Nordkorea Zwölf Jahre Hölle


Nordkoreas greiser Diktator Kim Jong Il will Stärke zeigen. Er schockt mit der Atombombe. Und hält als Faustpfand zwei US-Journalistinnen in Haft. Den Frauen droht Arbeitslager - und US-Präsident Barack Obama ein Nervenkrieg.
Von Giuseppe di Grazia und Janis Vougioukas

Der Schmerz kommt meist nachts. Michael Saldate liegt dann wach, schaut auf die Zeichnung, die ihm Hannah vor ein paar Tagen geschenkt hat. Früher malte seine vierjährige Tochter Bilder von sich und ihrer Mutter, ihren Vater zeichnete sie klein an den Rand. Auf dem neuen Bild ist Hannah allein mit dem Vater zu sehen.

Seit fast drei Monaten ist Hannahs Mutter Euna Lee aus dem Leben von Vater und Tochter verschwunden. Euna Lee, 36, wird in Nordkorea gefangen gehalten. Als sie an der Grenze zwischen China und Nordkorea eine Reportage drehte, wurde sie fest genommen - zusammen mit ihrer Kollegin Laura Ling, 32, vom kalifornischen Nachrichtensender Current TV. In der vergangenen Woche erging der Schuldspruch gegen die beiden Frauen wegen "schwerer Verbrechen gegen Nordkorea und illegalen Grenzübertritts". Strafe: zwölf Jahre "Zwangsarbeit zur Umerziehung".

Laura Ling und Euna Lee sind US-Staatsbürger. Lauras Eltern wanderten aus Taiwan nach Amerika ein, Eunas leben noch in Südkorea. Das harte Urteil gegen die beiden Frauen fällt in eine heikle Phase: Im Mai hatten nordkoreanische Militärs zum zweiten Mal einen Atomsprengsatz getestet; seither sind die Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea höchst angespannt. Nun hat der Weltsicherheitsrat die Sanktionen gegen das kommunistische Land verschärft, Nordkorea kündigte im Gegenzug weitere Raketentests an, drohte gar mit Krieg.

Ein politisches Pokerspiel

"Nordkorea wird Laura und Euna als Faustpfand bei den Verhandlungen mit den USA nutzen, um politische Zugeständnisse zu erpressen", sagt Jim Jordan. Er hat Laura Ling in Fair Oaks nahe Sacramento in Englisch und Journalismus unterrichtet. Jordan trägt am rechten Handgelenk ein hellblaues Band, auf dem steht: "Keep hope alive - Bring Laura home". Jordan hat mehrere Mahnwachen organisiert. Er fürchtet, dass Präsident Barack Obama weiter einen harten Kurs gegen Nordkorea fährt. Das Schicksal der Frauen wird sich wohl in einem politischen Pokerspiel entscheiden. Für ihre Familien und Freunde ein Albtraum.

Wie Laura Ling und Euna Lee in Gefangenschaft gerieten, ist nicht ganz geklärt. In China trafen sie aus Nordkorea geflüchtete Frauen zum Interview. Viele von ihnen müssen als Prostituierte arbeiten oder werden als Bräute an chinesische Bauern verkauft. Laura Ling twitterte vor der Festnahme über die Recherche: "Viele traurige Geschichten."

Am 17. März waren Ling und Lee am Grenzfluss Tumen. Der ist im Frühjahr noch zugefroren, das nutzen viele Flüchtlinge aus. Ling und Lee sollen auf nordkoreanische Soldaten getroffen sein. Nach der Festnahme wurden die Frauen zum Verhör nach Pjöngjang gebracht und getrennt voneinander eingesperrt. Sie dürfen sich nur selten sehen.

Furchtlos, aber nicht waghalsig

Es ist nicht das erste Mal, dass Laura Ling bei ihrer Arbeit in Gefahr geriet. Sie berichtete aus den Slums in Haiti und vom Aufstand der Mönche in Myanmar. Bei einer Reportage über den Drogenkrieg in Mexiko geriet sie in ein Feuergefecht. Auf dem Video sind Schüsse zu hören, dann steht sie neben einer Leiche in einem von Kugeln durchlöcherten Wagen und ruft "Oh, my God, oh, my God". War Laura Ling in Nordkorea noch unvorsichtiger? Ihre Freundin Cheryll Marsh sagt: "Laura ist neugierig und furchtlos. Aber sie ist nicht waghalsig. Und Euna ist Mutter eines kleinen Kindes. Beide würden nie etwas Verrücktes machen."

