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Obama und Sarkozy im Libyen-Konflikt: Showtime für den französischen Falken

In der Libyen-Krise hat sich auf der internationalen Bühne ein Rollentausch vollzogen: Nicht der Amerikaner Obama gibt den hemdsärmeligen Welten-Sheriff, sondern der Franzose Sarkozy.

Von Florian Güßgen

Der Gegensatz könnte krasser nicht sein. Es ist Samstag, der erste Tag der Angriffe auf Muammar al Gaddafis Libyen. Barack Obama ist nicht zu Hause, sondern auf Tour in Brasilien. Von einem Hotel in Brasilia aus erklärt der US-Präsident seiner Nation und der Welt, wie und warum Amerika bei den Militärschlägen mitmacht. Er spricht von der Uno-Resolution, von einer breiten Koalition und vor allem davon, dass der Einsatz eines sein wird: begrenzt. Zu sehen ist ein vorsichtiger, ein eigentlich widerwilliger US-Präsident, ein zögerlicher Weltensheriff, mit Sicherheit kein breitbeiniger Cowboy.

Ganz anders die Szenerie am selben Tag in Paris. Im Präsidentenpalast, dem Elysée, nutzt Nicolas Sarkozy die illustre Kulisse der Libyen-Konferenz, um Frankreichs, um seine führende Rolle bei der Intervention zu untermauern. Französische Jets seien unterwegs, verkündet der französische Präsident. Und er spart nicht an feierlichen, bedeutungsschwangeren Worten: "An der Seite seiner arabischen, europäischen und amerikanischen Partner hat Frankreich entschieden, seine Rolle anzunehmen, seine Rolle vor der Geschichte", sagt Sarkozy. Wir haben das Sagen, lautet die Botschaft. Ich habe das Sagen.

Der Sheriff ist derzeit ein Gendarm. Obama und Sarkozy haben in der Libyen-Krise einen bemerkenswerten Rollentausch vollzogen, der zumindest zeigt, dass Washington seine Position als Weltmacht neu interpretiert und darauf dringt, die Funktion des Weltpolizisten neu aufzuteilen. Obama scheut die Haudrauf-Philosophie seines Vorgängers George W. Bushs - und eröffnet so Lücken, schafft scheinbar ein Machtvakuum. Plötzlich ist Platz für andere. Wie jetzt für Sarkozy.

Die Libyen-Krise bot Sarkozy eine Chance

Mit seinem Auftreten in der Libyen-Krise hat Sarkozy eine Meisterleistung in Sachen außenpolitischer Instant-Profilierung abgeliefert. Die Revolutionen in Tunesien und in Ägypten verschlief Paris noch, Außenministerin Michèle Aillot-Marie musste wegen eines Skandals gehen, Sarkozy selbst sah denkbar schlecht aus. Das hat sich nun geändert. Libyen bot Sarkozy eine Chance, die er nutzte. In Windeseile mutierte der schillernde Franzose von einem Partner Gaddafis zu dessen erbittertstem Feind. Früh forderte Sarkozy die Einrichtung einer Flugverbotszone, als erster westlicher Staatschef erkannte er den Nationalrat der Rebellen als "legitime Vertretung des libyschen Volkes" an und als ständiges Mitglied im Uno-Sicherheitsrat drang Frankreich, in enger Abstimmung mit den Briten, auf die Verabschiedung der schon jetzt historischen Resolution 1973. Dass Sarkozy mit seinem Vorpreschen seine europäischen Partner, allen vor an chère Angela, vergrätzte, scherte ihn kaum. Als der Sicherheitsrat seinen Segen zu der Intervention gegeben hatte, lud Sarkozy zur großen Konferenz nach Paris. Mit seinem demonstrativen "Go" für die militärische Mission unterstrich er, dass derzeit die Franzosen den Part der Amerikaner spielen. Et voilà.

