Nordirak Nur Schnee kann den Krieg verhindern


Die Stimmung in der Türkei ist aufgeheizt, die Situation an der Grenze zum Nordirak gespannt. Türkische Soldaten sollen dort den Terror der kurdischen PKK stoppen. Die letzte friedliche Region des Landes droht zur Kampfzone zu werden.
Von Christoph Reuter

Die Gebirgszüge des Nordirak sind eine Landschaft wie aus einem Hirtenlied. Lichte Eichenwälder, Almwiesen, dramatische Schluchten, Bäche, verstreute Dörfer. Aber schon in diesem Frühsommer, als der letzte Schnee noch die Bergkämme bedeckte, lag eine seltsame Stimmung über dem Land. Wo immer man hinkam, vom Gebirgsort Amedi im Westen bis zur Stadt Rawandoz im Osten: Überall war der Weg in die Gipfelregion versperrt. Da gehe es nicht weiter, sagten die normalerweise entspannten kurdischen Soldaten. In der zerklüfteten Gipfelregion säßen "die anderen" Kurden. Die Kämpfer der PKK, der "kurdischen Arbeiterpartei" - in der Türkei gegründet, seit mehr als 20 Jahren im endlosen Krieg mit der türkischen Armee. Ein Hirte zeigte auf schwarze Fußspuren im Schnee einer Passhöhe, "da oben sieht man sie manchmal. Wir haben nichts mit denen zu tun, die kommen nie herunter in unsere Dörfer, und wir hoffen, dass das so bleibt!"

Wie eine Geisterarmee haben sich die unter den irakischen Kurden respektierten wie gefürchteten Guerilleros der PKK über Hunderte von Kilometern entlang der Grenze zur Türkei und zum Iran verschanzt. Vielleicht 3.500, vielleicht doppelt so viele, Männer wie Frauen, militärisch ausgebildet und kampferprobt. Geduldet von den irakischen Kurden, den US-Truppen im Irak, lange auch von der türkischen Armee. Die wollte zwar PKK-Stellungen angreifen, wurde aber von der Regierung Tayyib Erdogans zurückgehalten. Das ist vorbei. Am vergangenen Wochenende töteten PKK-Kämpfer im Südosten der Türkei mindestens zwölf Soldaten, als sie einen Armeekonvoi angriffen und eine Brücke sprengten. 17 Zivilisten auf dem Weg zu einer Hochzeit wurden verletzt, als eine Mine am Straßenrand explodierte. Die PKK gab an, zehn türkische Soldaten als Geiseln genommen zu haben, die türkische Armee tötete nach eigenen Angaben mehr als 30 Kurden und bombardierte Dörfer auf der irakischen Seite der Grenze. Schon Tage zuvor hatte der türkische Regierungschef Erdogan die Armee ermächtigt, im Irak einzumarschieren, und das Parlament bestätigte die Entscheidung. "Wir haben Pläne, die Grenze zu überqueren", so Verteidigungsminister Vecdi Gönül. 60.000 Soldaten sind zu dem Zweck zusammengezogen worden.

Seit über einem Jahr laufen Kriegsvorbereitungen gegen den Iran

Die letzte friedliche Region des Irak droht abzurutschen in einen Krieg, den keine der großen Mächte will - aber an dem jede ihren Anteil hat. Denn in der "Autonomen Region Kurdistan", die offiziell Teil des Irak ist, aber de facto wie ein unabhängiger Staat agiert, tragen nicht nur Kurden und Türken ihre Konflikte aus. Sondern auch die USA und der Iran. Schon im ersten Golf-Krieg 1991 konnten die nordirakischen Kurden eine weitreichende Unabhängigkeit von Saddams Regime in Bagdad erkämpfen. Als einzige irakische Verbündete der USA standen sie 2003 auf der Seite der Sieger und haben es seither vermocht, ihre Region aus dem Bürgerkrieg im Rest des Landes herauszuhalten. Kurdische Hilfstruppen der US-Armee in Bagdad haben bei der dortigen Bevölkerung einen guten Ruf, gelten bei Schiiten wie Sunniten als neutral. Der Kurde Dschalal Talabani ist irakischer Präsident. Doch mit der kurdischen Erfolgsgeschichte ist gleichzeitig ein Konflikt gewachsen, den Washington weder vorausgesehen hat noch lösen kann: Für das machtvolle türkische Militär stellen Kurden eine Bedrohung dar. Seit 1984 hat die PKK Krieg geführt, erst für ein unabhängiges Kurdistan, dann für Autonomie, aber auch für die eigene Macht gegenüber anderen kurdischen Parteien, die eine friedliche Lösung wollen. Seit 2005 hat die PKK die Zahl ihrer Angriffe auf Ziele in der Türkei wieder massiv gesteigert.