Vor zwei Wochen klingelte bei Laura Lings Schwester Lisa spätabends das Telefon. Lisa hörte eine leise, schwache Stimme sagen: "Hi, Li, ich bin es, ich brauche deine Hilfe." Lisa berichtete später in TV-Interviews von dem vier Minuten langen Telefonat: "Meine Schwester hat erzählt, dass sie anständig behandelt wird, aber sie hat Angst. Sie hat schreckliche Angst."

Das kommunistische Nordkorea schottet sich von der Welt ab, über seine Gefängnisse dringt kaum etwas nach außen. Die wenigen Menschen, denen nach der Haft die Flucht ins Ausland gelang, berichten von unmenschlichen Grausamkeiten. Pang Bun Ok, 55, verbrachte ein halbes Jahr im Arbeitslager Musan. "Wir wurden wie Tiere behandelt", sagt sie, jeden Tag starb mindestens ein Gefangener an den Tritten und Schlägen der Aufseher. Eine 21-Jährige, die im siebten Monat schwanger war, weigerte sich, das Kind abzutreiben. Polizisten zwangen sie auf den Boden und riefen zwei männliche Häftlinge herbei. Sie legten ihr eine Planke über den Bauch. Die Männer sprangen so lange auf dem Brett herum, bis das Baby tot zur Welt kam.

Gnadenloser Herrscher

Auch den Herrscher in diesem Schattenreich kennen nur wenige. Seit 1997 steht Kim Jong Il offiziell an der Spitze von Staat und Partei, er wird wie ein Gott verehrt. Beim Besuch von US-Außenministerin Madeleine Albright im Oktober 2000 bezeichnete er sich scherzhaft als den letzten "kommunistischen Teufel". Anders als erwartet erlebte Albright aber nicht den verschlossenen, schüchternen Einsiedler, der unter seinem Stottern leidet, sondern einen respektvollen, charmanten Mann und "ausgezeichneten Zuhörer". Der heutige russische Ministerpräsident Wladimir Putin fand ihn "gebildet" und "intelligent".

Und doch ist Kim Jong Il ein gnadenloser Machtpolitiker. Tausende Nordkoreaner sind in den vergangenen Jahren ins Ausland geflohen, unter ihnen auch enge Vertraute des Diktators. Ihre Erzählungen ergeben ein aufschlussreiches Porträt, auch wenn die Details oft an die holzschnittartigen Feindbilder des Kalten Kriegs erinnern. Da sorgen 2000 Tanz- und Freudenmädchen für die Unterhaltung Kims, selbst die Parkplätze seiner Paläste sind mit Marmor verkleidet.

Sein ehemaliger Leibwächter Lee Young Guk berichtete, dass Kim aus Angst vor Anschlägen ständig seinen Aufenthaltsort wechselt. Meist in der Nacht, um amerikanischen Spionagesatelliten zu entgehen. Selbst enge Vertraute werden erst Minuten vor der Abfahrt informiert. Dann rast die Kolonne mit 200 Stundenkilometern durch die Dunkelheit: zehn schwarze Mercedes mit dem Kennzeichen 2.16, nach Kims Geburtstag am 16. Februar.

Unpassender Lebenseinstieg

Nach offiziellen Angaben wurde er 1942 in einer Holzhütte am Fuße des Berges Paekdu geboren. Die Natur habe seine Geburt mit einem doppelten Regenbogen begrüßt, in der Nacht soll am Himmel ein neuer Stern erschienen sein. Wahrscheinlicher ist, dass Kim bereits ein Jahr früher in einem russischen Basislager für koreanische Guerilleros zur Welt kam, die gegen die Japaner kämpften. Doch die Geburt auf ausländischem Boden passte nicht ins Konzept der Propaganda.

Als Kim fünf Jahre alt war und die Familie bereits in der Residenz des Ministerpräsidenten wohnte, fiel sein jüngerer Bruder Shura im Beisein Kims in den Gartenteich und ertrank. Zwei Jahre später starb auch die Mutter - an den Folgen einer Bauchhöhlenschwangerschaft. "Kim Jong Il hat in seiner Jugend viel gelitten", sagt Cho Sung Hoon, ein ehemaliger Spielkamerad, der inzwischen in Südkorea lebt. Kim fehlte vor allem die Zuneigung des Vaters Kim Il Sung, Nordkoreas Diktator über mehr als vier Jahrzehnte, der seinen Sohn stets vernachlässigt haben soll. Die Revolution war immer wichtiger als die Familie.

