2003 an suchte Putin dann, den Einfluss mächtiger Wirtschaftsbosse zurückzudrängen. Manche Oligarchen unterwarfen sich ihm, andere gingen ins Ausland. Chodorkowski tat nichts davon. Am 25. Oktober 2003 wurde er festgenommen. Im Ausland sorgte der Umgang mit Chodorkowski für Entsetzen, im Land begrüßten aber viele Menschen ein hartes Vorgehen gegen die Oligarchen - nach Ansicht von Beobachtern wurde an Chodorkowski ein Exempel statuiert.

Im März veröffentlichte die Wirtschaftszeitung "Wedomosti" einen Aufsehen erregenden Artikel Chodorkowskis, in dem er Liberalen und Großunternehmern vorwarf, die Bedürfnisse des Großteils der Bevölkerung während der Privtatisierungsphase ignoriert zu haben. Die "Frankfurter Rundschau" bezeichnete ihn damals als "gefallenen Oligarchen", denn der Text galt als Zeichen der Reue über die Ausbeutung des jungen Staates. In der Folgezeit deutete sich Chodorkowski zum Oppositionellen um. Anhänger sehen in ihm einen Märtyrer, manche gar einen möglichen Präsidenten, sollte er je wieder frei kommen.

In einem ersten Prozess wurden Chorkowski und sein einstiger Geschäftspartner Platon Lebedew 2005 wegen Steuerhinterziehung und Betrugs verurteilt, das Strafmaß in einem Revisionsverfahren auf acht Jahre Haft festgelegt. Der Jukos-Konzern wurde nach hohen Steuernachforderungen in einem dubiosen Verfahren zwangsversteigert und fiel größtenteils in die Hand eines staatlichen Ölunternehmens.

Isolationshaft und Hungerstreik

Chodorkowski kam in ein Straflager nahe der Grenze zu China. Er wurde von Mitgefangenen angegriffen, kam zwischenzeitlich in Isolationshaft, vorübergehend trat er in den Hungerstreik. Er ertrug alle Strapazen, auch die des mehr als 20 Monate langen zweiten Prozess. Diesmal klagte ihn die Staatsanwaltschaft wegen Geldwäsche und Unterschlagung und erreichte einen Schuldspruch.

Chodorkowskis letzte Worte im Verfahren Anfang November wurden zur Abrechnung mit dem politischen System. Er wolle zwar nicht im Gefängnis sterben. "Aber wenn ich das muss, werde ich nicht zögern", sagte Chodorkowski in einem Monolog, wie ihn sich auch ein Shakespeare oder Tolstoi nicht dramatischer hätten ausdenken können: "Die Dinge, an die ich glaube, sind wert, dafür zu sterben. Ich glaube, das habe ich bewiesen."

be/DAPD / dapd