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Nordkoreas graue Eminenz Warum Kims Onkel Jang weg musste


Lange hielt Jang Song Thaek seine Hand über Kim Jong Un - bis er in Ungnade fiel und hingerichtet wurde. Die Anklageschrift erfüllt jedes Klischee über das dekadente Leben von Diktatur-Funktionären.
Von Niels Kruse

Der sprichwörtliche kurze Prozess – in der Diktatur Nordkorea ist er noch unrühmlicher Brauch. Nicht einmal eine Woche ist vergangen, in der das Regime einen der ihren einfach so ausradiert hat – und das, für nordkoreanische Verhältnisse äußerst ungewöhnlich, in aller Öffentlichkeit. Vor einigen Tagen wurde Jang Song Thaek, Onkel des Machthabers Kim Jung Un und graue Eminenz des Landes, auf einer Parteiversammlung vor laufenden Kameras festgenommen, am Donnerstag vor Gericht gestellt und nach dem Todesurteil sofort hingerichtet. Durch den Strang oder per Maschinengewehr – darüber gehen die Meinungen auseinander.

Was genau dem langjährigen Protegé des Jung-Diktators vorgeworfen wird, enthüllt die knapp 3000 Worte umfassende Anklage - nicht einmal zwei DIN-A4-Seiten, die so ziemlich jedes Klischee über das verlogene und ausschweifende Leben von Diktatur-Funktionären erfüllen: So habe Jang unangemessene Beziehungen zu Frauen unterhalten, Sexbildchen verteilt, dekadente Partys gefeiert, er habe Drogen genommen und allein im Jahr 2009 viereinhalb Millionen Euro im Ausland verjuxt. Zudem soll er Rohstoffe und Industriegüter unter der Hand verkauft haben. Kurzum: "Er ist dem kapitalistischen Lebensstil verfallen" und sei "verabscheuungswürdiger menschlicher Abschaum und schlimmer als ein Hund", wie es in den offiziellen Agenturmeldungen heißt.

Jang will Putschpläne gestanden haben

Das allein würde in dem Land schon ausreichen, um hingerichtet zu werden. Doch Jang soll zudem auch eine (verbotene) Fraktion innerhalb der Kommunistischen Partei sowie Pläne zu einem Staatsstreich geschmiedet haben - was er vor dem Militärtribunal auch zugegeben habe. Dagegen wirkt es beinahe lächerlich und beängstigend zugleich, dass in der Anklage erwähnt wird, Jang habe sich nach der Wahl Kim Jung Uns zum Vorsitzenden der Militärkommission arrogant und unverschämt verhalten, weil er nur "halbherzig geklatscht" habe.

Selbst wenn lediglich ein Teil der Vorwürfe stimmen - offenbar war Jang Song Thaek seinen obersten Führungskollegen ein Dorn im Auge und musste weg. Warum und welche Auswirkungen das auf die Atommacht Nordkorea haben wird, darüber sind sich selbst Kenner des Landes uneins. Die Seite NKNews, die sich mit dem isolierten Kim-Reich beschäftigt, hat einige Fachleute befragt. Nahezu alle sagen, dass sie schlicht nicht wüssten, was genau in der Hauptstadt gerade vor sich gehe. Andrej Lankov, Korea-Forscher von der Kookmin-Uni Seoul, glaubt, dass Kim Jong Un mit der öffentlich zelebrierten Demontage vor allem eines deutlich machen wolle: "Niemand ist mehr sicher. Wenn er entscheidet, jemanden zu töten, wird es niemand wagen, ihm zu wiedersprechen", schreibt er. So gesehen wäre der junge Despot tatsächlich gerade dabei, seine Macht und seinen Herrschaftsanspruch zu zementieren.

Welche Rolle spielt die Tante?

Und dann ist da noch Kims Tante Kim Kyong Hui, Jangs Witwe, Generälin und Schwester des verstorbenen Machthabers Kim Jong Il. Auch sie gilt als eine der einflussreichsten Strippenzieher des Landes. Laut des Seouler Instituts NKSIS, das von nordkoreanischen Flüchtlingen betrieben wird, habe sie zusammen mit ihrem Neffen entschieden, ihren Mann über die Klinge springen zu lassen. Die Forscher stützen sich dabei auf Aussagen aus dem Land selbst. Als Grund sei genannt worden, die Kims versuchten, die Macht der Familie wieder zu stärken – was ein Hinweis darauf sein könnte, dass der Diktator bislang doch nicht so fest im Sattel gesessen hat, wie angenommen. Für Nordkorea-Astrologen brechen spannende Zeiten an.


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