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Nach vier Jahrzehnten: Wie eine Zwangsehe in Nordkorea einen US-Amerikaner zum freien Mann machte

Fast vier Jahrzehnte wurde US-Deserteur Charles Jenkins in Nordkorea festgehalten. Dass er ein freier Mann wurde, verdankt er seiner Ehefrau - nach einer Zwangsheirat. Eine Geschichte zwischen Liebe, Hoffnung, Angst und Weltpolitik.

Charles Jenkins und seine Ehefrau Hitomi Soga 2004 in Tokio, nach fast vierzig Jahren in Nordkorea

Charles Jenkins und seine Ehefrau Hitomi Soga 2004 in Tokio, nach fast vierzig Jahren in Nordkorea

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Schreckensnachrichten aus Nordkorea: Folter, Vergewaltigungen, Hinrichtungen sind in dem stalinistischen Regime offenbar alltäglich, auch Zwangsehen gehören zum Unterdrückungs-Repertoire der Kim-Diktatur. In einem Fall, über den unter anderem die britische BBC berichtete, half eine solche Ehe einem US-Amerikaner jedoch, nach Jahrzehnten ein freier Mann zu werden.

Los geht die ungewöhnliche, dunkle, hoffnungsvolle Geschichte von Charles Jenkins in einer Januarnacht im Jahr 1965. Der damals 24-Jährige diente der US-Armee in Südkorea. Der Koreakrieg war rund zwölf Jahre vorbei, die Amerikaner waren inzwischen in Vietnam aktiv. Jenkins war mit seinen Kameraden dazu abkommandiert, die demilitarisierte Zone zwischen dem Norden und dem Süden der koreanischen Halbinsel zu bewachen, die Aufgabe deprimierte ihn. Dazu kam die Nachricht, dass seine Einheit nach Vietnam verlegt werden sollte, in den Krieg. Am frühen Morgen des 5. Januar verschwand Jenkins von seiner Gruppe – betrunken. Er überquerte die Grenze zum kommunistischen Norden, stellte sich dort der Armee. Seine Hoffnung: Asyl in der sowjetischen Botschaft beantragen, in die UdSSR überstellt werden und in einer der Gefangenenaustauschaktionen des Kalten Krieges zurück in die gelangen.

Jenkins wurde Spielball der Weltpolitik

Die Hoffnung erfüllte sich nicht, Jenkins wurde zum Spielball der Weltpolitik, vier Jahrzehnte lang. Später wird er schreiben: "Ich wusste nicht, dass das Land, in dem ich Zuflucht suchte, buchstäblich ein riesiges, wahnsinniges Gefängnis war." Seine erste Zelle in diesem Gefängnis war ein spartanisches Zimmer, in dem er mit drei anderen desertierten GIs vom Regime festgehalten wurde. Ihr Programm: die Lehren des damaligen Führers auswendig lernen. Zehn Stunden tägliche Gehirnwäsche, Schläge.

1972 ein Wendepunkt: Der US-Deserteur kam frei, zumindest ein bisschen. Er erhielt ein eigenes Zuhause – in Nordkorea. Und anstatt ausgeliefert zu werden, in die Sowjetunion, in die USA oder sonstwohin, erklärte Pjöngjang ihn zum Bürger . Überwachung, Schläge und Folter gab es weiterhin. Und neue Befehle, die Jenkins zu befolgen hatte: Er erteilte an nordkoreanischen Militärakademie Englisch-Unterricht und er musste in einer Propaganda-Filmreihe mitspielen, als böser Amerikaner.

Ein weiterer Befehl war überraschend: Jenkins wurde einer Frau zugeführt und sollte sie heiraten. Für ihn war klar: Es ging um ein Programm zur "Züchtung von Spionen". Westlich aussehende sollten später als nordkoreanische Agenten ins Ausland geschickt werden.

Hitomi Soga, zierlich, schwarze Haare, asiatisches Aussehen, wurde die neue Frau an Jenkins Seite. 1980 heirateten die Beiden - war es Liebe? Jenkins wird dem Sender CBS später einmal sagen: "Ich habe sie einmal angesehen und sie nicht gehen lassen."

Die zumindest am Anfang größte Gemeinsamkeit des Paares war der leidenschaftliche Hass auf Nordkorea. Denn wie sich herausstellte, war auch Soga keine Nordkoreanerin. Die damals 19-jährige Krankenschwester wurde gemeinsam mit ihrer Mutter 1978 vom kommunistischen Regime aus Japan entführt – eine weitere düstere Aktion der Diktatur. Auch sie musste als Lehrerin arbeiten und nordkoreanischen Spionen die japanische Sprache beibringen.