Dem innenpolitisch stark angeschlagenen Präsidenten, der auch bei den Kommunalwahlen am Wochenende noch einen herben Schlag hinnehmen musste, ist so ein Jahr vor der Präsidentenwahl immerhin ein Coup gelungen. Die Grande Nation, die schon lange darunter leidet, dass sich ihr Weltmachtanspruch nicht mehr mit der Wirklichkeit einer in Europa eingehegten Mittelmacht deckt, klatschte Beifall, von rechts bis links. Eine humanitäre Intervention zum richtigen Zeitpunkt. Bravo. Vergesst die Europäische Union, vive la France! Mit dem eher linken Star-Philosophen Bernard-Henri Lévy hat Sarkozy bei seiner Interventions-Politik zudem einen populären Verbündeten an seiner Seite. Bei den libyschen Rebellen sind die Franzosen Helden.

Der US-Präsident überließ ihm das Rampenlicht

Und der US-Präsident? Dem kommt Sarkozys Showtime offenbar sehr zupass. "Obama hat das Rampenlicht und, vielleicht, auch einen gewissen Teil der Kontrolle gerne einem französischen Staatsmann überlassen, der sehr unterschiedliche Zielen und Interessen verfolgt", schreibt das US-Online-Magazin Politico. Denn Obama wandelt bei der US-Beteiligung an der Libyen-Intervention auf einem ungleich schmaleren Grat als Sarkozy. Er muss die gesamte US-Außenpolitik angesichts der Umwälzungen im so wichtigen arabischen Raum neu justieren, während die in der Heimat unpopulären militärischen Missionen im Irak und in Afghanistan weiterhin belastende Hypotheken darstellen und es Dauerbrenner wie den schwelenden Atomkonflikt mit dem Iran gibt. Das Weiße Haus tut sich schon schwer genug, im Zwiespalt zwischen alten, autoritären Freunden und demokratisch gesinnten Demonstranten den richtigen Ton zu treffen. Da ist eine militärische Verstrickung in einem dritten muslimischen Land, eben Libyen, hoch riskant, innen- und außenpolitisch. Deshalb kommt der zeitweilige Rollentausch mit den Franzosen sehr gelegen. Er könnte als Blaupause dafür dienen, dass der westliche Hegemon durchaus bereit ist, andere Staaten in Einzelfällen die Führung zu überlassen. Dass das immer dieselben Staaten sein werden, ist ohnehin unwahrscheinlich.

Obama hat lange gezögert

Obama hat lange gezögert, bis er sich zu einer Intervention in Libyen durchringen konnte. Bis in die vergangene Woche hinein hatte er laut einer Darstellung des US-Magazins "Foreign Policy" zwischen den verschiedenen Lagern in seiner Regierung geschwankt, zwischen den Interventionsskeptikern um seinen Verteidigungsminister Robert Gates und seinen Sicherheitsberater Tom Donilon und den Befürwortern einer Militäraktion, dem demokratischen Senator John Kerry etwa, oder der Uno-Botschafterin Susan Rice. Nun versuchen die USA, möglichst schnell möglichst viel der militärischen Strukturen Gaddafis zu zerstören, um dann die militärische Führung im Idealfall möglichst schnell an die Nato zu übergeben. Washington hofft dabei, ein Signal auch an die Herrscher im Jemen, in Syrien und mit Abstrichen auch in Bahrain zu senden: Wähnt euch nicht in Sicherheit, wir sind unter Umständen auch bereit, militärisch einzugreifen. Sollte Gaddafi schnell stürzen, wäre gegenüber den Falken im eigenen Land überdies der Beweis erbracht, dass sich ein multilaterales Engagement der USA auszahlt, dass es sogar eine taktische Alternative zur Rolle des "widerwilligen Sheriffs" gibt, wie David J. Rothkopf ebenfalls für "Foreign Policy" schreibt. Die Risiken versucht Obama durch die Option eines schnellen Rückzugs gering zu halten. Was die USA unternehmen, sollte sich Gaddafi dauerhaft an der Macht halten können, ist dagegen offen.

Wie genau die neue Rollenteilung zwischen Obama und Sarkozy sich niederschlägt, kann man dieser Tag auch an der Mission ablesen, die die Nato demnächst in Libyen spielen wird. Am Dienstag gab das Bündnis bekannt, dass es die Sicherung der Flugverbotszone übernehmen wolle. Wie die Führung geregelt sein soll, ist jedoch noch unklar. Die USA wollen diese Funktion bald übergeben, Frankreich steht einer herausragenden Rolle des Militärbündnisses skeptisch gegenüber.