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Nahost: Hisbollah profitiert von Gefangenenaustausch

Der Preis war hoch: Im Austausch für eine Geisel und die Leichen dreier Soldaten ließ Israel über 400 palästinensische Häftlinge frei. Doch die freigelassenen Palästinenser priesen vor allem die Hisbollah.

Mit der Zustimmung zu einem umfassenden Tausch von arabischen und israelischen Gefangenen hat die libanesische Hisbollah-Miliz in den Palästinensergebieten einmal mehr Punkte gemacht. "Hoch lebe Nasrallah", riefen aus der Haft entlassene Männer an einem Kontrollpunkt in den Gazastreifen. Sie widmeten ihre ersten Schritte in die zurückgewonnene Freiheit dem Chef der pro-iranischen Organisation, Scheich Hassan Nasrallah. Im Freudentaumel gingen Radikale noch einen Schritt weiter: "Hisbollah, komm, komm. Zeige ihnen, wie man Soldaten kidnappt", riefen Angehörige und Demonstranten, die am Übergang Eres auf eine Gruppe von 32 freigelassenen Palästinensern zuliefen. Für sie ist die Verschleppung israelischer Soldaten Ursache des Erfolgs in dem Gefangenenaustausch.

Hisbollah mit gestärktem Image

Ob das von Deutschland vermittelte Abkommen zu einer Versöhnung beitragen kann oder die Fürsprecher einer Politik von Gewalt, Entführung und Anschlägen stärkt, darüber grübelten am Donnerstag deshalb nicht nur Israelis. Auch palästinensische Beobachter fragten sich, welche Bedeutung das gestärkte Image der Hisbollah im Nahost-Konflikt hat und welche Ziele Nasrallah verfolgt. Seit dem Abzug Israels aus dem Südlibanon im Mai 2000 und mit der Freilassung von Gefangenen steht die Miliz vor einem Überdenken ihres Kurses.

Milizführung will "politischer" werden

In einem nach dem Irak-Krieg veränderten regionalen Umfeld könne die Hisbollah (Partei Gottes) bestrebt sein, eine mittelfristig drohende Niederlage in einen Sieg zu verwandeln, erklärten am Donnerstag arabische Beobachter in Beirut. Unter internationalem Druck hätten mehrere Staaten der Region - auch Syrien und Iran - Kurskorrekturen in Richtung Verhandlungen vollzogen. Hisbollah fürchte, den Zug zu verpassen, wenn die Führung der Miliz nicht bald ins politische Geschäft komme. Nasrallah, der jüngst schon als "Held der Araber" bezeichnet wurde, hat bei dem vom deutschen Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau vermittelten Abkommen eine wesentliche Rolle gespielt. In Berlin wurde darauf hingewiesen, dass Teile der Hisbollah die politische Rolle der Milizen stärken wollten. Der Gefangenenaustausch dürfte ihre "Strahlkraft als politische Bewegung erhöhen." Doch wofür steht die Miliz nach dem Gefangenenaustausch?

"Der militante Weg funktioniert"

"Es zeigt, dass der militante Weg funktioniert", fasst Halida Jarar, der die Familien von gefangenen Palästinensern im Westjordanland betreut, eine verbreitete Auffassung unter Palästinensern zusammen. "Das ist der Beweis, dass die Methode der Hisbollah erfolgreicher ist, als Verhandlungen", sagt sie. In Israel, wo erst am Donnerstag unweit des Amtssitzes von Regierungschef Ariel Scharon ein Selbstmordattentäter zehn menschen tötete, sind die Meinungen über den Austausch gespalten. "Es stört einige der Streitlustigen unter uns, dass Nasrallah seinen Sieg feiert", schrieb der israelische Autor Sami Michael in einem Kommentar. "In Wahrheit feiern weder Scharon noch Nasrallah einen Sieg. Das heute verwirklichte Geschäft zeigt Zeichen der Schwäche von all dem, für das die beiden stehen."

Nach sieben Stunden war alles vorbei

Insgesamt war der von Deutschland vermittelte Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollahtrotz eines neuen Selbstmordanschlags in Jerusalem erfolgreich: Auf dem Flughafen Köln-Bonn wurden am Donnerstag 29 bis dahin in Israel einsitzende Häftlinge freigelassen, darunter der Deutsche Steven Smyrek. Im Austausch dafür erhielt Israel die sterblichen Überreste dreier Soldaten sowie den vor drei Jahren als Geisel genommenen Geschäftsmann Elhanan Tannenbaum. Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau und BND-Chef August Hanning begleiteten den Austausch bis zum Schluss, wie es in Berliner Regierungskreisen hieß.

Geheimdienstchefs begleiten Gefangenenaustausch

Hanning flog danach mit der Bundeswehrmaschine nach Beirut, in der die meisten der freigelassenen Araber, unter ihnen die Hisbollah-Führer Mustafa Dirani und Scheich Abdul Karim Obeid, sowie der als Helfer der Hisbollah verurteilte Smyrek waren. Der Austausch, der etwa sieben Stunden dauerte, fand unter strikter Abschirmung des Flugfeldes bei Köln statt. In Israel wurden nach dem erfolgreichen Start bei Köln 400 palästinensische Gefangene direkt in ihre Heimat überstellt. Außerdem übergab Israel an seiner Nordgrenze die sterblichen Überreste von 59 libanesischen Kämpfern an Libanon.

Auch Rotes Kreuz als Begleiter

Mitarbeiter vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), darunter ein Arzt, begleiteten die Gefangenen auf ihrem Weg nach Deutschland. Mit allen Häftlingen seien in den vergangenen Tagen Einzelgespräche geführt worden, ob sie mit dem Austausch und den Bedingungen einverstanden seien, sagte IKRK-Sprecher Florian Westphal in Genf. Das Rote Kreuz überwache auch die Freilassung der rund 400 Gefangenen an der israelisch-palästinensischen Grenze. Darüber hinaus wollte Israel die sterblichen Überreste von 60 getöteten libanesischen Kämpfern freigeben. Das IKRK wollte die Toten am Freitag den Familien übergeben.

Bundesamt rechnet mit mehreren Asylgesuchen

Das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge rechnet nun mit Asylgesuchen mehrerer Freigelassener. "Wir gehen davon aus, dass insgesamt drei bis vier Asylanträge an uns gerichtet werden", sagte Behördensprecherin Marlene Kerpal am Donnerstag in Nürnberg. Dies gehe aus Informationen hervor, die dem Bundesamt durch andere öffentliche Stellen übermittelt worden seien. Das Bundespresseamt und der Bundesgrenzschutz wollten sich nicht dazu äußern. Unter den drei bis vier Personen sei auch ein syrischer Kurde, der am Donnerstag bereits ein schriftliches Gesuch über einen Anwalt gestellt habe. Dem Gesuch müsse ein persönlich gestellter Antrag folgen. Nähere Informationen über die Personen lägen dem Bundesamt nicht vor. Der Syrer war nach Angaben von Kurden, die ihn am Flughafen erwarteten, aus der syrischen Armee desertiert und nach Israel geflohen, wo er als mutmaßlicher Spion inhaftiert wurde.

mit Agenturen / DPA