Auf einer geheimen Sitzung des Politbüros wurde Kim Jong Il 1974 zum Nachfolger seines Vaters bestimmt. Doch er musste noch 20 Jahre warten. Er nutzte die Zeit, um seine Machtbasis auszubauen. Zunächst modernisierte er den Propagandaapparat. Kim liebte Filme und wusste, welche Kraft die Bilder haben können. Weil er gute Schauspieler brauchte, ließ er 1978 die südkoreanische Filmdiva Choi Eun Hee entführen. Als sie nach achttägiger Schiffsreise in Nordkorea ankam, stand er am Kai und begrüßte sie mit den Worten: "Danke, dass Sie gekommen sind, Madame Choi, ich bin Kim Jong Il."

Der Terrorprinz

In den 70er und 80er Jahren war Kim als Chef der Spezialtruppen für Terroraktivitäten im Ausland zuständig. 1987 starben 115 Menschen bei einem Sprengstoffanschlag auf Flug 858 der Korean Air. Eine Attentäterin war die damals 26-jährige Kim Hyon Hui, die später angab, ihren Befehl direkt von Kim Jong Il erhalten zu haben.

Nachdem sein Vater 1994 an einem Herzinfarkt gestorben war, wurde der Sohn als künftiges Staatsoberhaupt präsentiert. Während sein Land in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die schlimmste Hungersnot seit dem Ende des Koreakrieges erlitt, schickte Kim seinen japanischen Chefkoch Kenji Fujimoto ungeniert um die Welt, die edelsten Delikatessen zu beschaffen. Lange Jahre war er der größte Einzelkunde der französischen Cognacmarke Hennessy.

Kaum ein Ausländer hat Kim Jong Il je so genau beobachten können wie der russische Präsidialbeauftragte Konstantin Pulikowski, der ihn im Sommer 2001 bei einer 24-tägigen Reise durch Russland begleitete. Kims gepanzerter Sonderzug bestand aus 21 Wagen. Der Diktator trank französische Weine und aß mit silbernen Stäbchen. In Frischwassertanks wurden lebende Hummer transportiert. Die Russen amüsierten sich besonders über vier junge Hostessen in Schaffneruniformen, die für Kims Unterhaltung zuständig waren.

Weit weg vom Volkswillen

"Ich bin das Ziel von Kritik aus der ganzen Welt. Aber ich glaube, solange die Leute über mich diskutieren, bin ich auf dem richtigen Weg", vertraute der Diktator Pulikowski an. Im Jahr 2006 sendete Radio Pjöngjang einen Beitrag über das Lieblingslied des "Geliebten Führers". Darin findet sich die Zeile: "Ich werde meinen Weg voller Hoffnung gehen, selbst wenn niemand mich versteht."

Vergangenen Sommer erlitt der Diktator wahrscheinlich einen Schlaganfall. Als möglicher Nachfolger gilt derzeit sein jüngster Sohn, Kim Jong Un, 26, der einen Teil seiner Schulzeit an der Internationalen Schule in Bern verbrachte. Er gab sich als Sohn eines Chauffeurs der nordkoreanischen Botschaft aus.

Aber noch versucht Kim Jong Il zu demonstrieren, dass er die Zügel in der Hand hat. Zuletzt zeigte die nordkoreanische Propaganda Fotos, auf denen er - sichtlich geschwächt - ein kleines Hallenbad einweiht. Umso entschlossener droht er mit militärischer Stärke. Künftig werde Nordkorea nicht nur aus Plutonium Bomben bauen, ließ er ankündigen, sondern zusätzlich auch aus angereichertem Uran. Staatliche Medien schüren im Land die Angst vor einem Atomkrieg.

Verhandeln mit "Außerirdischen"

Mit wachsenden Spannungen schwinden die Hoffnungen auf eine baldige Freilassung der inhaftierten Journalistinnen. In den USA wird vermutet, dass sich Al Gore hinter den Kulissen für sie einsetzt. Der ehemalige US-Vizepräsident ist Vorsitzender ihres Arbeitgebers Current TV. Manche erwarten, dass Gore selbst zu Verhandlungen nach Pjöngjang fliegt, doch mit so einem Gesprächspartner dürften sich die Nordkoreaner zu sehr aufgewertet fühlen.

Unterhändler könnte deshalb auch Bill Richardson sein. Schon zweimal erwirkte der Gouverneur aus New Mexiko die Freilassung von Amerikanern aus nordkoreanischen Gefängnissen. Es waren harte Verhandlungen. "Die Nordkoreaner", sagt Richardson, "denken nicht wie wir. Sie leben in ihrer eigenen Welt."

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