Ein unabhängiges, dank der Ölvorkommen reiches Kurdistan auf irakischer Seite wäre kaum erträglich für die türkischen Hardliner. Dass die kurdische Regionalregierung im Nordirak sich mittels eines Referendums die ölreiche Provinz Kirkuk einverleiben möchte, hat das Verhältnis weiter verschlechtert. Washington steckt im Dilemma: Die Türkei ist Nato-Partner, stellt die zweitgrößte Armee innerhalb des Bündnisses. Und die US-Armee im Irak bezieht 70 Prozent ihres Materialnachschubs sowie 30 Prozent des Treibstoffes für den Krieg über die Türkei. Ankara verlangt seit Jahren, die USA sollten der PKK Einhalt gebieten. Die nordirakischen Kurden, Amerikas einzige Verbündete im Land, haben bislang kein Interesse daran gehabt, sich mit ihren Brüdern von der PKK anzulegen. Denn die sichert ihre Grenzen in zwei Richtungen: zum einen gegen die türkische Armee, zum anderen gegen das Einsickern islamistischer Terroristen, die bis März 2003 unter dem Namen "Ansar al-Islam" einen Al-Qaeda-Außenposten unterhielten. Bushs Regierung kann es sich weder mit Ankara noch mit den irakischen Kurden verderben, denn sie ist auf beide angewiesen. Überdies aber betreibt sie noch ein riskantes Doppelspiel: Da sie offensichtlich den Irak-Feldzug nicht als Sackgasse sieht, sondern eher als den richtigen Weg, der nur noch nicht weit genug beschritten wurde, laufen seit über einem Jahr Kriegsvorbereitungen gegen den Iran.

Treffen mit US-Offizieren

Wie 2002 gegen den Irak werden wechselnde Gründe vorgetragen: Irans Nuklearprogramm, seine Unterstützung der Aufständischen im Irak, Anschläge gegen US-Soldaten. Darüber hinaus scheint bereits ein klandestiner Kleinkrieg gegen den Iran im Gange - mithilfe der PKK. Deren Arm für den kurdischen Befreiungskampf im Iran, PJAK, attackiert seit Anfang 2007 heftig iranische Soldaten, legt Minen, brüstete sich im Februar und im August dieses Jahres mit dem Abschuss je eines iranischen Militärhubschraubers. Ihre Kämpfer haben gegenüber Journalisten stolz erzählt, dass hohe US-Offiziere regelmäßig zu Treffen in die Berge kämen. Moderne M16-Gewehre seien geliefert worden. Freiwillige aus anderen Teilen des Irak dürften ungehindert zu ihnen stoßen. Im Gegenzug hat die iranische Armee wiederholt Dörfer und PJAK-Stellungen auf irakischem Territorium bombardiert. Es scheint, als stehe der so lange Zeit ruhige Nordirak unmittelbar vor der Katastrophe. Der Generalstab in Ankara dringt seit Monaten auf den Marschbefehl, dem sich Premier Erdogan lange Zeit widersetzt hatte.

Türkische Einheiten sind schon mehr als 20-mal in den vergangenen Jahrzehnten in den Nordirak einmarschiert, aber nie haben sie die PKK vernichtend schlagen können. Die Gefahr ist groß, dass sie diesmal zwar in den Irak hinein-, aber nicht siegreich wieder herauskommen. Kurdistans Regionalpräsident Massud Barsani hat eine Erklärung verlesen lassen, dass "die Türkei die Existenz Kurdistans aus der Geschichte löschen will. Das ist ihr Ziel". Gegen eine türkische Besatzung würden alle Kurden Widerstand leisten, so Barsani. Damit wäre auch der wirtschaftliche Aufschwung des Nordirak am Ende, an dem zuvorderst türkische Firmen, darunter auch die Wirtschaftsholding des türkischen Militärs, verdient haben. Weder die Türkei noch die USA, noch die irakischen Kurden würden gewinnen bei diesem Krieg. Wenn überhaupt jemand profitiert, dann am ehesten jene Guerillatruppe, die doch eigentlich bekämpft werden soll und jählings in den Mittelpunkt der Weltpolitik geraten ist: die PKK. Schon sind Hunderte christlicher Flüchtlinge aus Bagdad, die sich in den vergangenen Jahren im ruhigen Norden angesiedelt haben, dabei, ein zweites Mal zu fliehen. Denn die Bombardements der türkischen Armee, die der PKK gelten, treffen jeden, der in Grenznähe lebt. Was den Krieg aufhalten werde, meinte vergangene Woche ein alter kurdischer Kämpfer, sei nicht die Vernunft, sondern der Schnee. Der liege in wenigen Wochen meterhoch in den Bergen, und im Winter habe hier noch nie jemand Krieg geführt.

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