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Krieg in der Ukraine Die Eroberung von Cherson ist geglückt, nun wird Kiew Putins letzte Eroberung attackieren

Blick auf die zerstörte Antoniwsky-Brücke über den Dnepr.
Blick auf die zerstörte Antoniwsky-Brücke über den Dnepr.
© Libkos / DPA
Der Einmarsch in Cherson wirkte wie ein Kinderspiel. Die Russen wurden geschlagen, jetzt nehmen sie ausgezeichnete Verteidigungspositionen ein. Kiew wird nun die letzte große Eroberung Putins angreifen: Die Landbrücke zur Krim.

Die Rückeroberung von Cherson wirkte in den letzten Tagen wie ein Blitzkrieg im Kleinformat, doch der Eindruck täuscht und so wird es nicht weiter gehen. Cherson und die Gebiete östlich des Dneprs hatte Kiew schon vor Monaten "erobert" – als es mittels der US-Himars-Werfer gelang, den russischen Nachschub nachhaltig zu stören und die Brücken über den Fluss zerstört wurden. Jetzt wurden nur die Früchte eingesammelt. Seit dem Spätsommer war die russische Position unhaltbar, russische Militärblogger geben an, dass nur etwa zehn Prozent des tatsächlichen Bedarfs bei der Truppe angekommen sind. Und schon beim Amtsantritt hatte Putin Oberbefehlshaber Sergej Surowikin "schwere Entscheidungen" angekündigt, gemeint war schon damals die Aufgabe der West-Gebiete von Cherson.

Das nächste Ziel nach Cherson-Erfolg

Nach dem Rückzug sind die ukrainischen Truppen an den Fluss vorgerückt. In einem Kommando-Unternehmen sind sie bei der Mündung sogar bereits auf die Ost-Seite übergewechselt. Nun tritt der Krieg in eine weitere Phase: Von allen Eroberungen konnten Putins Truppen neben dem größten Teil des Donbass nur die Landbrücke zur Krim halten. Und hier liegt das nächste strategische Schlachtfeld. Kiew wird im Winterhalbjahr versuchen, diese Verbindung zu kappen und bis zum Meer vorzustoßen. Russland hingegen wird in einen Verteidigungskrieg übergehen. Die Absicht ist es, günstige Positionen einzunehmen und den angreifenden Ukrainern schwere Verluste beizubringen.

So wie es mit der Rücknahme der Truppen über den Fluss geschehen ist. Surowikin hat eine überdehnte, nicht zu versorgenden Linie aufgegeben und wird nun die andere Seite des Flusses befestigen. Eine direkte Fortführung der Kämpfe ist kaum anzunehmen, denn nur mit Landungsbooten könnte Kiew seine Truppen auf der anderen Seite auch nicht versorgen. Zuerst müssen Kiews Streitkräfte ihre neuen Positionen einnehmen, sie sichern, Minen und Ähnliches beseitigen. Dazu kommt die Aufgabe auf sie zu, die Stadt und die befreiten Gebiete zu versorgen, das Wasser- und Stromnetz wieder herzustellen.

Greift Russland die Dämme an?

Die Antoniwsky-Brücke haben die Ukrainer zerstört, nun wurde der Übergang über den Damm bei Nowa Kachowka gesprengt. Damit sind alle Übergänge südlich von Saporischschja außer Funktion. Zusätzlich könnte der Damm brechen, was eine Flutwelle hervorrufen kann. Auf dem Vormarsch fielen den Ukrainer Vorräte und Fahrzeuge in die Hände – aber anders als beim Vorstoß östlich von Charkow in geringen Mengen. Noch letzte Woche frohlockten westliche Experten, dass Putin Tausende von Soldaten zurückgelassen habe. Doch bislang gibt es keine Anzeichen, dass Kiew im großen Maßstab Gefangene machen konnte. Es ist eher davon auszugehen, dass Surowikin seine Truppen im Wesentlichen unversehrt über den Fluss bringen konnte. Vor dem Rückzug der Russen war der Vormarsch der Ukraine bei Cherson mühsam. Nun finden sich Putins Truppen in einer ausgezeichneten Verteidigungsposition wieder, die Ukrainer hingegen in einer schwierigen bis unmöglichen.

Bequem können es sich die Russen dennoch nicht machen. Das ganze Hinterland liegt nun im Feuerbereich der Himars-Werfer – auch dem der Geschosse mit "nur" etwa 50 Kilometer Reichweite. Wenn Kiew diese Waffe weiterhin so klug und systematisch einsetzen wie zuvor, dürfte es zu einer kontinuierlichen Abnutzung der russischen Kräfte kommen, auch wenn sie sich hinter dem Bollwerk des Flusses verschanzen.

Ein Einfrieren der Front liegt nicht in Kiews Interesse. Die freiwerdenden Truppen werden dort eingesetzt, wo eine Offensive am ehesten Erfolg verspricht. Dazu müssen sie bei Saporischschja über den Dnjepr gebracht werden, um in der Steppenfront zwischen Donbass und Fluss offensiv zu werden. Das wird aber Wochen dauern. Und ist ein gewagtes Spiel, die russischen Truppen könnten nun ebenfalls die wichtigen Flussübergänge angreifen. Der Übergang bei Saporischschja führt über den Damm eines Wasserkraftwerks. Eine Sprengung würde auch hier die Gefahr einer Flutwelle mit sich bringen.

Hilflose russische Führung

In der Steppe hat sich seit dem Sommer wenig getan. Es ist anzunehmen, dass die Russen ihre Front in der Tiefe befestigt und die Frontlücken mit Reservisten aufgefüllt haben. Kiew wird darauf setzen, dass die russische Führung weiterhin so plump und unflexibel reagiert wie bisher und es den eigenen Streitkräften gelingt, sie erneut auszumanövrieren und dann bis zum Meer vorzustoßen. Gelingt dies, wäre die Endphase der Invasion eingeläutet. Realistischerweise kann man mit solchen raumgreifenden Manövern erst nach umfangreichen Vorbereitungen rechnen, auch muss der Boden so tief gefroren sein, dass er schwere Fahrzeuge tragen kann.

Strategie der Verwüstung

Trotz des glück- und erfolglosen Verlaufs des Bodenkrieges ist die russische Position nicht hoffnungslos. General "Armageddon" Surowikin hat sich klar dazu bekannt, die Infrastruktur der Ukraine zu lähmen. Gelingt es ihm, im Winter großflächig und nicht nur temporär Heizung, Strom- und Wasserversorgung auszuschalten, kommt das Land trotz aller Erfolge an der Front in eine prekäre Lage. Das Kalkül ist einfach: Je mehr die Infrastruktur der Ukraine zerstört wird, umso größer werden die Belastungen für die Bevölkerung, aber auch die Verbündeten von Kiew. Schon jetzt kann das Land aus eigener Kraft weder das Militär noch den Staat oder die Bürger unterhalten und ist auf enorme Hilfen angewiesen. Die sollen ins Unermessliche steigen.

Außerdem kann Surowikin darauf setzen, dass Kiew schneller als Russland die Soldaten ausgehen. In der Ukraine ist man in der fünften Mobilisierungswelle angekommen. Wenn der Kreml bereit ist, kontinuierlich weitere Hunderttausende einzuziehen, wird Kiew nicht mithalten können. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Masse der Bevölkerung willens ist, dem angeschlagenen Putin-Regime zu folgen.

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