Kleines Glück im fremden Land

1980 die Heirat, das Paar zog zwei Töchter groß: Mika und Brinda. Kleines Glück im fremden Land. Vor 15 Jahren, 2002, nahm das Leben der Familie eine weitere Wendung: Kim Jong-il war seit acht Jahren an der Macht in Nordkorea. Und er gab das zu, was bis dahin nur vermutet wurde: Sein Land habe in den vergangenen Jahrzehnten 13 japanische Staatsbürger entführt, acht seien gestorben, behauptete er. Und er versprach nach Gesprächen mit der japanischen Regierung: Die Überlebenden dürften nach Japan zurückkehren, für einen zehntägigen Besuch. Auch Hitomi Soga machte sich auf, kehrte in ihre Heimat zurück – ohne ihren Ehemann. Die Rückkehrer wurden dort wie Helden empfangen – und sie blieben in Japan.

Nun saß Charles Jenkins in der Zwickmühle: Zwar verhandelte die japanische Regierung mit Pjöngjang über einen Nachzug, aber es war klar: Würde er mit seinen Töchtern irgendwie zu seiner Frau in Japan nachkommen, würden die Verhaftung und die Auslieferung in die USA folgen – und damit ein jahrelanger Gefängnisaufenthalt für den Deserteur, mindestens. Zwei Jahre hielt er es aus, dann setzte er einen Entschluss in die Tat um: Er floh mit den Kindern nach Indonesien. Das Land hatte kein Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten.

Noch im gleichen Jahr reisten sie nach Japan weiter. Um seine Familie zu vereinigen, riskierte er die Haftstrafe. Die Regierung in Tokio hatte dem damals 64-Jährigen Schutz zugesagt, sie beantragte dessen Begnadigung bei der US-Regierung, erfolglos. Bei der Ankunft gab es Tränen, Küsse, herzzerreißende Szenen des Wiedersehens.

Kurze Zeit später, am 11. September 2004, fuhr Jenkins am Camp Zama vor, einem US-Militärstützpunkt am Rande der japanischen Hauptstadt. Elegant, in einem grauen Anzug wurde er bei der Militärpolizei vorstellig: "Sir, ich bin Sergeant Jenkins und ich melde mich zurück!"

39 Jahre des Lebens in Nordkorea verloren

Vor dem Militärgericht bekannte sich der Deserteur der Fahnenflucht schuldig. Die eher symbolische Strafe lautete auf gerade einmal 30 Tage Arrest. Nach 25 Tagen, am 27. November 2004, wurde Charles Jenkins wegen guter Führung bereits entlassen. Es wird angenommen, dass er im Gegenzug seine hervorragenden Kenntnisse über Nordkorea mit den US-Behörden teilte.

"Ich habe einen riesigen Fehler gemacht, aber ich konnte meine Töchter aus der Sache raushalten. Das war die eine Sache, die ich richtig gemacht habe", schluchzte Jenkins nach seiner Entlassung. Er war noch immer der Überzeugung, dass Nordkorea seine Kinder zu Kämpfern des Regimes ausbilden wollte.

Nach seiner Freilassung zog Charles Jenkins mit seine Frau Hitomi Soga und ihren Töchter Mika und Brinda auf die japanische Insel Sado. Er arbeitete fortan in einem Freizeitpark, seine Frau in einem Pflegheim. 

Jeden Abend küsste er seine Frau vor dem Schlafengehen drei Mal, so die BBC. Er sagte "Oyasumi", "Gute Nacht" in der Sprache seiner Frau, sie erwiderte "Good Night" in der Sprache seiner Kindheit. "Wir haben das getan, damit wir nie vergessen, wer wir wirklich waren und woher wir kamen", schrieb Jenkins in seinen Memoiren.

Als Gefangener Pjöngjangs hat Jenkins seinen Blinddarm, einen Hoden und 39 Jahre seines Lebens verloren. Dass er seinen Lebensabend als freier Mann verbringen konnte, wäre ohne Frage nicht ohne seine Frau Hitomi möglich gewesen.

Charles Robert Jenkins starb am 11. Dezember 2017. Er wurde 77 Jahre alt.

Wenn Sie mehr über Charles Jenkins erfahren möchten: Seine Lebensgeschichte hat der frühere US-Soldat 2009 in dem englischsprachigen Buch "Reluctant Communist: My Desertion, Court-Martial, and Forty-Year Imprisonment in North Korea" veröffentlicht.