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Newsticker-Nachlese: Aufstand in Ägypten Nach Tag der Gewalt gilt der Ausnahmezustand


In Kairo hat die Räumung zweier Protestcamps der Muslimbrüder Unruhen ausgelöst. Es gab viele Tote und Verletzte. In weiten Teilen des Landes gilt der Notstand. Rückschau auf die Ereignisse des Tages.

+++ 18.53 Uhr: Mursi-Anhänger verlassen letztes Protestlager +++

Hunderte von Anhängern des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi haben das Protestlager der Islamisten vor der Rabea-al-Adawija-Moschee in Kairo verlassen. Polizeibeamte sagen, fast alle Teilnehmer der Protestaktion, die bis zuletzt Widerstand geleistet hatten, seien inzwischen abgezogen. Unter den abziehenden Demonstranten sind auch einige verschleierte Frauen. Das Protestlager der Mursi-Anhänger auf dem Al-Nahdha-Platz im Bezirk Giza hatte die Polizei am Vormittag bereits nach drei Stunden geräumt.

+++ 18.05 Uhr: Offizielle Opferzahl steigt auf 149 +++

Nach jüngsten offiziellen Zahlen sind bei den Ausschreitungen landesweit 149 Menschen getötet worden. Bis zum Abend zählen Sanitäter und Krankenhausärzte zudem 1403 Verletzte, wie die staatlichen Medien unter Berufung auf die Gesundheitsbehörden melden. Die meisten Opfer gab es demnach nicht in den von der Polizei geräumten Protestlagern in Kairo. Laut Gesundheitsministerium wurden im Zeltlager im Stadtteil Nasr-City 36 Menschen getötet, im Protestlager im Bezirk Giza waren es den Angaben zufolge 12 Menschen.

+++ 17.54 Uhr: Vizepräsident ElBaradei tritt zurück +++

Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei tritt nach den schweren Ausschreitungen zurück. "Ich habe meinen Rücktritt eingereicht, weil ich nicht die Verantwortung für Entscheidungen, mit denen ich nicht einverstanden bin, tragen kann", sagte er nach Angaben des Nachrichtensenders Al-Arabija.

+++ 17.46 Uhr: Islamisten greifen Polizeistation an +++

Sympathisanten der Muslimbruderschaft haben eine Polizeiwache in der Provinz Beni Sueif eingenommen, heißt es aus dem Innenministerium in Kairo. Den Angaben zufolge wurde bei dem Sturm auf das Gebäude am Al-Ibrahimija-Kanal südlich von Kairo ein Polizist getötet. Die Angreifer hätten Waffen und mehrere Fahrzeuge in ihrem Besitz gebracht.

+++ 17.40 Uhr: USA üben scharfe Kritik am Militär +++

Die USA verurteilen den Einsatz von Gewalt gegen Demonstranten und die Verhängung des Notstands auf das schärfste. "Wir haben das ägyptische Militär und die Sicherheitskräfte mehrfach dazu aufgefordert, sich zurückzuhalten und die Rechte seiner Bürger zu achten", sagt der Vizesprecher des Weißen Hauses. Die andauernde Gewalt werde den Weg zu einer stabilen Demokratie nur erschweren.

+++ 17.03 Uhr: Regierung verhängt Ausgangssperre +++

Die Regierung verhängt eine nächtliche Ausgangssperre in Kairo und zehn der 27 anderen Provinzen. Demnach darf sich in Kairo, Gizeh, Alexandria, Beni Sueif, Menja, Assiut, Sohag, Beheira, Nord-Sinai, Süd-Sinai und Suez zwischen 19 Uhr und 6 Uhr niemand auf den Straßen bewegen. Wer sich der Anordnung widersetze, werde mit Gefängnis bestraft.

+++ 16.35 Uhr: Niebel fürchtet Flächenbrand +++

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel bereitet die Eskalation "allergrößte Sorge". Er befürchte einen gesellschaftlichen Flächenbrand im arabischen Raum, sagt der FDP-Politiker zu "Welt Online": "Ägypten ist ein Schlüsselland für die Region - der Arabische Frühling darf hier nicht scheitern, sonst hätte das unabsehbare Folgen weit über das Land hinaus." Alle Seiten müssten die Gewalt dringend einstellen.

