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Olympischer Fackellauf: San Francisco rüstet sich für Tumulte

In San Francisco zeichnet sich ab, dass es zu heftigen Protesten gegen den olympischen Fackellauf geben wird. Während die Tibet-Aktivisten prominente Unterstützer haben, baut die Stadtverwaltung vor allem auf ihre Sicherheitskräfte. Besondere Brisanz erhält die Lage durch die große chinesische Gemeinde der Stadt.

Die Barrikaden entlang der Hafenpromenade in San Francisco stehen bereit. Zum olympischen Fackellauf in der Westküstenmetropole sind Polizisten aus Nachbarstädten zur Verstärkung angereist. Zehntausende Demonstranten und Schaulustige, darunter Exil-Tibeter aus allen Teilen der USA, wurden in San Francisco erwartet. Nach den schweren Tumulten und Verhaftungen in London und Paris hat sich die Stadt für Massenproteste gegen die Tibet-Politik Chinas gerüstet.

Die Route könnte kurzfristig verändert und der Lauf vorzeitig abgebrochen werden, stellte Bürgermeister Gavin Newsom in Aussicht. Die Sicherheitsvorkehrungen seien deutlich verschärft worden, sagte der Politiker. "Alles kann sich kurzfristig ändern", nur an dem Startschuss für den Fackellauf um 13.00 Uhr Ortszeit (22.00 Uhr MESZ) wollten sie festhalten.

Friedensnobelpreisträger demonstriert

Geradezu "Ruhe vor dem Sturm" herrschte, als tausende Demonstranten friedlich protestierten. Bei einer abendlichen Kundgebung und Mahnwache rief der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu zum Boykott der Olympia-Eröffnungsfeier auf. Er appellierte an die Staatschefs in aller Welt, der Zeremonie in Peking aus Solidarität mit dem tibetischen Volk fernzubleiben. Er hoffe auf friedliche Proteste beim Fackellauf, sagte der Erzbischof.

Hollywoodstar Richard Gere, Buddhist und ein Freund des Dalai Lama, trat in Begleitung von tibetischen Mönchen vor die Menge. Gere las Auszüge aus einem Brief des Dalai Lama vor, in dem das religiöse Oberhaupt der Tibeter auf die Notwendigkeit gewaltloser Aktionen verweist. Tibet-Unterstützter hatten zuvor symbolisch eine "Tibetische Freiheitsfackel" entzündet und sie mehrere Stunden durch die Stadt getragen.

Demonstranten wollen die Fackel aufhalten

Doch bei Parolen wie "Freiheit für Tibet", "Lange lebe der Dalai Lama" und "Nieder mit China", dürfte es bei dem Fackellauf nicht bleiben. "Ich hoffe wirklich, dass wir es schaffen, die Fackel aufzuhalten und die Zeremonie zu stören", sagte die 18 Jahre alte Studentin und Exil-Tibetin Tenzin Seldon. "Dies ist einer der wenigen Momente, wo die ganze Welt hinschaut". Seldon ist Mitglied bei der Gruppe "Studenten für ein freies Tibet", die am Montag nach einer spektakulären Kletterpartie Transparente auf der Golden-Gate-Brücke aufgehängt hatten. "Wir verlangen ja nur, dass die chinesische Regierung mit dem Dalai Lama ins Gespräch kommt."

Stationen des Fackellaufs

Chris Daly vom Stadtrat lud die Einwohner von San Francisco dazu ein, die Fackel "gewaltlos, aber doch auf höchst kämpferische Weise" zu begrüßen. Erst kürzlich hatten die Stadtväter der liberalen Hochburg eine Resolution verabschiedet, wonach das olympische Feuer mit "Alarm und Protest" empfangen werden sollte. Die chinesische Gemeinde in San Francisco, die immerhin 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, reagierte empört.

Eine Gruppe nackter Demonstranten

"Es wird bestimmt nicht langweilig werden", sagte Bürgermeister-Sprecher Nathan Ballard in der "New York Times". So wollte eine Gruppe zum Protest nackt neben den Fackelträgern herlaufen. Einem 14-Jährigen Mädchen, das ursprünglich zu den 80 ausgewählten Trägern zählte, ist die Anspannung bereits zu viel geworden. Aus Angst vor möglichen Ausschreitungen sei die Läuferin abgesprungen, berichtete der lokale Fernsehsender "Channel 4".

IOC-Präsident Jacques Rogge wird in Peking mit Chinas Premierminister Wen Jiabao über den Stand der Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele sprechen. Dies bestätigte der Norweger Gerhard Heiberg, Mitglied des Exekutiv-Komitees des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Zudem trifft sich die IOC-Exekutive am Nachmittag zu einer bereits am Wochenende anberaumten außerordentlichen Sitzung, in der auch die weitere Vorgehensweise beim olympischen Fackellauf nach den zahleichen Protestaktionen diskutiert werden soll.

"Wir überlegen Änderungen für die Zukunft"

Nach den teilweise gewalttätigen Ausschreitungen beim Fackellauf in London und Paris haben sich die IOC-Mitglieder am Mittwoch am Rande der olympischen Woche in Peking entschieden gegen einen vorzeitigen Abbruch des Fackellaufs ausgesprochen. Bereits zuvor hatte IOC-Präsident Rogge im französischen Fernsehen Gerüchte in verschiedenen Medien zurückgewiesen, es werde ein frühzeitiges Ende des Fackellaufs in Erwägung gezogen. "Es ist ein Gerücht, das falsch ist. Es gibt keine Diskussion in diese Richtung."

DPA / DPA