+++ 16.31 Uhr: Verwirrung um führenden Muslimbruder +++

Der Islamist Mohammed al-Beltagi befindet sich offenbar doch noch auf freiem Fuß. Nachdem gegen Mittag gemeldet wurde, ein DPA-Reporter habe die Festnahme des führenden Mitgliedes der Muslimbrüderschaft im Stadtteil Nasr-City beobachtet, heißt es jetzt: Bei dem Festgenommenen handele es sich nicht um al-Beltagi, die Beobachtung und eine entsprechende Annahme der Polizei seien falsch gewesen. Beltagi hatte zu den Organisatoren der Proteste gehört.

+++ 16.05 Uhr: Ban verurteilt Gewalt "auf das Schärfste" +++

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Gewalt in Ägypten "auf das Schärfste" verurteilt. Er habe erst vor Kurzem seinen Aufruf an alle Seiten zur Mäßigung bekräftigt, heißt es in einer Erklärung. Er bedauere es, "dass die ägyptischen Stellen stattdessen Gewalt als Reaktion auf andauernde Demonstrationen gewählt haben". Die große Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung wolle, dass sich ihr Land friedlich in Richtung Demokratie und Wohlstand bewege.

+++ 15.58 Uhr: Ministerium meldet 95 Todesopfer +++

Neue Angaben des Gesundheitsministeriums zu den Opfern der Gewalt: Nach Angaben der Behörde wurden landesweit mindestens 95 Menschen getötet und 874 verletzt.

+++ 15.50 Uhr: Präsident ruft Notstand aus +++

Übergangspräsident Adli Mansur erklärt wegen der Unruhen den nationalen Notstand. Der Ausnahmezustand solle um 16 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit beginnen und einen Monat dauern, hieß es in einer im Fernsehen verbreiteten Erklärung des Präsidenten. Die Armee wurde aufgefordert, das Innenministerium bei der Wiederherstellung der Sicherheit zu unterstützen.

+++ 15.36 Uhr: Börse und Banken bleiben geschlossen +++

Die Börse von Kairo soll wegen der anhaltenden Gewalt am Donnerstag geschlossen bleiben. Auch Banken würden ihre Pforten nicht öffnen, hieß es vonseiten der Börse und der Zentralbank. Der Aktienleitindex des Landes verlor am Mittwoch 1,7 Prozent, nachdem er zuletzt deutlich zugelegt hatte. Viele Investoren in Ägypten hoffen auf stabile Verhältnisse und den Beginn einer wirtschaftlichen Erholung unter der vom Militär gestützten Übergangsregierung. Seit dem Sturz von Mursi Anfang Juli hat die Kairoer Börse deshalb rund 20 Prozent gewonnen. In der kommenden Woche soll die Börse ihren Betrieb wieder aufnehmen.

+++ 15.07 Uhr: Mehrere Journalisten unter den Opfern +++

Unter den Opfern der Zusammenstöße sind auch mehrere Journalisten: Der Sky-News-Kameramann Mick Deane wurde nach Angaben des britischen Nachrichtensenders erschossen, als er in Kairo im Einsatz war. Der 61 Jahre alte Vater zweier Kinder habe 15 Jahre für Sky News gearbeitet, unter anderem in Washington und Jerusalem. Die anderen Mitglieder des Korrespondententeams seien unverletzt.

Die staatliche Zeitung "Gulf News" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten meldet den Tod der 26-jährigen Reporterin Habiba Ahmed Abd Elasis, die für das Schwesterblatt "Xpress" gearbeitet habe. Die Journalistin sei auf Heimaturlaub in Ägypten gewesen und habe keine Arbeitsauftrag gehabt. Sie sei auf dem Rabaab-al-Adawija-Platz in Kairo erschossen worden.

Die für die Nachrichtenagentur Reuters arbeitende Fotografin Asmaa Waguih erlitt eine Schussverletzung am Fuß.

+++ 15.15 Uhr: Twitterfotos sollen Gewaltakte belegen +++

Sowohl Mursi-Anhänger als auch Unterstützer der Regierung veröffentlichen auf Twitter zahlreiche Fotos als Belege für die Agression der Gegenseite. Die Echtheit der Bilder ist aber nicht belegt.

Dieses Bild soll Sicherheitskräfte zeigen, die einen unbewaffneten Muslimbruder angreifen.

Hier wird angeblich ein Polizeifahrzeug von Demonstranten von einer Brücke gestoßen.

+++ 14.35 Uhr: AFP-Reporter zählt 124 Tote +++

In drei improvisierten Leichenhallen auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz hat ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP nach eigenen Angaben 124 Tote gezählt. Über weitere mögliche Opfer an einem anderen Platz in Kairo, der von den Regierungsgegnern besetzt gehalten worden war, sowie bei Ausschreitungen in anderen Landesteilen liegen weiterhin keine überprüfbaren Angaben vor.

+++ 14.14 Uhr: Auswärtiges Amt aktualisiert Reisewarnung +++

Das Auswärtige Amt hat seine Teilreisewarnung für Ägypten aktualisiert. Es sei "weiterhin mit Demonstrationen und Einsätzen der Sicherheitskräfte zu rechnen, die auch einen gewalttätigen Verlauf nehmen können", schreibt das Ministerium. Die Lage bleibe "im Moment sehr unübersichtlich". Weiterhin werde "nachdrücklich empfohlen", im Zusammenhang mit Großdemonstrationen "besondere Vorsicht walten zu lassen". In der Hauptstadt Kairo sollten insbesondere die Innenstadt, das Gebiet um die Universität sowie die Viertel Heliopolis und Nasr City "weiträumig" gemieden werden. "In den Nachmittags- und Abendstunden sollten Fahrten in den größeren Städten soweit wie möglich vermieden werden." Reisenden in Ägypten werde "dringend empfohlen, Menschenansammlungen und Demonstrationen grundsätzlich weiträumig zu meiden und die Medienberichterstattung sehr aufmerksam und regelmäßig zu verfolgen".

+++ 13.57 Uhr: Tote bei Unruhen in al Fayoum +++

+++ 13.51 Uhr: Berichte über weitere Tote +++

Nach wie vor ist vollkommen unklar, wieviele Opfer es bei den Ausschreitungen in Kairo gegeben hat. Eine Aktivistin sprach im arbaischen Nachrichtsender Al Jazeera von 1000 Toten, darunter auch Frauen und Kinder. Beobachter, die in der Stadt unterwegs sind, haben dafür bisher keinerlei Anhaltspunkte gefunden. Allerdings sollen die Tochter und der Schwiegersohn des Chef-Strategen der Muslimbruderschaft, Khairat al-Shater, getötet worden sein.

+++ 13.45 Uhr: Katar und Iran verurteilen Ereignisse +++

Die Regierungen von Katar und des Iran haben die Räumung der Pro-Mursi-Camps in Kairo und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte - ebenso wie die türkische Regierung - scharf verurteilt. Die EU hat dazu aufgerufen, in Ägypten zum Dialog zurückzukehren.

+++ 13.43 Uhr: Festnahme von Beltagi bestätigt +++

Die ägyptischen Sicherheitskräfte haben die Festnahme des Muslimbrüder-Führers Mohammed al-Beltagi offiziell bestätigt.

+++ 13.36 Uhr: Erdogan ruft UN-Sicherheitsrat an +++

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und die Arabische Liga aufgefordert, das "Massaker" in Ägypten zu stoppen. Zuvor hatten Mitglieder der türkischen Regierung die Ereignisse in Ägypten in deutlichen Worten verurteilt.

+++ 13.29 Uhr: Vermisster Polizist wird gesucht +++

Die Polizei durchkämmt ein Viertel in Nasr-City, um nach einem vermissten Polizisten zu suchen. Ein Polizeisprecher sagte, der Mann sei bei der Räumung des Protestlagers offenbar verschleppt worden.

+++ 13.23 Uhr: "Hört auf die Stimme der Vernunft"

Trotz Berichten über zahlreiche Tote bei der Räumung der Pro-Mursi-Camps in Kairo hat die ägyptische Regierung die Sicherheitskräfte für ihre "Zurückhaltung" gelobt. Die Anhänger des abgesetzten Präsidenten rief sie zugleich auf, "auf die Stimme der Vernunft zu hören" und nicht den Führern der Muslimbrüder zu folgen, die ständig zur Gewalt aufriefen. Diese seien für das Blutvergießen und die Gewalt voll verantwortlich, so die Regierung in einer Erklärung. Nun werde ein von der Armee gestützter Übergangsplan verwirklicht, von der "keine Partei ausgeschlossen" werde.

+++ 13.15 Uhr: Unklare Lage in Kairo +++

Die Lage in der ägyptischen Hauptstadt ist zur Stunde unklar. Allem Anschein nach, gibt es derzeit keine größeren Ausschreitungen. Vor allem in Nasr City hat sich eine größere Menschenmenge versammelt, die eher verunsichert als aggressiv wirkt. Auch in Giza herrscht Ruhe. Eine Reporterin in Kairo twittert, dass es immer noch Schüsse in Kairo gebe.

+++ 13.05 Uhr: Aufräumen im Protestcamp +++

Ägyptens Armee beseitigt die Reste der Pro-Mursi-Camps.

+++ 12.48 Uhr: Führender Muslimbruder angeblich inhaftiert +++

Die ägyptische Polizei hat bei der gewaltsamen Räumung eines Protestlagers ein führendes Mitglied der Muslimbruderschaft festgenommen. Der Islamist Mohammed al Beltagi wurde von der Polizei aus einem Gebäude in der Nähe der Rabea-al-Adawija-Moschee im Stadtteil Nasr-City geholt. Er gilt als einer der Organisatoren der Pro-Mursi-Proteste. Beltagis Sohn hat den Darstellung allerdings widersprochen.

+++ 12.47 Uhr: Ausschreitungen in Assuan und Alexandria +++

Fernsehbilder und Augenzeugenberichte belegen, dass sich auch in den Städten Assuan und Alexandria Islamisten und Sicherheitskräfte gegenüber stehen.

+++ 12.43 Uhr: Reporter zählt 94 Tote +++

Ein Reporter des Nachrichtensenders al Jazeera berichtet, er habe 94 Tote im Lazarett nahe dem geräumten Protestcam an der Rabaa al Adawiyeh-Moschee gezählt.

+++ 12.38 Uhr: EU ruft zur Besinnung auf +++

Die Europäische Union hat die ägyptischen Behörden zu Zurückhaltung gegenüber den Muslimbrüdern aufgerufen. Die Berichte über Tote und Verletzte seien sehr besorgniserregend. "Wir weisen nochmals darauf hin, dass Gewalt nicht zu einer Lösung führen wird", sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton.

+++ 12.12 Uhr: Berichte von weiteren Schusswechseln +++

Die Protestcamps der Mursi-Anhänger sind offenbar zwar zu großen Teilen, aber noch nicht vollständig geräumt. Das Lager an der Rabea-al-Adawija-Moschee wird am Mittag nach Beobachtungen eines DPA-Reporters weiterhin mit gepanzerten Fahrzeugen attackiert. Auch Schusswechseln sind weiterhin in der Umgebung der Moschee zu hören.

+++ 12.05 Uhr: Türkische Regierung: "Offener Mord" +++

Regierung und Opposition in der Türkei haben das Vorgehen der ägyptischen Sicherheitskräfte scharf verurteilt. Kulturminister Ömer Celik spricht auf Twitter von "offenem Mord".

+++ 11.36 Uhr: Proteste richten sich gegen Christen +++

In Oberägypten haben radiakle Islamisten drei Kirchen attackiert. Das berichten christliche Aktivisten in Kairo. Es handle sich um einen "Rachefeldzug gegen koptische Christen", schreibt die Organisation Maspero Jugendunion auf Facebook.

+++ 11.35 Uhr: Proteste gegen die Polizeigewalt +++

Auch Touristenorte sind diesmal von den Unruhen betroffen. In Luxor gingen Hunderte auf die Straße, um gegen das Vorgehen der Polizei zu protestieren. Ein Polizeiwagen wurde zerstört, ein Polizist verletzt. In Assuan stürmten Islamisten ein Verwaltungsgebäude. Nach Angaben von Augenzeugen griff die Polizei nicht ein.

+++ 11.10 Uhr: Zugverkehr eingestellt +++

Das Innenministerium hat die Einstellung des Zugverkehrs von und nach Kairo angeordnet, offensichtlich um die Bewegungsfreiheit von Protestgruppen einzuschränken. Damit ist der Zugverkehr im Lande weitgehend zum Erliegen gekommen. Auch die Zufahrtsstraßen zum Flughafen wurden abgesperrt. Zudem sollen die Banken im gesamten Land geschlossen sein.

mad/dho/DPA/AFP/Reuters DPA Reuters

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